Die Etablierung wissenschaftlicher Weiterbildung als anspruchsvoller Wandlungs- und Öffnungsprozess in Hochschulen

Ein Beitrag von Uwe Elsholz und Sigrun Nickel, wissenschaftliche Begleitung, 16.10.2019

Liebe Leser*innen,

auf der politischen Ebene erfährt das Thema „wissenschaftliche Weiterbildung“ (wWB) derzeit eine erhöhte Aufmerksamkeit. Sei es im Rahmen der im Sommer beschlossenen Nationalen Weiterbildungsstrategie (BMAS & BMBF, 2019) oder im Kontext der Empfehlungen des Wissenschaftsrates (WR, 2019), die seit Anfang des Jahres vorliegen. Dabei kommt jedoch auch deutlich zum Ausdruck, dass die Verankerung der wWB auf der praktischen Ebene nach wie vor eine Herausforderung darstellt: „Während die berufliche Weiterbildung bereits ein etablierter Bestandteil des deutschen Bildungssystems ist, bildet die hochschulische Weiterbildung bisher ein vergleichsweise kleines Segment mit umso größerem Entwicklungspotenzial“ (ebd., S. 7).  Seit nunmehr acht Jahren engagieren sich die rund 100 Hochschulen, die im Rahmen des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ gefördert werden, beim Aufbau und der Weiterentwicklung der wWB innerhalb ihrer Einrichtungen. Dabei ist vor allem eines deutlich geworden: Für eine dauerhafte institutionelle Verankerung dieses Sektors reicht es nicht, weiterbildende Bachelor- und Masterstudienangebote sowie Kurse zu implementieren, sondern es geht um einiges mehr – und zwar um die Gestaltung organisationaler Veränderungsprozesse zur Erschließung neuer Zielgruppen, Inhalte, Formate und didaktischer Konzepte. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich der vorliegende öffentliche Newsletter der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs schwerpunktmäßig mit dem Thema „Offen für den Wandel? – Transformationsprozesse durch die Öffnung von Hochschulen“.

Obwohl die wWB inzwischen zu den gesetzlich verbrieften Aufgaben von Hochschulen zählt, nimmt dieser Bereich in der Regel eine Sonderrolle innerhalb von Hochschulen ein. Die Hauptursache dafür ist, dass sie im Gegensatz zu den traditionellen Tätigkeitsbereichen von Hochschulen in Forschung und Lehre aufgrund der derzeitigen Rechtslage einer primär ökonomisch geprägten Logik folgt bzw. folgen muss. Da die Verwendung von Mitteln aus dem Grundbudget von Hochschulen je nach Ländergesetzgebung rechtlich nicht oder nur in Ausnahmefällen möglich ist, muss die wWB ihre Finanzierung in der Regel vollständig durch Gebühreneinnahmen sicherstellen. Aufgrund dieser notwendigen Marktorientierung ist die wWB, zumindest in staatlichen Hochschulen, ein Profit-Bereich in einer Non-Profit-Organisation und damit nicht automatisch kompatibel zu den üblichen Handlungmodi der Einrichtung (Schmid & Wilkesmann, 2018). Die Integration dieses noch vergleichsweise neuen Handlungsfeldes erfordert also spezifische Anpassungsleistungen in Hochschulorganisationen, die aktiv gestaltet und moderiert werden müssen. Dies betrifft auch noch weitere damit einhergehende Veränderungsprozesse, wie beispielsweise die Öffnung für Zielgruppen, die bislang in Hochschulen relativ wenig Beachtung gefunden haben, und damit einhergehend das Angebot passender Studien- und Kursformate, Beratungsangebote sowie die Anwendung geeigneter didaktischer Konzepte.

Aus den Forschungsarbeiten, welche die wissenschaftliche Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs durchführt, geht hervor, dass zu den Hauptzielgruppen wissenschaftlicher Weiterbildungsangebote vor allem Berufstätige und Personen mit Familienpflichten zählen, die besondere und z. T. auch sehr divergente Bedürfnisse haben, mit denen die Hochschulen umgehen müssen (Thiele, Nickel & Schrand, 2019). Die Förderprojekte im Rahmen des Bund-Länder-Wettbewerbs haben deshalb eine Fülle praktischer Ansätze entwickelt, welche vor allem die flexible zeitliche und räumliche Organisation von Lehrveranstaltungen u. a. durch den Einsatz digitaler Lehr- und Lernformen, individuelle Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten sowie die inhaltliche und didaktische Gestaltung einer engen Theorie-Praxis-Verzahnung (Mörth et al., 2018) betreffen. Insgesamt werden hier deutliche Unterschiede zum traditionellen Bachelor- und Masterstudium sichtbar, welches sich vorwiegend an Personen richtet, die direkt nach dem Schulabschluss an die Hochschule wechseln und daher auch Vollzeit an Präsenzlehrveranstaltungen teilnehmen können. Zwar mehren sich die Anzeichen, dass auch im traditionellen Studium die Heterogenität der Studierenden zunimmt (Nickel & Thiele, 2017) und auch die Verknüpfung zwischen Hochschul- und Arbeitswelt generell enger wird (Elsholz, Jaich & Neu, 2018), trotzdem wirken sich diese Faktoren auf der Handlungsebene nur sehr zögerlich aus. Anders dagegen in der wWB: Angebote, welche den Bedürfnissen der Zielgruppen und z. T. auch deren Arbeitgebenden entgegenkommen, sind zwingend notwendig, um den Markterfolg und damit die Existenz des Bereichs zu sichern.

