Angebotsentwicklung an einer kleinen Hochschule – (k)ein einfacher Weg?!

Ein Beitrag von Doreen Weichert, Projekt PRAWIMA, 22.04.2020


Die Evangelische Hochschule Dresden (ehs) ist eine staatlich anerkannte Stiftungshochschule mit rund 700 Studierenden. Die Studien-, Forschungs- sowie Fort- und Weiterbildungsangebote liegen in den Bereichen Soziale Arbeit, Kindheitspädagogik, Pflege, Beratung und Sozialmanagement. Seit ihrer Gründung 1991 versteht sich die ehs in vielerlei Hinsicht als offene Hochschule im weiteren Sinne. Berufsbegleitende Studienangebote, ein starker Praxisbezug, die Lernortverknüpfung, ein Zugang zum Studium ohne Abitur sowie die Anrechnung bzw. Anerkennung (außer-)hochschulischer Leistungen gehören traditionell zum Portfolio der Hochschule. Die ehs pflegt Kooperationen mit zahlreichen Hochschulen in Ost- und Westeuropa und fördert die Studierendenmobilität. Die Hochschule pflegt ein offenes Diskussionsklima und engagiert sich aktiv für Gleichstellung und Menschenrechte.

Mit dem im Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ geförderten Projekt PRAxisWIssenschaftsMAster (PRAWIMA) bekam die Hochschule im August 2014 die Möglichkeit, ein innovatives Gesamtkonzept berufsbegleitenden Studierens bis zum Masterabschluss in den Bereichen Pflege und Kindheitspädagogik zu entwickeln.

Ausgangspunkt war die in den beiden Handlungsfeldern bestehende Notwendigkeit einer Akademisierung des Personals aufgrund komplexer werdender Anforderungen im Berufsalltag. In der Kindheitspädagogik betrifft dies eine Erweiterung des pädagogischen Aufgabenverständnisses (Bildungsauftrag, Chancengerechtigkeit unter Beachtung von Interkulturalität und Lebenslagenphänomen) und eine Erweiterung des Berufsfeldes von der Bildung und Erziehung von Kindern in Tageseinrichtungen zu Aufgaben in den Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Schule. Außerdem kommen in Zusammenhang des quantitativen Ausbaus von Plätzen der Kindertagesbetreuung Organisationsentwicklungsherausforderungen auf das Feld zu. In der Pflege gewinnt die Primärversorgung an Bedeutung. Angesichts der demographischen und epidemiologischen Entwicklungen in Deutschland verbunden mit versorgungsstrukturellen und ökonomischen Veränderungen sollen Pflegende, die auf Masterniveau ausgebildet sind, mehr Verantwortung im Sinne der erweiterten und vertieften Pflegepraxis (Advanced Nursing Practice) übernehmen. Die ehs wollte mit der Weiterentwicklung ihres Studienangebots diesem Bedarf entsprechen und – dem Grundgedanken des Bund-Länder-Wettbewerbs folgend – eine höhere Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung erreichen.

Im Projekt PRAWIMA sind in der Projektlaufzeit (2014-2020) die beiden berufsbegleitenden Studiengangkonzeptionen des Masters „Kindheitspädagogik“ und des Masters „Pflege – Schwerpunkt: Community Health Nursing (CHN)/Advanced Nursing Practice (ANP)“ entstanden, in letztgenannten Studiengang wird zum Sommersemester 2020 erstmalig immatrikuliert. Außerdem wurden im Berufsfeld „Kindheitspädagogik“ vier und im Berufsfeld „Pflege“ drei Zertifikatskurse als wissenschaftliche Weiterbildungen auf Masterniveau konzipiert und erprobt. In methodisch-didaktischer Hinsicht zeichnen sich die neu entwickelten Angebote durch Kompetenzorientierung, Lernortverknüpfung und Flexibilisierung des Lehr-Lernsettings durch Blended-Learning-Elemente aus. Damit hat PRAWIMA erheblich zur vertieften Auseinandersetzung mit Fragen der Digitalisierung von Studienangeboten an der ehs beigetragen. Darüber hinaus wurden bestehende Informations-, Beratungs- und Unterstützungsangebote für Studieninteressierte, Studienanfänger*innen und Studierende um den Workshop „Kompetent ins Studium“, den Brückenkurs „Entwicklungspsychologie“ sowie drei Selbstlernkurse zum wissenschaftlichen Arbeiten, Zeit-/Selbstmanagement sowie Work-Life-Learn-Balance erweitert.

In Anbetracht der Projektergebnisse lässt sich insgesamt ein sehr positives Resümee ziehen.

PRAWIMA hat Anstöße geliefert, Bedarfe eruiert, neue Angebote an der Hochschule entwickelt und etabliert, „alte“ Muster hinterfragt, Expertise für die Hochschule erarbeitet und damit maßgeblich zu einer langfristigen Öffnung und Weiterentwicklung der Hochschule beigetragen. Der Projekterfolg war möglich dank der zahlreichen mit Ausdauer auf interpersoneller Ebene geführten Debatten, Diskussionen und Gespräche zur Ideenfindung, Neuorientierung und Entwicklung. Dabei konnten die neuen Angebote trotz weitreichender Veränderungen, die die Hochschule insgesamt betrafen, entwickelt werden. Zu diesen Veränderungen zählen ein Hochschulleitungswechsel und eine seit mehreren Jahren andauernde und herausfordernde Erweiterung der Hochschule, die mit einem organisationalen Wandel verbunden ist. Nicht zu vergessen sei auch die aufgrund der Landtagswahl 2019 bisweilen unsichere politische Gemengelage, in der für das Projekt immens wichtige politische Entscheidungen in Bezug auf die öffentliche Finanzierung der berufsbegleitenden Masterstudiengänge auf Eis lagen.

Das Projektvorhaben betraf Fragen der Hochschulentwicklung auf allen Ebenen, es hinterfragte und war bisweilen unbequem. Hochschulentwicklung ist eben kein Spaziergang und geht nicht im Alleingang – gefühlt kommt es hin und wieder kleinen Erdbeben gleich, die gerade kleinere Hochschulen, wie die Evangelische Hochschule Dresden eine ist, ziemlich bewegen. Bis zum Projektabschluss im Juli 2020 richtet sich nun die Projektarbeit verstärkt auf Verstetigungsmöglichkeiten für die Angebote aus. So ist eine dauerhafte Aufnahme der wissenschaftlichen Weiterbildungen in das Portfolio des Sozialwissenschaftlichen Fortbildungsinstituts (sofi) des Zentrums für Forschung, Weiterbildung und Beratung an der ehs Dresden gGmbH angedacht sowie eine Verbindung der Unterstützungsangebote mit etablierten Informations-, Beratungs- und Unterstützungsstrukturen, z. B. über die Nutzung gemeinsamer Informationskanäle und Multiplikator*innen.

PRAWIMA ist ein Hochschulentwicklungsprojekt, das dank des Bund-Länder-Wettbewerbs und durch die zahlreichen Unterstützer*innen und Visionär*innen als Chance und Impulsgeber für die weitere Öffnung der Evangelischen Hochschule Dresden und die Professionalisierung der bislang eher wenig akademisierten Berufsfelder Kindheitspädagogik und Pflege angesehen werden kann. Den zahlreichen Begleiter*innen sei auf diesem Weg ein großer Dank ausgesprochen.

Kontakt

Johanna Schneider
Projektleitung
E-Mail: johanna.schneider@ehs-dresden.de
Tel.: 0351 46902-380

Doreen Weichert
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
E-Mail: doreen.weichert@ehs-dresden.de
Tel.: 0351 46902-368