Expertinneninterview mit Prof. Dr. Esther Winther – Erkenntnisse und Empfehlungen aus parallelen und angrenzenden Forschung- und Bildungsbereichen

Von Olga Wagner, wissenschaftliche Begleitung

Im Rahmen der Arbeit der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ ist es uns ein Anliegen, die Förderprojekte des Wettbewerbs und weitere Interessierte über Themen, Trends und Entwicklungen, die mittelbar oder unmittelbar die wissenschaftliche Weiterbildung (wWB) betreffen, zu informieren. Dazu führen wir unter anderem Gespräche mit Expertinnen und Experten durch, die in angrenzenden Fachgebieten arbeiten und relevante Querschnittsthemen, welche bei der Gestaltung von wWB zu berücksichtigen sind, eingehender in den Blick nehmen. So konnten wir Prof. Dr. Ester Winther für ein Interview gewinnen, Leiterin des Instituts für Berufs- und Weiterbildung der Universität Duisburg-Essen (UDE), deren Expertise vor allem an der Schnittstelle zwischen beruflicher und akademischer Bildung sowie der Organisation von Lehr-Lernprozessen in der erwerbstätigen Lebensphase von ArbeitnehmerInnen liegt. Im folgenden Beitrag sind ihre Einschätzungen, Empfehlungen und Positionen zu relevanten Themen zusammengefasst.

Prof. Winther berichtet über konkrete persönliche Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit intermediären AkteurInnen und der sich daraus ergebenden Vorteile für die Vermarktung von Weiterbildungsangeboten der Hochschulen. Betont wird auch die Wichtigkeit der Einbeziehung von Bedarfen und Interessen der individuellen sowie organisationalen Zielgruppen aus der beruflichen Arbeitswelt, z. B. aus kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), bereits während der Angebotsplanung. Unter anderem wird die Interdisziplinarität in Verbindung mit gezielten hochschulinternen didaktischen Umsetzungsstrategien als eine Möglichkeit hervorgehoben, um die wWB als Transferstelle zwischen Theorie und Praxis stärker etablieren zu können. Des Weiteren setzt sie die Erkenntnisse aus ihrer aktuellen Forschung zum Thema Kompetenzmessung in der beruflichen Ausbildung in Beziehung zur wWB und skizziert mögliche Anwendungs- und Übertragbarkeits-Szenarien. Zum Ende des Interviews bezieht Prof. Winther Stellung zur aktuellen Debatte um die Digitalisierung, vor allem in Bezug auf Open Educational Resources (OER) und ihre Rolle bzw. die Möglichkeiten, welche sich dadurch für die akademische und berufliche Weiterbildung eröffnen.

Prof. Dr. Esther Winther

Foto: privat

Prof. Dr. Esther Winther ist seit 2017 Inhaberin der Professur für Berufliche Aus- und Weiterbildung an der Universität Duisburg-Essen (UDE). Ihre akademische Ausbildung und berufliche Laufbahn hat sie durch mehrere nationale und internationale Universitäten sowie Bildungs- und Forschungseinrichtungen geführt.

Vor Antritt ihrer aktuellen Professur an der UDE war Prof. Dr. Esther Winther zunächst von 2009 Lehrstuhlinhaberin an der Universität Paderborn. 2013 wurde sie als Professorin für Erwachsenenbildung an die UDE berufen und übernahm zeitgleich die wissenschaftliche Direktion des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e. V. in Bonn.

Momentan liegen ihre Forschungsschwerpunkte in der:
  • Diagnostik von Kompetenzen der beruflichen Ausbildung und der Entwicklung hierfür passender Instrumente,
  • evidenzbasierten, empirischen Berufsbildungsforschung mit dem Fokus auf der Verbesserung beruflichen Lehrens und Lernens,
  • Erforschung der Anforderungen an Auszubildende und Beschäftigte mit Blick auf geänderte Arbeitsplatzanforderungen, neue Tätigkeitsprofile und individuelle berufliche Biographien und Entwicklungen,
  • Digitalisierung und ihrer Anwendung sowie Gestaltung in der Weiterbildung.

