Teilzeitstudium, berufsbegleitendes Studium und wissenschaftliche Weiterbildung

Eine Schärfung der Begriffe

Ein Beitrag von Sigrun Nickel

Bei der internen Tagung der wissenschaftlichen Begleitung am 29. und 30. Juni 2016 in Berlin wurde auf Seiten der Förderprojekte die immer wieder auftauchende Unschärfe der Begriffe Teilzeitstudium, berufsbegleitendes Studium und wissenschaftliche Weiterbildung diskutiert. Aus diesem Anlass gibt Sigrun Nickel, Leiterin Hochschulforschung am CHE Centrum für Hochschulentwicklung und Mitglied der wissenschaftlichen Begleitung, einen Überblick über die in der Forschungsliteratur gebräuchlichen Definitionen und ordnet diese ein.    

Alternativ zum traditionellen Vollzeitstudium lassen sich folgende flexible Studienformen unterscheiden (vgl. Bargel/Bargel 2014: 27):

  • Teilzeitstudium: die zeitliche Reduzierung des Studieraufwands bei Erhöhung der Stu­dierzeit, ob formell geregelt oder informell als Studierweise;
  • Fernstudium: der weitgehende Wegfall der Hochschule als Lernort;
  • Duales Studium: die Kombination zweier Lernorte mit einem festgelegten Wechsel von Studien- und Arbeitszeiten;
  • Berufsbegleitendes Studium: wird von Personen aus dem Berufsleben aufgenom­men und ist in seinem Ablauf und seinen Anforderungen entsprechend gestaltet;
  • Wissenschaftliche Weiterbildung: in das Konzept des lebenslangen Lernens eingebettete Qualifizierungsangebote, die an einen ersten Abschluss in der Berufsausbildung oder der Hochschulbildung anknüpfen;
  • Blended Learning: eine Kombination verschiedener Möglichkeiten des Online-Studie­rens mit Präsenzphasen an der Hochschule;
  • Individueller Studienverlauf: ein in Abhängigkeit von den individuellen Studienbedin­gungen ausgestalteter Studienablauf, der nach Beratung und Unterstützung vertraglich mit den Studierenden vereinbart wird.

Im Hochschulalltag werden diese Begriffe allerdings oft nicht trennscharf und teilweise synonym verwendet. Ein Beleg dafür sind die Statistiken im nationalen Bildungsbericht (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016) und im Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz (HRK)[1]. Die dort vorgenommene Differenzierung zwischen Dualem Studium, ausbildungs- und praxisintegrierendem Studium, Fernstudium, berufsbegleitendem Studium sowie Vollzeit- und Teilzeitstudium basiert rein auf Selbstzuschreibun­gen der Hochschulen. Es erfolgt keine Qualitätssicherung durch eine neutrale Instanz. Infolgedessen werden Studienangebote oft mehrfach zugeordnet. Von manchen Anbietern wird diese Polyvalenz auch gar nicht als Nachteil, sondern eher als Vorteil gesehen. Die Bezeichnung eines Angebots als „duales, weiterbildendes Teilzeitstudium“ spricht zum Beispiel mehr Zielgruppen an als dies eine Fokussierung auf eines der drei genannten Merkmale tun würde und steigert dadurch möglicherweise die Nachfrage. Umgekehrt kann eine solch multiple Charakterisierung Interessierten aber auch die Orientierung erschweren – Um was genau handelt es sich denn nun? Auch mit Blick auf die Qualitätssicherung ist dieses Vorgehen problematisch. Der inhaltliche und didaktische Kern verschwimmt und die Beurteilungsstandards sind nicht klar. Welche anderen Angebote kann ich als Vergleichsmaßstab heranziehen, um die Qualität einzuschätzen?    