Vor diesem Hintergrund agieren Personen, die in der wWB arbeiten, anders als ihre Kolleg*innen im traditionellen Bachelor- und Masterbereich nicht primär aus der Mitte der Hochschulorganisation heraus, sondern in erster Linie an der Grenze zu anderen gesellschaftlichen Bereichen, zum Beispiel zur Arbeitswelt. Das erfordert von den Akteur*innen eine besondere Fähigkeit zur Kommunikation und Balance und auch eine hoch reflexive Steuerung: „Gleichzeitig ist es notwendig Innovationsressourcen nicht nur an den Grenzen, resp. in den Projekten zu belassen, sondern diesen den Weg (zurück) nach innen zu ermöglichen. Interessierte und kompetente Mitarbeitende der «Mitte» müssen gleichzeitig die Chance haben, sich für Entwicklungsaufgaben zu qualifizieren“, zu diesem Schluss kommt einer der Autor*innen unseres Newsletters, Geri Thomann von der Pädagogischen Hochschule in Zürich.

Sein Beitrag nimmt das Grenzmanagement für die Öffnung von Hochschulen in den Blick. Demnach bewegen sich Projektentwickler*innen häufig am Rande einer Organisation und verfügen als boundary spanners über die Kunst des Perspektivenwechsels, spannen Grenzen weiter oder enger und ermöglichen so flexiblere Übergänge – sowie im Idealfall die Weiterentwicklung der Organisation Hochschule.

Prof. Dr. Geri Thomann war auch einer der Keynote-Speaker der diesjährigen Arbeitstagung der wissenschaftlichen Begleitung mit den Förderprojekten des Wettbewerbs, die sich – wie dieser Newsletter – dem Thema „Offen für den Wandel? Transformationsprozesse durch die Öffnung von Hochschulen“ widmete. Der Beitrag von Elise Glaß von der wissenschaftlichen Begleitung rekapituliert die Inhalte dieser Tagung und zeigt damit unterschiedliche Perspektiven zum Thema Wandel durch die Öffnung von Hochschulen auf.

An die Arbeitstagung schließt auch der Beitrag von Linda Geppert, Projekt Health Care Professionals und Bastian Steinmüller, Projekt E-hoch-B an, die sich durchaus kritisch mit ausgewählten Aspekten der wWB auseinandersetzen, wenn diese denn sehr ökonomisch gedacht und umgesetzt wird. Diskutiert wird dabei insbesondere die Bedeutung des Bildungsbegriffs in der wWB.  

Beispiele und Hinweise für organisationale Transformationen beschreiben die folgenden Beiträge: Sarah Hampel, Anika Eiben, Martina Hasseler berichten aus dem Projekt PuG an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfsburg. Hier wurde eine Zielgruppenanalyse durch Interviews mit Arbeitgebenden im Bereich Gesundheit und Pflege durchgeführt. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse geben über die konkrete Angebotsentwicklung hinaus wichtige Hinweise für die weitere Ausgestaltung der wWB und für einen Wandel an der Hochschule.

Ines Tetzlaff und Marvin Stiebler aus dem Projekt Weiterbildungscampus Magdeburg beschreiben die Etablierung von wWB in einer strukturschwachen Region wie Sachsen-Anhalt. Der Transformationsprozess der Hochschule zur Etablierung von wWB wird in diesem Fall von einem Transformationsprozess der gesamten Region, ihren Unternehmen und Beschäftigten hin zu mehr Forschung und Entwicklung durch Akademisierung begleitet und stark beeinflusst.

Der Beitrag von Thomas Doyé und Verena Sennefelder aus dem Projekt OHO (2011-2017) beschreibt, wie der Integrationscampus für Geflüchtete dazu beigetragen hat, die Technische Hochschule Ingolstadt weltoffener zu gestalten und die Erfahrungen mit internationalen Zielgruppen auszubauen. Dadurch habe der Integrationscampus die Technische Hochschule Ingolstadt verändert und Transformationsprozesse ausgelöst.

