Crossing Borders. Offene Hochschulen von morgen gestalten

Ein Beitrag von Gabriele Gröger, Annika Maschwitz und Eva Cendon, 22.04.2020


Liebe Leser*innen,

fast sind wir nun also am Ende des 2011 gestarteten Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ angelangt. Das große Finale war geplant und alles vorbereitet, dann aber musste aufgrund der aktuellen Entwicklungen die Abschlusstagung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ abgesagt und die letzte Arbeitstagung der wissenschaftlichen Begleitung (WB) und der Förderprojekte in Kooperation mit dem Netzwerk Offene Hochschulen (NOH) in eine Online-Veranstaltung umgeplant werden. In diesen ungewöhnlichen und unsicheren Zeiten, wie wir sie noch nie erlebt haben, überschreiten wir fast täglich (unsere) Grenzen und stellen zum Teil Althergebrachtes in Frage, um Neues auszuprobieren. 

Damit ist das Leitthema der gemeinsamen Ausgabe des öffentlichen Newsletters von WB und NOH „Crossing Borders. Offene Hochschulen von morgen gestalten“ mittendrin im aktuellen Geschehen und doch auch Leitthema vieler Förderprojekte im Bund-Länder-Wettbewerb gewesen: Viele der Projekte haben Grenzen überschritten, einige sind dabei auch an Grenzen gestoßen. Sicherlich fast alle wollen impulsgebend für die (zukünftige) Öffnung der eigenen Hochschule sein.

Im Call für diesen gemeinsamen Newsletter hatten wir daher darum gebeten, folgende Leitfragen in den Mittelpunkt der einzureichenden Beiträge zu stellen:

  • Welchen Grenzen sind Sie im Rahmen der Öffnung von Hochschulen an Ihrer Hochschule begegnet und wie gehen bzw. gingen Sie mit diesen um?
  • Welchen Beitrag hat der Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ aus Ihrer Sicht geleistet, um Grenzen zu überwinden und zur Öffnung Ihrer Hochschule beizutragen?
  • Wie sieht Ihre Vision für die Zukunft Ihrer Hochschule aus und welche Grenzen möchten Sie auf diesem Weg weiten oder überwinden?

Dem Aufruf sind viele Projekte gefolgt und sie beschreiben vielfältige Wege zur Öffnung von Hochschulen und zur Überwindung von bestehenden Grenzen auf verschiedensten Ebenen in den Hochschulen und darüber hinaus.

Die Beiträge der Projekte

Gerade kleine Hochschulen, wie die Evangelische Hochschule Dresden, mussten zu Fragen der Hochschulentwicklung auf allen Ebenen große Herausforderungen bewältigen. Der Beitrag des Projekts PRAWIMA reflektiert daher den Prozess der Hochschulentwicklung zur Öffnung der Hochschule und benennt Hürden, Impulse und Chancen auf diesem Weg.

Das Projekt konstruktiv der Universität Bremen unterstützt Lehrende dabei, flexible Lehr-Lern-Formate zu entwickeln und damit Weiterbildungsstudierenden die Teilnahme an regulären Lehrveranstaltungen zu ermöglichen mit dem Ziel, die Grenzen zwischen grundfinanzierter Lehre und Weiterbildung zu öffnen. Im Beitrag werden Hürden erläutert, die zu bewältigen waren und wie diesen begegnet wurde, u. a. indem ein spezielles Unterstützungsangebot für Lehrende entwickelt und ein „Informationsportal Hochschullehre“ implementiert wurde.

Im Verbundprojekt OTH mind der Ostbayerischen Technischen Hochschulen (OTH) Regensburg und Amberg-Weiden wurden bedarfsgerechte Angebote mit dem Fokus auf Digitalisierung entwickelt und getestet. Der Beitrag thematisiert die sich öffnenden und noch bestehenden Grenzen in der Modulentwicklung und Pilotierungsphase. Das Projekt trägt so nicht nur zur Öffnung der Hochschulen bei, sondern baut parallel dazu auch das Weiterbildungsangebot in Ostbayern aus.