Im Bereich des dualen Studiums hat die beobachtbare Tendenz zur Polyvalenz bereits zu Gegenmaßnahmen geführt. So hat u.a. der Wissenschaftsrat eine Begriffsschärfung vorgeschlagen und zwar vor allem in Abgrenzung zum berufsbegleitenden Studium. Als „dual“ sollen demnach nur solche Studiengänge gelten, die eine nachweisliche curriculare und organisatorische Verzahnung mit einer Ausbildung oder einer Berufstätigkeit herstellen (vgl. Wissenschaftsrat 2013: 9). Es muss also stets eine Integration von Ausbildung/Beruf und Studium erkennbar sein; ein bloßes Nebeneinander entspricht demnach nicht dem Qualitätsanspruch von dualen Studiengängen. Im Umkehrschluss fallen berufs-, praxis- oder ausbildungsbegleitende Studiengänge also nicht mehr unter dieses Label, wobei der Anspruch in der Praxis bei weitem (noch) nicht umgesetzt ist. Vor diesem Hintergrund hatte der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft im Jahr 2013 ein „Qualitätsnetzwerk Duales Studium“ ins Leben gerufen, in dem zehn deutsche Hochschulen zwei Jahre lang handlungsorientierte Vorschläge zur Verbesserung insbesondere der Theorie-Praxis-Verzahnung erarbeitet haben (vgl. Nickel/Püttmann 2015). Eine ähnliche Initiative für das berufsbegleitende Studium gab es bislang nicht.

Oft wird das berufsbegleitende Studium nicht nur mit dem dualen Studium, sondern auch mit einem Teilzeitstudium (vgl. Minks et al. 2011: 14) oder einer postgradualen wissenschaftlichen Weiterbildung (vgl. Lobe 2015: 2-5) gleichgesetzt, was bei genauerem Hinsehen jedoch nur eingeschränkt zutreffend ist. So bezeichnet der Begriff „Teilzeitstudium“, wie aus der Übersicht eingangs dieses Artikels hervorgeht, lediglich eine zeitliche Ausweitung der zur Verfügung stehenden Studienzeit bei gleichzeitiger Reduzierung des Studieraufwands (Workload, ECTS-Punkte). Im besten Fall handelt es sich bei dieser Studienform um ein regulär im Portfolio einer Hochschule verankertes Angebot. Es gibt aber auch ein informelles Teilzeitstudium (vgl. Lah et al. 2016: 7), d.h. als Vollzeitstudierende eingeschriebene Personen studieren de facto mit reduziertem Einsatz und nehmen dafür ggf. Nachteile in Kauf. In jedem Fall ist ein Teilzeitstudium formal nicht an eine Berufstätigkeit gekoppelt und hält auch keine spezifischen didaktischen Konzepte und Studienstrukturen bereit, die auf die Bedürfnisse berufstätiger Studierender eingehen (wie z.B. Seminare am Abend und am Wochenende, einen hohen Anteil von Online-Lernmöglichkeiten oder besondere Betreuungs­angebote). Berufsbegleitende Studiengänge dagegen sind explizit darauf zugeschnitten, aka­demische Qualifikationen parallel zu einer Erwerbsarbeit zu vermitteln. Anders als im dualen Studium besteht allerdings nicht der Anspruch, Arbeitsplatz und Hochschulstudium organisatorisch und curricular eng miteinander zu verzahnen: „Mitunter sind die Arbeitgeber nicht einmal über das Studium ihrer Auszubildenden bzw. Angestellten infor­miert“ (Wissenschaftsrat 2013: 8). Darüber hinaus müssen berufsbegleitend Studierende nicht unbedingt über einschlägige Berufserfahrungen in der Fachrichtung verfügen, in der ihr ne­benberufliches Studium angesiedelt ist (vgl. Minks et al. 2011: 30). Beispielweise könnte ein Ingeni­eur nebenbei Philosophie studieren, sofern er das möchte, ein entsprechendes Angebot be­steht und er die Zulassungskriterien erfüllt.

Auch zwischen dem berufsbegleitenden Studium und der wissenschaftlichen Weiterbildung lassen sich systematische Unterschiede finden. Grundlegend wird Weiterbildung definiert als „Fortsetzung oder Wiederaufnahme organisierten Lernens nach Abschluss einer unterschiedlich ausgedehnten Ausbildungsphase“ (Deutscher Bildungsrat 1970: 197). Eine Spezifizierung für den wissenschaftlichen Bereich hat die Kultusministerkonferenz (KMK 2001) vorgenommen. Danach muss die wissenschaftliche Weiterbildung dem fachlichen und didaktischen Niveau der Hochschule entsprechen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Aussage, dass die Teilnahme an einer Veranstaltung in diesem Segment nicht notwendigerweise einen Hochschulabschluss voraussetzt. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass „wissenschaftliche Weiterbildung nicht nur von Hochschulen, sondern grundsätzlich auch von anderen Einrichtungen angeboten werden kann; sie muss nur dem Niveau von Hochschulen entsprechen“ (Kamm et al. 2016: 137-138).