Interdisziplinarität als Chance und Herausforderung

Wie können Hochschulen Ihrer Meinung nach wissenschaftliche Weiterbildung (kreativer) gestalten?

Was ich sehe, ist, dass Universitäten durch ihre Fachstrukturen, durch die Disziplingrenzen noch wenig bewusst wahrnehmen, dass Lernen nicht vor ihren Türen anfängt und nach ihren Türen aufhört, sondern dass Menschen durch ein Universitätsstudium befähigt werden, immer weiter zu lernen. Oder dass Universitäten, genau wie Ihr Projekt ja möchte, auch ein Ort sein könnten, wo Personen außerhalb dieses universitären Kosmos Bildung aufnehmen können. Hier haben Universitäten eigentlich die Chance, sehr spannende Angebote zu machen, gerade im interdisziplinären Zusammenschnitt.

Sie waren schon in vielen Universitäten tätig. Meinen Sie, dass eine interdisziplinäre Zusammenarbeit realistisch ist bzw. in der Realität auch wirklich vorkommt?

Ja, noch nicht weit verbreitet, aber meines Erachtens ist das die einzige Möglichkeit, um substantiellen Erkenntnisfortschritt zu generieren. Wir haben einzelne Fächer, wie z. B. die Physik, die das gut vormacht, denn, wenn ich nur physikalisch denke, kann kein großer Erkenntnisfortschritt gelingen. Genauso sehe ich das auch für die Bildungswissenschaften. Wenn ich wirklich nur noch rein in den engen Grenzen der Pädagogik denken würde, generiere ich keinen Erkenntnisfortschritt, sondern muss schauen, wie ich hier Dinge interdisziplinär zusammenfügen kann: aus den Wirtschaftswissenschaften, der Soziologie, der Geschichte, aber auch aus weiter entfernten Disziplinen, wie etwa der Computerlinguistik. Es gibt sehr viele Fragestellungen, die nur noch interdisziplinär zu bearbeiten sind, das sind eine Riesenchance auf der einen Seite und eine große Herausforderung auf der anderen Seite. Als Forschungsauftrag sollte das genauso gut wie als Bildungsauftrag praktisch umgesetzt werden können, wenn wir perspektivisch eine solche Trendforschung im Hinblick darauf betreiben, wie wir lernen und wie wir uns bilden, wird das zunehmend interdisziplinär sein.

Wissenschaftliche Weiterbildung als Transferstelle

Und meinen Sie, es wäre im Rahmen oder in der Aufgabe der wissenschaftlichen Weiterbildung möglich, dort eine Verbindung als Transferpunkt zur Praxis, auch im Hinblick zu den Unternehmen, zu schaffen, die dann an diesem Wissen teilhaben?

Dies wäre genau meine Empfehlung, weil wir in der wissenschaftlichen Weiterbildung (wWB) wenig curriculare Variabilität haben und wenige didaktische Zuschnitte. Wenn ich dieses interdisziplinäre Konstrukt denke, zwingt mich das zu höherer curricularer Variabilität und auch zu stärkerem Nachdenken über die Didaktik. Das heißt also: Interdisziplinarität kann helfen, Angebote in der wWB so zu generieren, dass sie eben dann auch die Nachfrage erzeugen und gleichzeitig die Nachfrage befriedigen können.

Die Frage ist, wie geht man weiter? Diesen Interdisziplinaritätsgedanken gibt es schon sehr lange, aber bei genauem Hinschauen auf die Realität funktioniert es leider nicht so, weil es zum einen unterschiedliche Sprachen und unterschiedliche Methoden gibt und zum anderen die Transferierbarkeit des Wissens nach wie vor eine große Hürde darstellt. Daran schließt die Frage an, was kann man machen? Eine Umsetzung gelingt nur mit sinnvollen didaktischen Konzepten, da sind Hochschulen meines Erachtens ein guter Ort, um aus dem Inneren heraus deutlich mehr didaktische Variabilität in der grundständigen Lehre zu schaffen, um diese dann in die wWB zu übertragen.

Verzahnung von wissenschaftlicher Weiterbildungslehre und grundständiger Lehre

Ist es dann wichtig, wissenschaftliche Weiterbildungslehre und grundständige Lehre innerhalb der Universität mehr zu verzahnen?