Der Beitrag der Technischen Hochschule Deggendorf informiert über im Projekt DEG-DLM aufgetretene Hindernisse bei der Integration von Methoden des Distance-Learning. Im Zuge dessen wird jeweils dargelegt, wie versucht wurde, diese Grenzen zu überwinden und insbesondere Lehrpersonen über potentielle Vorteile digitaler Lehrelemente zu informieren.

Die Universität Ulm entwickelte im Projekt Effizient Interaktiv Studieren auf Basis evidenzbasierter Forschungsergebnisse praxisorientierte Qualifizierungsmodule zum Instruktionsdesign und fördert so die Professionalisierung der Konzeptionierung, Ausgestaltung und Entwicklung weiterbildender Studienangebote. Sie stärkt durch Spezialisierung von in der wissenschaftlichen Weiterbildung tätigen Fachkräfte gleichzeitig die Wahrnehmung, den Stellenwert und die Bedeutung wissenschaftlicher Weiterbildung an Hochschulen.

Im Rahmen des Projekts FRAMAS an der Universität Freiburg wurde das Programm museOn | weiterbildung und netzwerk entwickelt und durchgeführt. Der Beitrag zeigt das Potential eines modularen Baukastens für die wissenschaftliche Weiterbildung auf und reflektiert Grenzen und Perspektiven des Programms. Durch Flexibilisierung der Weiterbildungsformate steigern sich Individualisierungsmöglichkeiten für Teilnehmende, Teilnahmemotivation und berufsbezogene Optionen für einen nachhaltigen Praxistransfer vervielfachen sich.

Die systematische Öffnung der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe zur Professionalisierung pädagogischer Berufe in vorschulischen und außerschulischen Handlungsfeldern implizierte u. a. die Entwicklung und Implementierung von Zertifikatsmodulen im Rahmen des Projekts Beyond School. Das Projekt hinterließ an der Hochschule richtungsweisende Errungenschaften und erweiterte Grenzen, indem Bedarfe nicht-traditioneller Studierender sowohl organisational als auch konzeptionell

Ein erstes Resümee zum Wettbewerb findet sich den Ergebnissen einer empirischen Studie der wissenschaftlichen Begleitung zur Wirksamkeit der Projektförderung über den Wettbewerb hinaus in den Projekten der 1. Wettbewerbsrunde (2011-2017), die der Frage nachging, in welchem Ausmaß und durch welche Maßnahmen es den Projekten gelang, ihre im Rahmen Wettbewerbs erzielten Ergebnisse über den Förderzeitraum hinaus institutionell zu verankern.

Die fast noch druckfrische Ergebnisbroschüre der wissenschaftlichen Begleitung „Wissenschaftliche Weiterbildung an Hochschulen: Herausforderungen und Handlungsempfehlungen“ skizziert auf Basis der langjährigen Erfahrungen mit den Projekten des Wettbewerbs sowie anhand der Ergebnisse der begleitenden Forschungsarbeit 13 für die strategische (Weiter-)Entwicklung wissenschaftlicher Weiterbildung an Hochschulen relevante Themen. Sie fasst darauf aufbauend zentrale Herausforderungen für die wissenschaftliche Weiterbildung an Hochschulen zusammen und formuliert praxisorientierte Handlungsempfehlungen für Akteur*innen, die eigene Visionen von und Strategien für wissenschaftliche Weiterbildung an ihren Hochschulen entwickeln bzw. weiterentwickeln möchten.

Und nicht zuletzt gibt es auch im Rahmen der neuen Vodcast-Reihe #3 „Der Wettbewerb aus Sicht der wissenschaftlichen Begleitung“ bereits zwei veröffentlichte Folgen, die dem Resümee aus zwei Wettbewerbsrunden und insgesamt etwa neun Jahren Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ gewidmet sind.

Ein kurzes Resümee

Die Beiträge der Projekte zeigen vielfältige Grenzen zwischen grundständiger und weiterbildender Lehre auf und beschreiben interessante Ansatzpunkte und Lösungswege zu deren Überwindung. Diskutiert werden neuartige und interessante Transferelemente in Bezug auf den Einsatz von E-Learning sowie Versuche zur Öffnung des grundständigen Vorlesungsbetriebs.

