„Brückenbauen“ mit dem Integrationscampus der Technischen Hochschule Ingolstadt

Ein Beitrag von Thomas Doyé und Verena Sennefelder, OHO (Verbundprojekt der 1. Wettbewerbsrunde (2011-2017)), 16.10.2019


Die Idee an der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI) einen Integrationscampus zu gründen, entstand im Jahr 2015 als die sogenannten „Flüchtlingswelle“ Deutschland erreicht hat. Die Erwartungen an die Zuwanderung von Fachkräften unter den Geflüchteten waren hoch und die Hochschule wollte ihren Beitrag leisten. Insbesondere engagierte sich der Vizepräsident für Weiterbildung, Prof. Dr. Thomas Doyé, für die schnelle Entwicklung eines ganzheitlichen Konzeptes für ein studienintegrierendes Angebot für Geflüchtete. Ein Kraftakt der sich gelohnt hat! Heraus kam ein umfangreiches Programm für Akademiker*innen, welches stark nachgefragt wird.

Gerade in der Anfangszeit des Programms kam es zu vielen unvorhergesehenen Herausforderungen und einigen AHA-Momenten. Die wichtigste Erkenntnis: Es gibt nicht die/den „akademisch qualifizierte*n Geflüchtete*n“ und damit macht ein starres Studienprogramm auch wenig Sinn. Die Zielgruppe ist in mehrfacher Hinsicht unglaublich heterogen, die Spannweite reicht vom 19-jährigen syrischen Abiturienten bis zum 37-jährigen türkischen Staatsanwalt. Sie haben völlig unterschiedliche Bildungshistorien, kulturelle Hintergründe, verschiedenste Familiensituationen, sind durch ihre Fluchterfahrung und Fluchtursachen unterschiedlich stark belastet. Dennoch soll der Integrationscampus für alle eine Brücke in die Hochschule sein.

Transformationsprozesse als ständige Integrationsbegleiter

Entstanden ist ein dynamisches Projekt, das etliche Male verändert wurde, um passgenauer zu werden und besser auf die komplexen Bedarfe der Teilnehmenden einzugehen. Auch für die Hochschule keine einfache Aufgabe: Wie überwindet man bürokratische Hürden bei der Verarbeitung von ausländischen Dokumenten zum Nachweis eines Hochschulzugangs? Wie unterrichtet man mehrsprachige Gruppen? Was tun, wenn die Veranstaltungen unregelmäßig besucht werden?

Unter kultureller Integration versteht man „die Anpassung an die Werte und Normen der aufnehmenden Gesellschaft bei gleichzeitigem Erhalt der eignen, kulturellen Identität“ (Thomas, 2019, S. 18f.). Interkulturelle Handlungskompetenz wird von der gesamten Hochschule als Organisation, und auch von den Hochschulangehörigen gefordert.

Unter „Interkultureller Handlungskompetenz“ wird das Ergebnis eines Lern- und Entwicklungsprozesses verstanden, welches die Grundvoraussetzung für erfolgreiche Kommunikation ist. Hierbei entscheidend ist unter anderem ein Bewusstsein für das eigene und fremde Kultursystem und die Bereitschaft, sich mit beidem auseinanderzusetzen (ebd.).

In diesem wechselseitigen Prozess wird schnell klar, dass die Anforderungen an das Selbststudium in Deutschland vergleichsweise hoch sind. Die Tatsache, dass eine singuläre Prüfungssituation über das Bestehen eines Moduls entscheidet, bereitet Studierenden aus anderen Kulturen Kopfzerbrechen.

Für die THI ist z. B. der Umgang mit Fehlzeiten im Unterricht fordernd. Die Teilnehmenden des Integrationscampus kommen überwiegend aus Kulturkreisen, in denen ein polychrones Zeitverständnis (ebd.) gelebt wird. Im Ergebnis wurden verbindlichere Regelungen zum Thema Anwesenheit festgelegt, was im regulären Studienbetrieb unüblich ist.


Bildnachweis: Technische Hochschule Ingolstadt/Fotolia

Integration bedeutet Reflexion

Der Integrationscampus veranstaltet regelmäßig Kaminabende, die den interkulturellen Austausch mit den Teilnehmenden fördern. Im Rahmen dieser themenzentrierten Gespräche schilderte ein Teilnehmer, der aus einem afrikanischen Nomadenvolk stammt, seine Beobachtungen: „Ihr Deutschen habt alles strukturiert und geregelt, das geht soweit, dass sogar eure Kühe Geburtsurkunden haben. Ich kenne viele Menschen aus meiner Heimat, die keine Dokumente haben.“ Ein afghanischer Teilnehmer ergänzt: „Ihr habt viele bürokratische Regelungen, an die man sich halten muss, bei uns ist fast alles verhandelbar.“ Interkulturelle Kompetenz bedeutet hier beidseitig zu verstehen, warum deutsche Projektmitarbeiterinnen irritiert sind, wenn ein afghanischer Programmteilnehmer versucht über die Zulassungsvoraussetzungen zu einem Studiengang zu verhandeln.

Erfolgreiche Integration ist also ein intensiver Lernprozess, der auch die Umgebung als die „größere Einheit, von der man ein Teil werden will“ herausfordert. Besonders spannend war es auch für die Lehrenden, die vor der Herausforderung standen, extrem heterogene Gruppen zu unterrichten, über die man bis dato wenig wusste. Ebenso neu und unbekannt sind Bildungshistorien aus Fluchtländern, die beispielsweise durch Anrechnung von Studienleistungen gewürdigt werden sollen. Die THI hat weit über 140 Partner-Hochschulen in aller Welt. Die weitere Internationalisierung ist ein strategisches Ziel der THI.

Die Entwicklung von Brücken- und Studienangeboten für eine diverse Studierendenschaft wird auch in Zukunft ein Treiber für Transformationsprozesse an der Hochschule sein. Die Bedarfe einer heterogenen Zielgruppe strömen auf der Ebene der operativen Umsetzung unaufhaltsam in alle Bereiche der Hochschule. Die Entstehungshintergründe von Diversität sind immer unterschiedlich und komplex. Bei der Zielgruppe Geflüchtete spielen ggf. auch Traumata, wirtschaftliche Not oder eine skeptische Einstellung von Teilen der Bevölkerung eine Rolle. All dies kann Folgen für die Konzeption und Durchführungen von Hochschulprogrammen haben. Ohne die stetige Bereitschaft zur Wahrnehmung und Reflektion von Diversität wird die Chance zum proaktiven und strategischen Umgang mit dieser verspielt.

Mit Sicherheit hat der Integrationscampus dazu beigetragen, die Technische Hochschule Ingolstadt weltoffener zu gestalten und die Erfahrungen mit internationalen Zielgruppen auszubauen.

Kontakt

Prof. Dr. Thomas Doyé
Verena Sennefelder
Technische Hochschule Ingolstadt
E-Mail: integrationscampus@thi.de
Website: www.integration-campus.de
Facebook: Integrationscampus

Literatur

Thomas, Alexander (2018). Kulturelle Integration von Migranten und Flüchtlingen im Berufskontext. Wiesbaden: Springer.