Nicht unbedingt, aber man müsste ein Bewusstsein dafür schaffen, dass wissenschaftliche/grundständige Lehre innerhalb der Universität und Lehre in der wWB eben nicht das Gleiche sind, weil die Zielgruppen, die Fragestellungen und die Impacts, die ich erzeugen möchte, unterschiedlich sind. Ich glaube, diese Sensibilität besteht noch nicht hinreichend, sinnvolle didaktische Schulungen könnten diese erzeugen.

Intermediäre AkteurInnen als VermittlerInnen zwischen Hochschule, Unternehmen und Weiterbildungsinteressierten

Gibt es aus Ihrer Sicht interessante/erwähnenswerte Trends bzw. Entwicklungen im Hinblick auf die Verzahnung von beruflicher und akademischer Bildung, die sich auf die (wissenschaftliche) Weiterbildung beziehen?

Eine spannende neue Initiative ist die Messe myQ[1]. Einen Austausch in dieser Form, in dem die Initiatoren dieses Messeformats im Vorfeld verschiedenste Partner wie die Kammern und das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung e. V. (DIE) herangezogen haben, aber auch über nachhaltige Feldstudien (Marktanalysen, Interviews) versucht haben, herauszufinden, ob sich ein Messeformat lohnt, gab es noch nicht. Zum Zeitpunkt der Konzeptentwicklung war das DIE noch relativ stark eingebunden und hat diese Initiative von Anfang an als Vermittler unterstützt, da wir sowohl die AkteurInnen der Praxis auf der einen Seite als auch die AkteurInnen des wissenschaftlichen Feldes auf der anderen Seite kennen. Vor allem, weil dieses Angebot bzw. dieser Austausch von Anbietenden von wWB einerseits und Nachfragenden andererseits so in Deutschland noch keine Plattform hatte. Die Aufgabe lag darin, auf beiden Seiten ein funktionales Commitment herzustellen.

Meinem Erachten nach liegt eine Problematik darin, dass wWB nur dann nachgefragt wird, wenn es einen akuten Bedarf gibt. Solche Messen können Bedarfe vorzeitig oder frühzeitig wecken. WWB ist extrem diffundiert, es gibt irrsinnig viele Angebote mit unterschiedlichster Qualität, und es gibt wenig zusammenfassende Information. Eine Messe ist eine gute Plattform. Diese funktioniert aber nur dann, wenn gute Partner vorhanden sind. Bei der myQ arbeiten diese Partner engagiert mit, versuchen das Feld sehr gut zu eruieren und vernetzen sich zudem gut in den Regionen, zumindest an den Messestandorten Düsseldorf und München. Außerdem sind die Kammern mit involviert, da nicht nur Hochschulen und Fachhochschulen bzw. weitere Anbietende von wWB betrachtet werden, sondern geschaut wird, welche Bedarfe auf Seiten der Betriebe eigentlich entstehen. Dieses Konzept gefällt mir gut.

Bedarfe der Unternehmen

Sie konnten während Ihrer beruflichen und akademischen Laufbahn Erfahrung mit Unternehmen gewinnen bzw. Kontakte in die Wirtschaft knüpfen. Können Sie aus Ihrer persönlichen Einschätzung sagen, ob von Seiten der Unternehmen Bedarfe an wWB vorhanden bzw. nachgefragt sind?

Unbedingt! Dort haben wir aber das Problem, welches bereits seit 20 bis 35 Jahren besteht. Nach wie vor gibt es ‚gaps. Gemeint sind u. a. Weiterbildungsbenachteiligungen im Alter im Hinblick auf Bildungssozialisationen. Was wir feststellen, ist, dass gerade wWB zunehmend Nachfrage erzeugt auf Grund digitalen Wandels und anderer Verhandlungsformen. Ein solcher Trend ist beispielsweise die Frage der ‚negotiations‘, momentan ein klassischer Trend in der wWB, der von vielen Unternehmen nachgefragt wird, oder auch ‚design thinking‘, ‚story tellings‘, also neuere Methoden der Projektarbeit. Solche Themen werden seitens der Unternehmen aktuell nachgefragt und wirklich gut und gerne angenommen.

