Empfehlungen zur nachhaltigen Weiterentwicklung des berufsbegleitenden und dualen Studiums für Hochschulen, Arbeitgebende und Politik

Ein Beitrag von Sigrun Nickel und Nicole Schulz, Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), 24.10.2018


Der folgende Beitrag skizziert, welche Reformschritte im berufsbegleitenden und dualen Studium in Deutschland vollzogen werden sollten, um die entsprechenden Studienangebote dauerhaft und gewinnbringend für alle Beteiligten betreiben zu können. Sie richten sich u. a. an drei zentrale Akteursgruppen in diesem Kontext: Hochschulen, Arbeitgebende und Politik. Bei den hier vorgestellten Empfehlungen handelt es sich um die Quintessenz eines zweijährigen, von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung (HBS) geförderten Forschungsprojekts, welches vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) durchgeführt wurde. Die Ergebnisse der Studie sind als Online-Publikation unter dem Titel Trends im berufsbegleitenden und dualen Studium. Vergleichende Analysen zur Lernsituation von Studierenden und Studiengangsgestaltung[1] erschienen.

Ziel der Untersuchung war es, durch eine empirisch fundierte Analyse, zentrale Entwicklungen im berufsbegleitenden und dualen Studium in Deutschland während der zurückliegenden zwei Jahrzehnte herauszuarbeiten. Auf Basis einer Trendanalyse sowie einer Befragung von berufsbegleitend und dual Studierenden wurden zum Ende des Forschungsprojekts gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Beirat[2] eine Reihe von Empfehlungen zur Weiterentwicklung beider Studienbereiche gewonnen – mit dem Ziel die nachhaltige Verankerung der beiden noch relativ jungen Studienformen im deutschen Hochschulsystem zu fördern. Diese richten sich im Rahmen der Studie an insgesamt fünf bedeutsame Akteursgruppen, wovon nachfolgend mit Hochschulen, Arbeitgebenden und Politik, die drei zentralsten adressiert werden sollen[3].

1. Empfehlungen für die Hochschulen

In der Untersuchung wurden für die Hochschulen, als Anbietende dualer und berufsbegleitender Studiengänge, u. a. fünf wichtige Handlungsfelder identifiziert. Diese beziehen sich sowohl auf hochschulinterne als auch -externe Bereiche:

Universitäten und Fachhochschulen bzw. Hochschulen für angewandte Wissenschaften engagieren sich unterschiedlich intensiv im berufsbegleitenden und dualen Studium. Fachhochschulen bieten beide Formate um ein Vielfaches häufiger an als Universitäten, was mit dem stärker anwendungsorientierten Profil begründet werden kann. Generell stehen jedoch alle Hochschulen vor der Herausforderung, dem wachsenden Bedarf der Studierenden nach einer Verbindung von Studium und Erwerbstätigkeit sowie nach lebenslangem Lernen nachzukommen. Zum allgemeinen gesetzlichen Auftrag zählt dabei nicht nur u. a. die Durchführung akademischer Lehre, sondern auch die wissenschaftliche Weiterbildung. Dennoch ist es fraglich, ob es Sinn macht, dass alle Hochschulen im gleichen Ausmaß in diesen Feldern tätig werden. Vielmehr sollten Hochschulen genau prüfen, inwiefern und welche berufsbegleitenden und dualen Studiengänge zu ihrem eigenen Profil passen. Da sowohl das duale als auch das berufsbegleitende Studium einen hohen Praxisbezug aufweisen, wäre dies beispielsweise ein Argument für ein stärkeres Engagement für Hochschulen, deren Profil explizit anwendungsorientiert ist oder die sich in besonderem Maße dem lebenslangen Lernen verschrieben haben. In diesen Fällen stellen duale und berufsbegleitende Studienangebote eine sinnvolle Ergänzung zum traditionellen Bachelor- und Masterstudium dar, was der Nachhaltigkeit dienlicher ist, als wenn sich beispielsweise eine primär forschungsorientierte Universität durch externen Druck genötigt sieht, so etwas auch anzubieten, obwohl im Lehrkörper wenig Interesse dafür besteht. Divergente Schwerpunktsetzungen innerhalb des Hochschulsystems können entsprechend auch für Studierende Vorteile haben, wenn z. B. transparent gemacht wird, dass bestimmte Hochschulen auf bestimmten Gebieten mehr Expertise haben als andere. Bei ihrer Studienentscheidung können Studierende diese Profilunterschiede bewusst berücksichtigen, vorausgesetzt, diese werden in geeigneter Form transparent gemacht und kommuniziert.