Die wissenschaftliche Weiterbildung nimmt eine Sonderrolle im Portfolio von Hochschulen ein. Häufig ist sie in einem eigenen Institut innerhalb oder auch außerhalb von Hochschulen verankert, sie ist markt- und wettbewerbsförmig organisiert und offeriert daher überwiegend kostenpflichtige Angebote (vgl. Wolter 2011). Ihre Angebotspallette ist relativ breit gefächert und besteht nicht nur aus Studiengängen, sondern umfasst auch punktuelle Kurse und kürzere Qualifizierungsprogramme, die mit einem Zertifikat abschließen. Berufsbegleitende Studienangebote können, sofern sie im Weiterbildungsbereich angesiedelt sind, ein Element wissenschaftlicher Weiterbildung sein (vgl. Lobe 2015: 3). Drei Typen von berufsbegleitenden Studiengängen lassen sich in der Praxis unterscheiden (vgl. Völk/Netz 2012):

  • Fernstudiengänge: Diese erfordern die Anwesenheit der Studierenden nur bei Auftakt­veranstaltungen und Prüfungsterminen. Ansonsten finden Lehre und Studium, wie oben beschrieben, weitgehend online außerhalb der Hochschule statt. 26 Prozent der berufs­begleitenden Studiengänge sind in dieser Weise organisiert.
  • Präsenzstudiengänge: Diese können zwar Online-Lernphasen enthalten, finden aber überwiegend an der Hochschule statt und setzen daher eine regelmäßige Anwesenheit voraus. 58 Prozent der berufsbegleitenden Studiengänge folgen diesem Muster.
  • Mischformen: Diese sind nach dem oben beschriebenen Prinzip des Blended Learning aufgebaut, d.h. Präsenz- und Online-Phasen greifen während des Studiums ineinan­der. Der Anteil berufsbegleitender Studiengänge, die dieses Verfahren nutzen, beträgt 16 Prozent.   

Lange beschränkte sich das berufsbegleitende Studium auf den postgradualen (Weiterbildungs-)Bereich, d.h. auf die Phase nach dem Erwerb eines ersten Hochschulabschlusses. Noch immer erwähnen die Strukturvorgaben der Kultusministerkon­ferenz im Kontext des berufsbegleitenden Studiums nur weiterbildende Mas­terstudiengänge, welche „die beruflichen Erfahrungen berücksichtigen und an diese anknüpfen“ (KMK 2010: 5). Dennoch haben sich inzwischen auch berufsbegleitende Bachelorstudiengänge etabliert, die nicht nur im Weiterbildungsbereich von Hochschulen angesiedelt sind (vgl. Minks 2011).

Eines der wenigen Bundesländer, welches das berufsbegleitende Bachelorstudium explizit in seinem Landeshochschulgesetz erwähnt, ist Baden-Württemberg:

„Ein weiterbildender Bachelorstudiengang ist ein grundständiger Studi­engang, der 1. sich an Personen richtet, die bereits über eine im sekundären Bildungsbereich erworbene Berufsausbildung verfügen, 2. an die in dieser Berufsausbildung erworbenen Kenntnisse und Kompetenzen anknüpft, auf diese aufbaut, sie vertieft und erweitert und 3. sich der Lernsituation dieses Personenkreises, insbesondere durch digitale Angebote, Fern­studienanteile oder Angebote in Randzeiten anpasst“ (Baden-Württemberg 2016: § 31 Abs. 2, 3, 5).

Ein Blick in den HRK Hochschulkompass zeigt, dass für die in dem Bundesland im Juli 2016 angebotenen 47 berufsbegleitenden Bachelorstudiengängen größtenteils hohe Stu­diengebühren anfallen. Allerdings werden diese überwiegend von privaten Hochschulen be­trieben, die anders als staatliche Hochschulen nicht nur im Weiterbildungsbereich, sondern auch im regulären Bachelor- und Masterstudium eine andere Gebührenpolitik verfolgen (dürfen) als ihre staatlichen Pendants. An Letzteren ist das berufsbegleitende Bachelorstudium kostenfrei, wenn es als grundständiges Angebot eingestuft und nicht der (kos­tenpflichtigen) wissenschaftlichen Weiterbildung zugerechnet wird.

Literatur

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2016): Bildung in Deutschland 2016. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration. Bielefeld. Download: http://www.bildungsbericht.de/ de/bildungsberichte-seit-2006/bildungsbericht-2016/pdf-bildungsbericht-2016/bildungsbericht-2016, abgerufen am 01.09.2016.