Ein herausragendes Thema ist und bleibt in diesem Kontext die Digitalisierungsstrategie von Hochschulen und deren konkrete Umsetzung an den einzelnen Standorten. Eine Thematik, mit der sich viele Projekt beschäftigten und die mittlerweile auch ganz stark in die grundständige Lehre hineinwirkt. Projekte des Bund-Länder-Wettbewerbs waren in Sachen Digitalisierung der Hochschulen häufig Vorreiter und konnten wertvolle Erfahrungen sammeln, die in Zeiten wie diesen nun auch mit Blick auf die grundständigen Lehrangebote stark nachgefragt sind.

Weitere Themen, die uns auch künftig sehr beschäftigen werden, sind die Öffnung der Hochschulen für neue Zielgruppen von Berufstätigen bis zu grundsätzlich Bildungsinteressierten und damit verknüpft das Thema der Durchlässigkeit des Bildungssystems. Ein übergreifendes Bildungs­verständnis wird damit skizziert, das z. B. die Verzahnung verschiedener Lernorte in den Blick nimmt. Eine andere Facette beschreibt kleinteiligere Ansätze, die den Einsatz eines Baukastenmodells zum schrittweisen Auf- und Ausbau individuell ausgestalteter Lernszenarien befördern.

Die in diesem Newsletter veröffentlichten Beiträge enthalten somit ein hohes bildungspolitisches Öffnungspotenzial, sprich sie können vorbildhaft für andere Hochschulen sein. Dies gilt insbesondere deswegen, weil Hochschulen aufgrund der bei ihnen vorhandenen Rahmenbedingungen andernorts nicht realisierbare Lernszenarien erproben und so die gesammelten Erfahrungen an Kolleg*innen anderer Hochschulen weitergeben.

Die Zukunft

Viele Themen, die in den einzelnen Beiträgen skizziert wurden, werden uns in der wissenschaftlichen Weiterbildung auch in Zukunft weiter beschäftigen und herausfordern. Kein Thema war im Rahmen der Laufzeit der Vorhaben wirklich abschließend und für alle Hochschulen zu klären. Vielmehr muss jede Hochschule in Anbetracht der konkret für sie geltenden Rahmenbedingungen selbst ihren Weg finden und so eigene Schwerpunkte setzen. Gleichzeitig eröffnet dies jedoch auch den Vorteil, Alleinstellungsmerkmale zu generieren und vorbildhaft für andere Hochschulen zu wirken.

Der Einsatz von Open Educational Resources wurde im Wettbewerb noch wenig adressiert, wir sind aber überzeugt, dass die verstärkte Nutzung öffentlich zugänglicher Ressourcen in der grundständigen Lehre – auch aufgrund der Zwänge durch die Corona-Krise – sich in naher Zukunft auch in umgekehrter Richtung positiv auf die weitere Entwicklung der wissenschaftlichen Weiterbildung auswirken wird.

Umso mehr freuen wir uns, dass Anschlussstellen in die Zukunft gelegt wurden: So hat die Deutsche Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium (DGWF) e. V. als Fachgesellschaft für die wissenschaftliche Weiterbildung vor kurzem die „Arbeitsgemeinschaft Offene Hochschulen (AG-OH)“ gegründet. Vorstand und Mitglieder der DGWF beweisen damit, wie wichtig die Themen des Wettbewerbs auch längerfristig noch sein werden und wie nötig es ist, dass Interessierte ein Forum nutzen können, in welchem sie sich dazu einbringen, austauschen und auch weiterhin hochschulübergreifend miteinander vernetzen und arbeiten können. Weiterführende Informationen zur AG-OH bietet der Kurzbeitrag „Neue Vernetzungsplattform für das Thema „Offene Hochschulen“: DGWF gründet Arbeitsgemeinschaft“ in diesem Newsletter.

Wir freuen uns darauf, auch weiterhin mit Ihnen in Verbindung zu bleiben und wünschen Ihnen nun zunächst eine interessante und anregende Lektüre der Beiträge dieses gemeinsamen Newsletters der WB und des NOH!

Und eine Ankündigung in eigener Sache: im Herbst wird noch ein letzter öffentlicher Newsletter der wissenschaftlichen Begleitung erscheinen. Interessierte können den Newsletter hier » abonnieren.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!

Ihre Gabriele Gröger, Annika Maschwitz und Eva Cendon