In der Realität mangelt es jedoch nach außen hin an der Transparenz dualer und berufsbegleitender Studienangebote. Deshalb sind Hochschulen gefordert, klare Bezeichnungen und Beschreibungen zu wählen. Während in der durchgeführten Untersuchung das berufsbegleitende und das duale Studium analytisch klar voneinander abgegrenzt werden konnten, vermischen sich diese Begrifflichkeiten im Alltag relativ häufig oder überlappen sich mit anderen Typen wie dem Teilzeitstudium. Eine unklare oder mitunter doppeldeutige Charakterisierung kann Studieninteressierten die Orientierung erheblich erschweren. Auch mit Blick auf die Qualitätssicherung ist dieses Vorgehen problematisch. Der inhaltliche und didaktische Kern verschwimmt und die Beurteilungsmaßstäbe sind nicht klar. Deshalb sollten Hochschulen einheitliche und eindeutige Bezeichnungen für die Studienangebote verwenden und damit auch eine Vergleichbarkeit mit den Studienangeboten anderer Hochschulen sicherstellen. Form und Inhalt sollten übereinstimmen. Klare und konsentierte Bewertungsmaßstäbe sind zudem eine wichtige Voraussetzung für die Beurteilung der eigenen Angebotsqualität und der darauf basierenden ständigen Weiterentwicklung und Verbesserung der Studienangebote. Wenn also beispielsweise ein Angebot mit dem Etikett „duales Studium“ versehen wird, sollte gewährleistet sein, dass tatsächlich eine Ausbildungs-, Praxis- oder Berufsintegration stattfindet und nicht überwiegend ein paralleles Nebeneinander, wie im berufsbegleitenden Studium, herrscht. Der Nachweis der Einhaltung von Qualitätsstandards ist ein weiterer wichtiger Faktor für die Nachhaltigkeit von dualen und berufsbegleitenden Studienangeboten.  

Ein anderes erfolgskritisches Handlungsfeld, welches sich aus den Ergebnissen der Böckler-Studie für Hochschulen ableiten lässt, betrifft die ausgewogene organisatorische und zeitliche Flexibilisierung. Während berufsbegleitende Studiengänge bereits sehr weitgehend zeitlich und organisatorisch flexibilisiert sind, funktionieren duale Studiengänge überwiegend wie klassische Präsenzstudiengänge in Vollzeit, nur, dass die Präsenzphasen an zwei unterschiedlichen Lernorten stattfinden. Infolgedessen ist die Verbreitung mediengestützter Lehr- und Lernformen im berufsbegleitenden Studium bereits sehr umfangreich und auch die dazu eingesetzten Methoden sind elaboriert. Demgegenüber besteht aus Sicht der im Rahmen der Untersuchung befragten Studierenden im dualen Studium durchaus noch Nachholbedarf. Umgekehrt herrscht bei den befragten berufsbegleitend Studierenden ein großer Bedarf an Präsenzphasen, der oft nicht ausreichend befriedigt wird. Die Balance zwischen Distanz- und Präsenzlernen ist also ein wichtiger Punkt, der an die Bedürfnisse der Studierenden angepasst werden sollte. Generell besteht bei der bedarfsgerechten Ausgestaltung der berufsbegleitenden und dualen Studienangebote im deutschen Hochschulbereich noch reichlich Potenzial. Das betrifft u. a. das Angebot von Lehrveranstaltungen an Wochenenden und am Abend oder die Bereitstellung von Beratungsmöglichkeiten außerhalb der regulären Öffnungszeiten. Für den Studienerfolg ist die geeignete Flexibilisierung eine Grundvoraussetzung.