Meinen Sie damit, dass die Themen praktisch nicht abgedeckt werden, also es keine entsprechenden Angebote seitens der Hochschulen gibt, die die Unternehmen brauchen bzw. Unternehmen nachfragen?

Ja, die Unternehmen sehen sich momentan unter Druck. Wir haben in Deutschland in vielen Industrien, angefangen mit der Automobilindustrie bis hin zur Energieindustrie, Unternehmen, die erkennen/sehen, dass sie massiven Innovationsbedarf haben und diesen durch Bildung decken können. Daher suchen sie ganz bewusst nach Angeboten in der wWB. Um genau auf diese Fragen Antworten zu finden, entsenden Unternehmen auch gerne MitarbeiterInnen an die Hochschulen. Außerdem stellen wir fest, dass eine hohe Weiterbildungswilligkeit bei ArbeitnehmerInnen vorhanden ist, welche sich außerhalb der Betriebe persönlich weiterbilden möchten und damit ein individuelles Interesse an Weiterbildung haben.

Kompetenzmessung

Einer Ihrer Forschungsbereiche ist Kompetenzmessung. Lassen sich Ihrer Meinung nach Erkenntnisse der Kompetenzmessung, wie sie in der Berufspädagogik Anwendung finden, auf das Gebiet der (wissenschaftlichen) Weiterbildung übertragen?

Das ist eine sehr spannende Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist. In der beruflichen Bildung liegt der große Vorteil bei der Messung von Kompetenzen darin, dass wir konsequent einen Fachbezug haben. Das heißt, wir haben ein Berufsbild, einen spezifischen Arbeitsplatz, irgendetwas, was wirklich gut fassbar ist. Für die Weiterbildung ist das etwas komplizierter. Das heißt, dass wir genauer den Kontext beschreiben müssen, in dem wir die Kompetenzen messen wollen. Es muss damit differenziert werden: Wollen wir die Kompetenzen messen, die für eine spezifische Aufgabe, die jemand hat, oder für ein spezifisches Potenzial, was er/sie irgendwann einmal erfüllen soll, oder eben für eine ganze Palette, quasi seines/ihres beruflichen Lebens, benötigt. Die Art und Weise, wie wir diese Frage beantworten, unterscheidet dann massiv, wie wir messen.

Nehmen wir einmal an, wir wollen die Kompetenzen messen, die über die gesamte berufliche Entwicklung und Enkulturation beobachtbar sind. Da kommen wir mit stichpunktartigen Messungen fachlicher Kompetenz nicht weiter, weil viele Dinge sich informell ereignen und gar nicht als wirklicher Kompetenzzugewinn von dem Individuum wahrgenommen werden. Das wiederum heißt, dass wir andere Herangehensweisen brauchen. Hier sehe ich große Anknüpfungspunkte an die Erfahrung aus der beruflichen Bildung, welche wir dort vor allem aus der beruflichen Ausbildung entnehmen können. Hier haben wir bereits gute Instrumente vorliegen, die spezifisch auf Arbeitsplätze zugeschnittene Kompetenzen psychometrisch messen, diese aber auch in einer fachlichen und überfachlichen Dimension erfassen. Zusätzlich sollten hier noch andere Verfahren überlegt werden, die stärker informelle Kompetenzerwerbsprozesse abbilden.

Herausforderung: Heterogenität der Teilnehmenden

Aber die Ergebnisse sind dann trotzdem abhängig von der Gruppe bzw. von der Person, die wWB in Anspruch nimmt?

Kompetenzmessung ist immer hoch individuell. Wenn wir Kompetenzen messen, müssen wir die Stichprobe, auf die wir die Kompetenzbeschreibungen beziehen, möglichst genau kennen. Wenn wir in einer Weiterbildung bzw. in einer wWB sind und für einen Kurs die Kompetenzen messen wollten, bräuchten wir im Vorfeld eine ziemlich genaue anthropologische Beschreibung derjenigen, die diesen Kurs besuchen.