Baden-Württemberg (2016): Gesetz über die Hochschulen in Baden-Württemberg (Landeshochschulgesetz – LHG) vom 01.01.2005. Download: http://www.landesrecht-bw.de/jportal/portal/t/8ym/page/
bsbawueprod.psml/screen/JWPDFScreen/filename/HSchulG_BW.pdf
, abgerufen am 01.09.2016.

Bargel, T./Bargel, H. (2014): Studieren in Teilzeit und Teilzeitstudium – Definitionen, Daten, Erfahrungen, Positionen und Prognosen. Bielefeld.

Deutscher Bildungsrat (1970): Strukturplan für das Bildungswesen. Stuttgart.

Kamm, C./Schmitt, S./Banscherus, U./Wolter, A. (2016): Hochschulen auf dem Weiterbildungsmarkt. In: Wolter, A./Banscherus U./Kamm, C. (Hg.): Zielgruppen Lebenslangen Lernens an Hochschulen. Münster, S. 137-164. 

KMK Kultusministerkonferenz (2001): Sachstands- und Problembericht zur „Wahrnehmung wissenschaftlicher Weiterbildung an den Hochschulen“. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 21.09.2001.

KMK Kultusministerkonferenz (2010): Ländergemeinsame Strukturvorgaben für die Akkreditierung von Bachelor- und Masterstudiengängen. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 10.10.2003 i.d.F. vom 04.02.2010. Download: http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2003/
2003_10_10-Laendergemeinsame-Strukturvorgaben.pdf
, abgerufen am 01.09.2016.

Lah, W./Röwert, R./Berthold, C. (2016): Das Teilzeit-Studium an deutschen Hochschulen - Wo stehen wir und was ist möglich? Gütersloh. Download: http://www.che.de/downloads/CHE_AP_188_
Das_Teilzeit_Studium_an_deutschen_Hochschulen.pdf
, abgerufen am 01.09.2016.

Lobe, C. (2015): Hochschulweiterbildung als biografische Transition. Teilnehmerperspektiven auf berufsbegleitende Studiengänge. Wiesbaden.

Minks, K.-H./Netz, N./Völk, D. (2011): Berufsbegleitende und duale Studienangebote in Deutschland: Status quo und Perspektiven. Hannover. Download: http://www.dzhw.eu/pdf/pub_fh/fh-201111.pdf, abgerufen am 01.09.2016.

Nickel, S./Püttmann, V. (2015): Qualitätsentwicklung im dualen Studium. Ein Handbuch für die Praxis. Herausgegeben von Meyer-Guckel, V./Nickel, S./Püttmann, V./Schröder-Kralemann, A.-K. Essen. Download: http://www.stifterverband.de/pdf/handbuch_duales_studium.pdf, abgerufen am 01.09.2016.

Völk, D./Netz, N. (2012): Organisationsformen und Qualitätsdimensionen berufsbegleitender Studienangebote in Deutschland. In: Fogolin, A. (Hg.): Bildungsberatung im Fernlernen: Beiträge aus Wissenschaft und Praxis. Bielefeld, S. 45-65. Download: http://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/
31183/ssoar-2012-volk_et_al-organisationsformen_und_qualitatsdimensionen_berufsbegleitender_
studienangebote.pdf
, abgerufen am 01.09.2016.

Wissenschaftsrat (2013): Empfehlungen zur Entwicklung des dualen Studiums. Positionspapier. Mainz. Download: http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/3479-13.pdf, abgerufen am 01.09.2016.

Wolter, A. (2011): Die Entwicklung wissenschaftlicher Weiterbildung in Deutschland: Von der postgradualen Weiterbildung zum lebenslangen Lernen. In: Beiträge zur Hochschulforschung 4/2011, S. 8-35. Download: http://www.bzh.bayern.de/uploads/media/2011_4_Wolter.pdf, abgerufen am 01.09.2016.



[1] Der HRK Hochschulkompass ist eine nationale Datenbank, in der die Anbieter von Studiengängen in regelmäßigen zeitlichen Abständen ihre Angaben selbst eintragen und aktualisieren. Siehe dazu:  http://www.hochschulkompass.de/, abgerufen am 01.09.2016. Einige der Statistiken im nationalen Bildungsbericht beruhen auf dem dort gespeicherten Zahlenmaterial.


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