Im Zuge der Umsetzung europäischer Bildungsreformen für eine stärkere Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung wurden in den zurückliegenden Dekaden von zunehmend mehr Hochschulen Verfahren entwickelt, mit denen beruflich erworbene Kompetenzen auf ein Studium angerechnet werden können. Diese Anrechnungsverfahren, die z. B. zu einer Verkürzung der Studienzeit führen können, sind auch im berufsbegleitenden oder im berufsintegrierenden Studium von Bedeutung. Meist erfolgt die Anrechnung durch ein individuelles Verfahren, d. h. in einer Einzelfallprüfung. Das ist sowohl zeit- als auch ressourcenaufwendig und oft sind auch die Beurteilungskriterien für Außenstehende intransparent. Vor diesem Hintergrund sollten, wenn möglich, verstärkt pauschale Anrechnungsverfahren implementiert werden, in denen außerhochschulische Qualifikationen, wie beispielsweise eine klar belegbare Berufsausbildung oder ein Meisterabschluss, gleichzeitig und einheitlich für größere Teile einer Kohorte anerkannt werden. So können auf lange Sicht gesehen im Sinne der Nachhaltigkeit Ressourcen gespart und Anrechnungsverfahren schneller sowie transparenter durchgeführt werden, wovon sowohl die Hochschule als auch die Studierenden profitieren. Letztere erhalten durch standardisierte Anrechnungsverfahren mehr Sicherheit und müssen weniger Willkür bei der Anrechnung befürchten.

Insgesamt sollten die Anrechnungsverfahren im Hochschulbereich in diese Richtung fortentwickelt werden, um in diesem Punkt für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen. Viele Hochschulen tun sich mit der Anwendung von Anrechnungsverfahren insgesamt noch schwer.

Schließlich wird auch in Sachen Studienabbruch Handlungsbedarf bei den Hochschulen gesehen. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen zwar, dass der Studienabbruch offenbar weder im berufsbegleitenden noch im dualen Studium ein überdurchschnittlich bedeutsames Thema darstellt, dennoch gibt es ihn. Wenn ein Studienabbruch eintritt, sind zumindest im dualen Studium nicht selten existenzielle Fragen damit verknüpft, da ein Scheitern in diesem Fall nicht nur finanzielle Folgen hat (z. B. Wegfall des Verdienstes von der Ausbildungs- oder Arbeitsstelle), sondern auch das Erreichen des Ausbildungsabschlusses unter Umständen infrage stellt. Deshalb sollten Hochschulen Hilfestellungen anbieten, beispielsweise für den Fall, dass z. B. ausbildungsintegrierend Studierende ihr duales Studium oder ihre betriebliche Ausbildung ohne Abschluss beenden müssen. Darüber hinaus sind Beratungs- und Unterstützungsangebote generell wichtig für den Studienerfolg und somit auch von großer Bedeutung für die Nachhaltigkeit eines Angebots. Ein hoher Bedarf aufseiten der berufsbegleitend und dual Studierenden besteht u. a. an zeitlich und räumlich flexiblen Online-Beratungsangeboten, da diese am Arbeitsplatz häufig sehr eingespannt sind. Hier gilt es, bestehende Lücken zu füllen.   

2. Empfehlungen für Arbeitgebende

Der Handlungsbedarf aufseiten der Arbeitgebenden, bei denen die berufsbegleitend und dual Studierenden ihr Geld verdienen und ihre Praxiserfahrungen sammeln, wird vor allem in der verstärkten Unterstützung, Entlastung und finanziellen Absicherung der berufsbegleitend und dual Studierenden gesehen.