Die Gruppen der Weiterbildungsteilnehmenden sind (meistens) sehr heterogen, was für die praktische Umsetzung eine Herausforderung darstellt, letztlich für den Output jedoch keine Rolle spielt. Das ist ja das Spannende an einer Kompetenzmessung, dass uns eigentlich das, was vorher war, nicht interessiert. Es ist von Interesse, was am Ende eines spezifischen Bildungsprozesses, eines spezifischen Bildungsgangs oder einer spezifischen Bildungsperiode passiert. Da setzen wir dann das Messinstrument ein und könnten, so die Theorie, alles, was vorher quasi an Bildungssozialisationsprozessen gewesen ist, ausblenden. Dass dies nicht so funktioniert, zeigen die empirischen Befunde. Wir haben hohe Divergenzen zwischen den Personen, die man zurückführen kann auf vorgelagerte Bildungsketten/Bildungssozialisation. Man kann es empirisch zumindest kontrollieren, um dann zu sehen, welche Kompetenzzuwächse der Bildungsgang bzw. die Bildungsperiode gebracht hat.

Ganz spannend finde ich eine Debatte, die wir seit Jahren führen. Bei diesen Kompetenzmessungen, wie ich sie oben beschrieben habe, geht man sehr kognitiv geprägt vor. Begrenzt man die Personen als wirklich spannenden Ansatz für die beruflich-betriebliche Weiterbildung und dann auch für die wWB, sehe ich den Enkulturationsprozess, also das Hineinwachsen eines Individuums in eine spezifische Expertenkultur. Diese Expertenkultur lässt sich hervorragend kontextualisieren und lässt sich damit auch zum Spiegelbild der Kompetenzmessung machen. Diese Erkenntnis, finde ich, löst ein bisschen die krampfhafte Debatte auf, in der gesagt wird, was nur fachlich unbedingt gekonnt werden muss. Der Expertenkulturbegriff und die Expertenkultur kann dann als eine Art normatives Konstrukt für die Messung der Kompetenzen verwendet werden. Und es ist spannend, weil man feststellen kann, wie unterschiedlich und branchenunterschiedlich, gruppenabhängig, altersabhängig, genaugenommen es sind immens viele Variablen, die dort einfließen, sodass es sehr schwer ist, diese eine Expertenkultur zu definieren.

Das macht die Kompetenzmessung spannend, wenn sie an diesen Enkulturationsprozess gebunden wird und solche Identifikationsaspekte, wie soziale Aspekte, mit hineinnimmt und damit gleichzeitig diese Kompetenzdebatte ein bisschen öffnet.

Auf der einen Seite erfordert Kompetenzmessung eine hohe mathematisch-statistische Expertise im Hinblick auf die psychometrischen Verfahren, auf der anderen Seite braucht man aber auch einen sehr guten Einblick in das Feld. Im Fall der wWB ist zu beachten, dass es sich um ein immens breites Feld handelt. Das bedeutet, man müsste ähnlich wie es in der beruflichen Ausbildung gemacht worden ist, sich erst einmal einzelne Bereiche heraussuchen, z. B. den Bereich des Educational Leaderships oder für einzelne Angebote, z. B. der ‚negotiations‘ oder aus dem Bereich der Führungskräfteentwicklung oder ähnliches, um dann zunächst dafür und nur dafür Kompetenzverfahren zu entwickeln und diese anwendet und anschließend schaut, wie/ob man entsprechende Adaptationsmuster findet/n kann, um diese auf andere Inhalte und andere Kontexte übertragen zu können. Das ist mein großer Kritikpunkt an der Erwachsenenbildung, bzw. allgemein auch an der Weiterbildung: die fehlende Beschäftigung mit zu wenig Kontext aus Angst vor den Inhalten. Aber irgendwann muss man sich einfach mal für etwas entscheiden. Es ist klar, ohne Inhalte kann ich keine Kompetenzen messen.

Digitalisierung und Open Educational Resources (OER)

Ein weiteres Thema Ihrer Forschungsarbeit beschäftigt sich mit Digitalisierung in der Weiterbildung. Gibt es irgendwelche Entwicklungen, die vielleicht auch interessant bzw. erwähnenswert im Kontext der wWB sind?