Eine zusätzliche internationale Perspektive auf das Thema der Transformation wird durch die Darstellung von drei Good Practice-Beispielen aus den USA, Großbritannien sowie Dänemark eröffnet. Eva Cendon, Abena Dadze-Arthur, Anita Mörth und Dorothée Schulte von der wissenschaftlichen Begleitung legen dar, wie diese Hochschulen erfolgreich theoretisch-wissenschaftliches Wissen mit beruflichem Wissen verknüpft haben. Dabei werden vor allem die transformativen Elemente der Fallstudien in den Blick genommen.

In diesem Newsletter sind damit sowohl konkrete – nationale und internationale – Beispiele für (begonnene) Transformationen von Hochschulen enthalten als auch stärker analytische Positionen zur Rolle der wWB. Im besten Fall kann die wWB eine Rolle als Innovationsinkubator für die Hochschule als Organisation spielen.

Wir hoffen, dass einiges Interessantes für Sie dabei ist und wünschen Ihnen – auch im Namen des gesamten Teams der wissenschaftlichen Begleitung – viele Freude und zahlreiche Anregungen bei der Lektüre des aktuellen Newsletters!

Uwe Elsholz (FernUniversität in Hagen) und Sigrun Nickel (CHE Centrum für Hochschulentwicklung)

Kontakt

Prof. Dr. Uwe Elsholz
Mitglied im Leitungsteam der wissenschaftlichen Begleitung
FernUniversität in Hagen, Lehrgebiet Lebenslanges Lernen
E-Mail: uwe.elsholz@fernuni-hagen.de

Dr. Sigrun Nickel
Mitglied im Leitungsteam der wissenschaftlichen Begleitung
CHE Centrum für Hochschulentwicklung
E-Mail: sigrun.nickel@che.de

Literatur

BMAS Bundesministerium für Arbeit und Soziales & BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung (2019) (Hrsg.). Wissen teilen. Zukunft gestalten. Zusammen wachsen. Nationale Weiterbildungsstrategie. O. A. d. O. Abgerufen von: https://www.bmbf.de/files/190612_BMAS_BMBF_NWS_Strategiepapier_Web.pdf 

Elsholz, Uwe; Jaich, Roman & Neu, Ariane (2018). Folgen der Akademisierung der Arbeitswelt. Wechselwirkungen von Arbeits- und Betriebsorganisation, betrieblichen Qualifizierungsstrategien und Veränderungen im Bildungssystem. Study der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 401. Düsseldorf. Abgerufen von: https://www.boeckler.de/pdf/p_study_hbs_401.pdf

Mörth, Anita; Schiller, Erik; Cendon, Eva; Elsholz, Uwe & Fritzsche, Christin (2018). Theorie und Praxis verzahnen in Studienangeboten wissenschaftlicher Weiterbildung. Ergebnisse einer fallübergreifenden Studie. Thematischer Bericht der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“. Abgerufen von https://www.pedocs.de/volltexte/2018/15711/pdf/Moerth_et_al_2018
_Theorie_und_Praxis_verzahnen.pdf

Nickel, Sigrun & Thiele, Anna-Lena (2017). Öffnung der Hochschulen für alle? Befunde zur Heterogenität der Studierenden. In Michael Kriegel, Johanna Lojewski, Miriam Schäfer & Tim Hagemann (Hrsg.), Akademische und berufliche Bildung zusammen denken. Von der Theorie zur Praxis einer Offenen Hochschule (S. 43-59). Münster: Waxmann.

Schmid, Christian J. & Wilkesmann, Uwe (2018). Eine praxistheoretische Fundierung wissenschaftlicher Weiterbildung. In Wolfgang Jütte & Matthias Rohs (Hrsg.), Handbuch Wissenschaftliche Weiterbildung (S. 1-19). Wiesbaden: Springer VS.

Thiele, Anna-Lena; Nickel, Sigrun & Schrand, Michaela (2019). Umgang mit den Bedürfnissen heterogener Zielgruppen. Thematischer Bericht der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“. O. A. d. O. Abgerufen von: https://www.pedocs.de/volltexte/2019/17303/pdf/Thiele_Nickel_Schrand_2019_Umgang_mit_den_Beduerfnissen_heterogener_Zielgruppen.pdf  

WR Wissenschaftsrat (2019). Empfehlungen zu hochschulischer Weiterbildung als Teil des lebenslangen Lernens. Abgerufen von: https://www.wissenschaftsrat.de/download/2019/7515-19.pdf