Damit sowohl die Arbeitgebenden- als auch die Arbeitnehmendenseite etwas von einer akademischen Aus- bzw. Weiterbildung hat, ist ein offenes Klima und damit die Schaffung förderlicher Rahmenbedingungen notwendig. Dual und berufsbegleitend Studierende benötigen für die Zeit der Doppelbelastung durch Ausbildung bzw. Beruf und Studium eine angemessene Unterstützung von ihren Arbeitgebenden. Das setzt voraus, dass die Studierenden das Gefühl haben, offen mit ihrer Situation umgehen und eventuell auftauchende Probleme ansprechen zu können. Angst vor dem Ausbildungs- oder Arbeitsplatzverlust darf nicht dazu führen, dass sich dual und berufsbegleitend Studierende unter Umständen überfordern. Dual und berufsbegleitend Studierende nehmen in der Regel erhebliche Anstrengungen in Kauf, um Studium, Berufstätigkeit sowie ggf. familiäre Verpflichtungen unter einen Hut zu bringen. Daher sollten Arbeitgebende darauf achten, dass betroffene Angestellte finanziell so abgesichert sind, dass sie beispielsweise im Fall eines dualen Studiums neben ihrer Ausbildungsvergütung nicht noch jobben müssen, um ein Auskommen zu haben. Berufsbegleitend Studierende sind häufig in ihrer Karriere schon weiter fortgeschritten und haben z. T. familiäre Verpflichtungen. Diesem Umstand sollte in angemessener Form Rechnung getragen werden, sofern die Arbeitgebendenseite den Studienerfolg unterstützen will. Damit einem Scheitern des Studiums rechtzeitig vorgebeugt werden kann, sollten von Arbeitgebendenseite außerdem ausreichende zeitliche Freiräume für Studienleistungen gewährt werden. Es sollten keine Urlaubstage für Studienzwecke verloren gehen, da sonst Zeit zur notwendigen Erholung und für das Privatleben fehlt.

Insbesondere im dualen Studium bestehen häufig bereits enge Kontakte zwischen Arbeitgebenden und Hochschulen. Dennoch ist die alltägliche Zusammenarbeit oft noch verbesserungsbedürftig. Das betrifft vor allem die Verzahnung der Lehr- und Ausbildungsinhalte auf beiden Seiten sowie deren gemeinsame Qualitätssicherung. Arbeitgebende sollten hier nicht darauf warten, dass die Hochschulen auf sie zukommen, sondern sollten von sich aus aktiv auf Hochschulen zugehen. Gute Kooperationen können die Nachhaltigkeit im dualen und berufsbegleitenden Studium für beide Seiten, die der Arbeitgebenden sowie der Hochschulen, steigern und bereichern. Sie brauchen jedoch Zeit, um sich in eine gemeinsame Richtung zu entwickeln und zu intensivieren. Denn es besteht auch im berufsbegleitenden Studium die Möglichkeit für Arbeitgebende, sich in der Region eine Hochschule bzw. mehrere Hochschulen zu suchen, die geeignete Weiterqualifizierungsmöglichkeiten anbieten, und mit diesen ins Gespräch zu kommen. Je nach Größe und Ausrichtung sind Hochschulen mitunter auch explizit daran interessiert, passende Angebote gemeinsam mit Arbeitgebenden zu entwickeln. Bezogen auf die angesprochenen Kooperationen ergibt sich zudem eine weitere Empfehlung. Diese richtet sich darauf, verbindliche und klare Vereinbarungen zwischen Unternehmen, Hochschulen und Studierenden für die Zeit zu schaffen, in der Studierende ihren Job mit einer akademischen Aus- bzw. Weiterbildung vereinbaren müssen. Das setzt voraus, dass sie über die Absicht, die Berufspraxis mit einem Studium zu verbinden, rechtzeitig in Kenntnis gesetzt werden. Von Arbeitgebendenseite sollte daher die Möglichkeit zu einer vertraglich geregelten Arbeitsanstellung für dual und für berufsbegleitend Studierende (einschließlich Praktikant(innen)) aktiv eröffnet werden. Im Fall, dass das Studium nicht zur (Erst-)Ausbildung, sondern in Absprache mit den Arbeitgebenden zur Weiterbildung genutzt wird, sollten (Karriere-)Entwicklungspläne vereinbart werden. Flankierend sollten Arbeitgebende Kontakt zur Hochschule aufnehmen und fragen, inwieweit es möglich ist, individuelle Studienpläne für die Betroffenen zu erstellen. Diese lassen sich ggf. auf die (Karriere-)Entwicklungspläne abstimmen.