Im Hinblick auf die Weiterbildung hat die Digitalisierung in diesem Kontext noch großen Nachholbedarf. Im aktuell erschienenen Monitor Digitale Bildung kann das nachgelesen werden. Was ich erwähnenswert finde, ist die Debatte um die OER. Momentan ist da ziemlich viel Bewegung. In der Weiterbildung, auch in der wWB, ist eine große Unsicherheit zu spüren: Wie geht man mit OER um?

Eigentlich haben wir die ganzen Lizenzbedingungen klar definiert, in denen die Richtlinien erkennbar sind. Trotz des Regelwerks besteht das Gefühl, dass in der Weiterbildungsbranche bzw. in der wWB, aber auch in allen anderen Segmenten, der Umgang damit sehr unsicher ist. Auf diesen Trend muss man schauen und sich die Frage stellen: Wie schafft man dort zuverlässigere Bedingungen, damit AnbieterInnen und NachfragerInnen von Weiterbildung mit diesen Dokumentationen besser umgehen können?

Ein weiterer Trend oder einer, der es werden könnte, ist folgender: Wir haben bei Weiterbildung immer das Problem, sowohl im Hinblick auf die Nachfrage von Weiterbildung als auch im Hinblick auf die Beteiligungsquoten, dass die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) hinten runterfallen. Diese Unternehmen haben kaum die Möglichkeit, Personen zu entsenden, da ihre MitarbeiterInnen relativ stark in ihre Tagesgeschäfte eingebunden sind, sodass diese wenig Nachfrage nach Weiterbildung erzeugen können. Hier denke ich, dass durch die Digitalisierung, egal mit welchen Angeboten, ob es irgendwelche MOOCs oder Blended Learning-Konzepte sind, die mittlerweile schöner gestaltet sind als das vor ein paar Jahren der Fall gewesen ist, hier Möglichkeiten geschaffen werden, die KMU aus dieser (bildungsbenachteiligten) Nische herauszuholen und auch für diese Weiterbildung zugänglicher zu machen, um damit im Grunde die Niedrigschwelligkeit der Weiterbildung auch für KMU zu gewährleisten.

Digitalisierung als Chance für kleine und mittlere Unternehmen

Die Teilnahme der KMU an Weiterbildung wegen strukturellen Herausforderungen ist aber nicht für alle Branchen zutreffend. Manche KMU aus bestimmten Branchen beteiligen sich durchaus stark an Weiterbildung. Wäre damit die Digitalisierung dann nur für bestimmte Branchen interessant?

Generell verhält es sich, wenn man sich die Daten vom Statistischen Bundesamt anschaut und auch die vom Adult Education Survey (AES), so, dass die KMU signifikant weniger an Weiterbildung partizipieren als die größeren Unternehmen es tun. Es gibt einzelne Ausnahmen. Der Vorteil der KMU ist, dass diese zum Teil hoch innovativ sind. Wir haben viele hidden champions unter diesen KMU, die Weiterbildungsangebote sehr intensiv nutzen. Diese fallen signifikant in der großen Masse an KMU kaum auf. Wenn wir uns die deutsche Wirtschaftslandschaft einmal anschauen, leben wir von KMU, und diese sind in der Nachfrage nach Weiterbildung einfach aufgrund der strukturellen Schwierigkeiten signifikant unterrepräsentiert. Trends in der Digitalisierung könnten, wenn diese sinnvoll gestaltet sind, genau an dieser Stelle hilfreich sein. Ich glaube auch, dass das ein Trend sein wird, weil die KMU eben das Rückgrat unserer Wirtschaft sind und unter hohem Innovationsdruck stehen. Von daher werden KMU nach und nach immer stärker erkennen, dass trotz dieser strukturellen Beengtheit Bildung, vor allem Weiterbildung, auch im Hinblick auf Zukunftsfragen, immer wichtiger werden. In dem Zusammenhang wird die Suche losgehen: Mit welchen Angeboten kann man das machen, ohne dass man tageweise Arbeitsausfälle generiert? Oder weil man eben weiß, dass ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin abends nicht mehr lernen kann, weil er/sie dazu gar nicht motiviert ist oder auch gar nicht die Leistungsfähigkeit besitzt.