Nicht zuletzt hat auch die globale Vernetzung der Arbeitswelt stark zugenommen und wird perspektivisch weiter wachsen. Vor diesem Hintergrund haben Arbeitnehmende häufig ein Interesse daran, ihre Kompetenzen im internationalen Bereich auszubauen. Die meisten Hochschulen haben auf dieses Bedürfnis reagiert und bieten im dualen und berufsbegleitenden Studium die Möglichkeit zur Internationalisierung durch ein entsprechendes Seminarangebot vor Ort oder die Möglichkeit, ein Semester an einer ausländischen Hochschule zu verbringen. Letzteres würde den Forderungen sehr vieler Arbeitgebenden nach Auslandserfahrungen entsprechen und damit auch die Nachhaltigkeit der Teilnahme an wissenschaftlichen Weiterbildungsangeboten bzw. Angeboten des lebenslangen Lernens für die Absolvent(innen) der Angebote, und damit auch der Angebote selbst, steigern. Untersuchungen zeigen jedoch, dass Arbeitgebende zwar häufig Auslandserfahrungen von den Absolvent(innen) fordern, aber nicht bereit sind, dies mit entsprechenden eigenen Ressourcen zu unterstützen. Stattdessen bevorzugen sie die Internationalisierung vor Ort, weil ihnen im Fall eines Auslandssemesters die Arbeitskraft für eine gewisse Zeit fehlt. Je nach Branche und Betätigungsfeld wäre es allerdings wünschenswert, wenn Arbeitgebende einen Auslandsaufenthalt, z. B. durch die Vermittlung eines geeigneten Praktikumsplatzes bei einem ausländischen Partnerunternehmen, ebenfalls unterstützen würden. Die persönliche Erfahrung, in einem anderen Land zu leben und zu arbeiten, ist durch Seminare an der Heimathochschule kaum zu ersetzen.

3. Empfehlungen für die Politik

Nicht zuletzt sind auch die finanziellen Fördermöglichkeiten für dual und berufsbegleitend Studierende dringend verbesserungsbedürftig. Dieser Personenkreis fällt bei den derzeit zur Verfügung stehenden staatlichen Unterstützungsangeboten häufig durch das Kriterienraster. Bereits seit geraumer Zeit setzen sich beispielsweise der Deutsche Gewerkschaftsbund und das Deutsche Studentenwerk dafür ein, das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) deutlich besser auf den wachsenden Trend zur Verbindung von Beruf und Studium sowie zum lebenslangen Lernen abzustimmen – bislang allerdings ohne durchschlagenden Erfolg. Auch die jüngste BAföG-Novelle hat in diesem Punkt keine nennenswerten Fortschritte gebracht. So können Teilzeitstudierende in diesem Rahmen nach wie vor nicht gefördert werden. Auch werden Einkünfte aus der Berufsausbildung, Praktika oder Berufstätigkeit angerechnet und wirken sich mindernd auf die BAföG-Zahlungen aus. Zudem wird nur eine weiterführende Qualifizierung nach dem ersten berufsqualifizierenden Abschluss gefördert. Schließlich gibt es Altersgrenzen, die einem lebenslangen Lernen und damit insbesondere einem berufsbegleitenden Studium entgegenstehen. So müssen BAföG-Geförderte ihr Studium vor Vollendung des 30. Lebensjahres beginnen. Eine Ausnahme bildet das Masterstudium. Hier liegt die Grenze bei 35 Jahren. Hier sind dringende Anpassungen der BAföG-Regelungen mit Blick auf die Förderung von lebenslangem Lernen und der Nachhaltigkeit der damit verbundenen akademischen Angebote notwendig. Es ist nicht selbstverständlich, dass Personen beispielsweise lediglich wegen ihres fortgeschrittenen Alters Angebote des lebenslangen Lernens ganz ohne jegliche Hilfen finanzieren können.

Auch die Begabtenförderungswerke sind bei der Vergabe ihrer Stipendien an Studierende an die BAföG-Regelungen gebunden. Somit verschließt sich dual und berufsbegleitend Studierenden auch diese Möglichkeit einer Finanzierung. Die durchgeführte Studie zeigt jedoch, dass eine zusätzliche finanzielle Unterstützung auch für dual und berufsbegleitend Studierende oftmals erforderlich ist, um den Lebensunterhalt zu sichern. Das gilt insbesondere für Personen mit Familienpflichten. Insofern ist eine entsprechende Reform der BAföG-Regelungen zudem notwendig, um auch die Spielräume der Begabtenförderungswerke zu erweitern. Eine andere, einfachere, aber auch weitgehendere Möglichkeit bestünde für die politische Seite darin, die Bindung der Stiftungen an die BAföG-Regelungen aufzuheben.

Weiterhin sollten nicht nur die Hochschulen, sondern auch die Politik ihren Beitrag zur Gewährleistung einer Transparenz bei dualen und berufsbegleitenden Studienangeboten leisten. Wie bereits im Hochschulkontext erwähnt, mangelt es häufig an klaren Zuordnungen und Abgrenzungen zwischen dualen und berufsbegleitenden Studienangeboten. Bund und Länder sollten vor diesem Hintergrund bundesweit gültige, einheitliche Bezeichnungen für das duale und berufsbegleitende Studium festlegen. Der Wissenschaftsrat hat in seinen Empfehlungen aus dem Jahr 2013 für diesen Schritt die definitorischen Grundlagen in diesem Bereich gelegt. Auf freiwilliger Basis haben diese allerdings bislang nur geringe Wirkungen auf das Alltagshandeln in den Hochschulen gezeigt. Von etlichen Hochschulen werden klare Abgrenzungen sogar explizit abgelehnt.

Während duale Studiengänge überwiegend im grundständigen Bachelorstudium laufen, sind berufsbegleitende Studienangebote mehr in der wissenschaftlichen Weiterbildung angesiedelt und daher z. T. mit hohen Studiengebühren verbunden. Die Erhebung von Gebühren resultiert vor allem aus der Tatsache, dass sich wissenschaftliche Weiterbildungsangebote – anders als traditionelle Bachelor- und Masterstudiengänge – finanziell selber tragen müssen und auf einem Markt mit privaten Weiterbildungsanbietern konkurrieren. Zugleich zählt die wissenschaftliche Weiterbildung aber auch zu den gesetzlich vorgegebenen Kernaufgaben von Hochschulen. Das bedeutet, es handelt sich um einen staatlichen Auftrag. Hier sollte hinterfragt werden, inwiefern diese Gebührenpflicht in weiten Teilen des berufsbegleitenden Studiums diesem Auftrag zumindest an den vom Staat finanzierten Hochschulen gerecht wird.

4. Fazit

Der Beitrag verdeutlicht, dass für eine nachhaltige Entwicklung und Etablierung von berufsbegleitenden und dualen Studienangeboten noch Einiges getan werden muss. Es wird zudem klar, dass nicht nur die Hochschulen allein hier eine Verantwortung tragen, sondern auch weitere Stakeholder entscheidende Rollen innehaben. Dabei handelt es sich insbesondere um die Arbeitgebenden und die Politik. Sie sind gefordert, in Kooperation mit den Hochschulen geeignete Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Studium zu schaffen.