Wenn wir davon ausgehen, dass wir eine Öffnung der Hochschulen haben/erwirken und wWB nicht konkret über die Zielgruppe der HochschulabsolventInnen definiert ist, was wir mit unserem Projekt oder mit unserer Förderlinie mitunter ja erreichen möchten, glaube ich trotzdem, dass diese Annahme unrealistisch ist. Meinen Sie, dass Hochschulen diesen Weiterbildungsbedarf der KMU wirklich bedienen könnten?

Also ich glaube, die Digitalisierungsstrategien an den Hochschulen für ihre eigene originäre Klientel sind aktuell so schlecht, dass man eigentlich wenig optimistisch sein darf im Hinblick auf die Realisierung der Öffnung bzw. dass hier tatsächlich tragbare Lösungen für die KMU entstehen. Ich glaube, die Hochschulen müssten generell deutlich stärker für die eigene Klientel an ihren Digitalisierungsstrategien arbeiten. Das kann natürlich positive Effekte auf die regionalen Wirtschaften und auf die wWB erzeugen. Allerdings, auch da wäre ich wenig optimistisch, dieses Ziel in den nächsten fünf Jahren zu erreichen. Es wäre aber eine Riesenchance, obwohl momentan, ganz banal ausgedrückt, dort einfach die Mittel fehlen.

Seit kurzer Zeit gibt es an der Universität Duisburg-Essen, darauf ist die Universität auch sehr stolz, tatsächlich eine Digitalisierungsstrategie. Eine ganze Zeit lang gab es einzelne Konzepte zu E-Learning. Davon habe ich einige persönlich genießen können, da neuberufene ProfessorInnen angeschrieben worden sind, mit dem Hinweis, sie werden unterstützt, wenn sie innovative Lernformen, E-Learning-Angebote oder ähnliches etablieren wollen.

Das fand ich sehr positiv. Allerdings lag die Art und Weise der Förderung, der technische Support, die Einbindung in aktuelle Lernsettings, weit hinter dem zurück, wie wir dies aus anderen Nationen kennen oder wie es in Pilotprojekten, als Beispiel kann ich hier das wb-web des DIE aufführen, realisiert wird. Da gibt es an den Universitäten Ausbaubedarf.

Gibt es schon konkrete Umsetzungsbeispiele/Angebote oder ist die Umsetzung im Moment nur auf Papier als eine Strategie festgehalten?

Die Umsetzung hängt nach wie vor sehr stark an den einzelnen Personen. Also ich kann mich jetzt engagieren und kann das machen, stelle dann aber relativ schnell fest, dass der technische und finanzielle Support relativ gering ist, sodass ich weit weniger machen kann, als ich eigentlich machen möchte. Anschließend muss ich mir andere Partner suchen, wie beispielsweise das DIE, um so ein den aktuellen Standards entsprechendes Konzept, wie wir es anbieten möchten, zu entwickeln. Wenn ich mich selbst nicht engagiere, wird es auch kein Angebot geben. An der Universität gibt es super spannende Projekte, an denen man aber auch sieht, da stehen einzelne Köpfe dahinter. Es handelt sich hierbei nicht um eine gesamte Fakultätsidee oder gar eine Universitätsidee.

Es ist (auch) eine Frage der Sinnhaftigkeit. Wenn ein solches Konzept umgesetzt wird, taucht immer die Frage auf, ob das sinnvoll für die jeweiligen AdressatInnen ist. In der Erwachsenenbildung denke ich schon, dass wir die Aufgabe haben, solche Angebote zu erzeugen, weil viele unserer Studierenden bereits berufstätig sind. In anderen Bereichen haben wir das weniger. Wenn man andere Bereiche betrachtet und dort an wWB denkt, dann können die KMU als Zielgruppe genommen werden und diese wären das Maß der Dinge. Man müsste dort ansetzen, zum einen, um flexible Lernkontexte und flexible Lernsettings zu schaffen und zum anderen, um dort den Bedarfen gerecht zu werden.