Für die Arbeitgebendenseite bedeutet das vor allem, den berufsbegleitend und dual studierenden Mitarbeitenden die Vereinbarkeit von Studium und Beruf zu erleichtern. Insbesondere die Ermöglichung einer weitgehend flexiblen Arbeitszeit- und Urlaubsgestaltung, die Freistellung für Studienangelegenheiten sowie die Gewährleistung einer Arbeitsplatzsicherheit stellten sich hierbei als sehr essentiell heraus. Die Ergebnisse der Studie der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) weisen hier jedoch auch auf einen deutlichen Unterschied zwischen den Studierenden der beiden Studienformen hin: Sowohl die Arbeitsplatzsicherheit als auch die Freistellung für Studienangelegenheiten ist bei den dual Studierenden stärker ausgeprägt, als bei den berufsbegleitend Studierenden. Ein weiterer interessanter Hinweis, der aus den Ergebnissen der Studie hervorgeht, ist auch, dass die Unterstützung/Beratung durch Personalabteilungen und Vorgesetzte von den befragten berufsbegleitend und dual Studierenden als wenig förderliche Maßnahme eingestuft wird. Die berufsbegleitend Studierenden urteilen hier wiederum etwas positiver als die dual Studierenden. Vor diesem Hintergrund wären beispielsweise Schulungen für Personalverantwortliche und Vorgesetzte denkbar, um den Mitarbeitenden eine bessere Unterstützung und Beratung während ihres Studiums bieten zu können.

Die Politik ist vorrangig dazu aufgerufen, finanzielle Entlastungsmöglichkeiten zu schaffen, um die Teilhabe an Studienangeboten des lebenslangen Lernens zu erleichtern bzw. überhaupt erst zu ermöglichen. Sowohl dual als auch berufsbegleitend Studierende besitzen derzeit in Deutschland nur eingeschränkte bis gar keine Möglichkeiten, an den finanziellen Fördertöpfen von Staat oder Stiftungen zu partizipieren. Dabei zeigt die Studie der Hans-Böckler-Stiftung (HBS), dass sowohl dual als auch berufsbegleitend Studierende oft finanzielle Probleme haben. Die Politik sollte daher das BAföG stärker an die Herausforderungen des lebenslangen Lernens anpassen, indem sie u. a. beispielsweise Altersgrenzen bei der Gewährung von finanziellen Fördermitteln weniger oder sogar kein Gewicht verleiht. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Förderung von Transparenz auf dem Gebiet der berufsbegleitenden und dualen Studienangebote. Neben den Hochschulen und den Arbeitgebenden ist hier auch der Staat gefragt. Es ist notwendig, über die Bundesländergrenzen hinweg klare Zuordnungs- und Abgrenzungsmöglichkeiten der Angebote beider Studienformen zu schaffen, indem Bund und Länder bundesweit gültige und einheitliche Bezeichnungen für das duale und berufsbegleitende Studium festlegen.

Für Rückfragen:

Dr. Sigrun Nickel, Leiterin Hochschulforschung, Gemeinnütziges Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und Mitglied im Leitungsteam der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“, E-Mail: sigrun.nickel@che

Nicole Schulz, Projektmanagerin, Gemeinnütziges Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und Mitarbeiterin in der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“, E-Mail: nicole.schulz@che.de



[1] Nickel, Sigrun; Püttmann, Vitus & Schulz, Nicole (2018): Trends im berufsbegleitenden und dualen Studium. Vergleichende Analysen zur Lernsituation von Studierenden und Studiengangsgestaltung. Study 396 der Hans-Böckler-Stiftung. Düsseldorf.

[2] Mitglieder des Beirates waren: Sonja Bolenius (DGB Deutscher Gewerkschaftsbund), Bärbel Friedrich (HBS Hans-Böckler-Stiftung), Dr. Wolfgang Jäger (HBS Hans-Böckler-Stiftung), Dr. Bernd Kaßebaum (IG Metall), Julia Rüthemann (GEW Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft), Dr. Rita Weber (IGBCE Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie), Uwe Wötzel (ver.di Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft), Garvin Zell (EVG Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft).

[3] Die beiden anderen Akteursgruppen, die hier nicht näher behandelt werden, sind Gewerkschaften und Fördereinrichtungen.


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