Open Educational Resources

Können Sie nochmal erläutern, was Sie damit meinen, dass in Zusammenhang mit OER mehr Informationsstellen geschaffen werden sollten?

Was ich meinte, sind (mehr) Stellen für basale Informationen. Eine Recherche im Netz kann aufzeigen, dass es viele Seiten über OER gibt. Schnell kommt man zu den verschiedenen Lizenzbedingungen, kriegt sehr schnell Hinweise, wie mit OER umgegangen werden muss. In der praktischen Umsetzung fehlt es an klassischen einfachen Handreichungstools. Sie sind z. B. Lehrkraft in irgendeinem Weiterbildungsangebot oder Sie sind NutzerIn dieser Weiterbildung: Wie gehen Sie eigentlich mit Dokumenten aus dem Netz um? Das wäre ja relativ einfach zu machen, es gibt auch erste Hinweise. Da kann ich wieder auf das wb-web verweisen, wo es so kleine Handreichungen gibt.

Bei Betrachtung des Gesamtfeldes der Anbietenden besteht Unsicherheit, allerdings abhängig von der Größe der Anbietenden. Professionelle Anbietende, wie z. B. die Volkshochschulen oder verschiedene größere Träger, gehen mit OER sinnvoll um. Kleinere Träger hingegen zeigen große Unsicherheiten im Hinblick, wie so etwas gemacht werden kann. Für die freien TrainerInnen, aber auch an den Universitäten, sind OER gar kein Thema oder werden nur sehr begrenzt thematisiert.

Meinen Sie, die Universitäten sind selbst in der Verantwortung dahingehend etwas zu entwickeln oder ist das Aufgabe der Bildungspolitik?

Die Bildungspolitik hat viel gemacht. Von Seiten der EU Kommission und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gibt es meines Erachtens hinreichend viele Empfehlungen und hinreichend gut ausformulierte Papiere, mit denen man sich informieren kann. Von daher sind die Universitäten bzw. die Anbietenden von Weiterbildung selbst gefragt. Was helfen könnte, wäre tatsächlich so etwas wie im wb-web enthalten ist, grundlegende einfache Handreichungen. Wie gehe ich damit konkret um? Die politischen Papiere sind relativ lang und (relativ) unübersichtlich und nicht unmittelbar für jeden/jede, der/die Weiterbildung anbietet, so richtig lustbringend zu lesen.

Initiativen der Bildungspolitik zur Förderung des Ausbaus von OER in Deutschland befürworte ich, weil das Vertrauen schaffen und Vereinfachung bringen soll und damit den Umgang mit OER selbstverständlicher machen kann.


Vielen Dank für das Interview!



[1] „Die myQ ist bundesweit die erste Publikums- und Fachmesse im Bereich der individuellen berufsbezogenen Erwachsenenbildung und der betrieblichen Weiterbildung. Bildungsinteressierte Berufstätige, genau wie Personaler  und Führungskräfte mit Verantwortung für Mitarbeiter- und Teamentwicklung, können sich hier bei renommierten Ausstellern und Institutionen aus dem Bereich der Erwachsenenbildung über Angebote für berufsbegleitendes Lernen, berufsbezogene Schulungen und Weiterbildungen informieren.“ (Quelle: https://www.myq-messe.de/)


Col 3

Aktuelle Beiträge

05.12.2018 | Neuerscheinung: Die Lifelong Learning Universität der Zukunft

04.12.2018 | Auswertung der Veröffentlichungen und Projektergebnisse der 2. Wettbewerbsrunde erste Förderphase

27.11.2018 | Neue Handreichung der WB: Organisationale Verankerung und Personalstrukturen wissenschaftlicher Weiterbildung an deutschen Hochschulen

27.11.2018 | Relaunch der Website des Netzwerks Offene Hochschulen (NOH)

06.11.2018 | Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Hochschulgovernance

06.11.2018 | Vorschlag der DGWF zur Struktur und Transparenz von Angeboten der wWB

24.10.2018 | Ausgabe 2/2018 des öffentlichen Newsletters der WB ist online

10.10.2018 | Expertinneninterview der WB mit Esther Winther