Flexible Lehr-Lern-Szenarien gestalten – eine Voraussetzung für das lebenslange Lernen an Hochschulen

Ein Beitrag von Berit Godbersen und Annette Weber, Projekt konstruktiv, 22.04.2020


Hochschulen können nur Institutionen des lebenslangen Lernens sein, wenn sie den Anspruch erfüllen, Bildung für alle Menschen und in allen Lebenslagen und -phasen zugänglich zu machen. Schon lange werden Studienangebote an Hochschulen nicht mehr nur von klassischen Vollzeitstudierenden wahrgenommen. Hochschulen müssen sich bewusstmachen, dass sie zunehmend Bildungsinstitution für „neue“ Zielgruppen sind. Dazu zählen u. a. Personen mit (erstem) Hochschulabschluss und Berufserfahrung, Berufstätige, Personen mit Familienpflichten, qualifizierte Berufsrückkehrer*innen, arbeitslose Akademiker*innen und Personen mit ausländischen Studienabschlüssen.

Warum ein neuer Ansatz zur Entwicklung von Weiterbildungsangeboten

Das grundfinanzierte Studienangebot ist sehr umfangreich, bildet ein breites Fächerspektrum ab und orientiert sich an den klassischen Normalstudierenden. Das weiterbildende Studienangebot ist nachfrageorientiert ausgerichtet an berufstätigen und berufserfahrenen Teilnehmer*innen. Dieses Angebot ist vergleichsweise schmal.

In konstruktiv werden nun die bisher getrennt betrachteten Bereiche des grundfinanzierten Studiums und der wissenschaftlichen Weiterbildung eng miteinander verzahnt, Grenzen, die lange als unverrückbar galten, werden damit aufgebrochen. Module aus der grundfinanzierten Lehre aus Bachelor- und Masterstudiengängen werden zu Bausteinen flexibler Weiterbildungsangebote für sogenannte Modulbaukästen entwickelt. Diese sind unter der Marke LIFE gebündelt. LIFE steht für „Lernen. Individuell. Flexibel. Erfolgreich.“. Diese Modulbaukästen werden genutzt, um flexible Curricula für die Weiterbildung zu entwickeln. Nur so kann im Sinne des lebenslangen Lernens vielfältigen Interessen auch mit einem breiten und individuell gestaltbaren Angebot begegnet werden.

Welche Hürden zu bewältigen sind

Bei der Entwicklung der Modulbaukästen und flexiblen Curricula sind neben der inhaltlich-konzeptionellen Dimension zahlreiche formale, strukturelle und hochschulrechtliche Aspekte zu berücksichtigen. Sie betreffen die Planung, Entwicklung und Durchführung der LIFE-Angebote. Diese Fragen werden als Arbeitsergebnisse von konstruktiv in den verschiedenen Veröffentlichungen detailliert beantwortet.

Module aus der grundfinanzierten Lehre für die Gestaltung von LIFE-Angeboten zu nutzen, bedeutet möglichst viele Module raum-zeitlich zu flexibilisieren, um asynchrones Lehren und Lernen zu ermöglichen und so die Vereinbarkeit einer Weiterbildungsteilnahme mit beruflichen und/oder familiären Verpflichtungen zu erleichtern. Dies stellt eine der größten Hürden im Projekt konstruktiv dar. Lehrende dafür zu begeistern, ihre Lehre kritisch zu reflektieren und in „moderne“, digital gestützte Lehr-Lern-Formate zu entwickeln, verlangt nach speziellen Strategien, individuellen Unterstützungsangeboten und belastbaren Argumenten. Lehre und Lernen neu zu denken und zu verändern (z. B. Verkürzung der Präsenzphasen und Ausweitung des angeleiteten Selbststudiums, Produktion von Videoaufzeichnungen, Einsatz von präsenzersetzendem Material) bedeutet für Lehrende trotz vielfältiger Begleitangebote einen immensen Aufwand.

Mit Herausforderungen umgehen lernen

Ein verändertes/flexibilisiertes Lehr-Lern-Format muss immer das Ziel haben, den Lernerfolg zu steigern. Das Argument, Lehre lernförderlich zu flexibilisieren, machte in Gesprächen mit Lehrenden daher den feinen Unterschied, der durchaus Türen öffnete. In der Zusammenarbeit mit den Lehrenden richtet sich der Blick zunächst auf die Zielgruppe der Normalstudierenden, die den Lehrenden am vertrautesten ist. Zwangsläufig wird erkannt, wie heterogen die Studierendenschaft bereits ist und dass es somit geboten ist, eine individuelle Konstruktion von Wissen zu ermöglichen. Letzteres funktioniert vor allem durch Transparenz der Inhalte und digitale Optionen. Auch hier zeigt sich, dass die lang getrennt betrachteten Welten der grundfinanzierten Lehre und der Weiterbildung in der Zielgruppenperspektive zusammenwachsen.

Um den Herausforderungen insgesamt entgegenzuwirken, wurde im Rahmen von konstruktiv ein spezielles Unterstützungsangebot für Lehrende entwickelt: „Lehre lernförderlich flexibilisieren“ greift modulartig die unterschiedlichen Anliegen der Lehrenden auf und holt sie dort ab, wo sie gerade stehen. Die Beratung der Lehrenden wird durch das „Informationsportal Hochschullehre“ begleitet. Ziel ist es, die Lehrenden zu befähigen, die Schritte in Richtung innovative Lehr-Lern-Formate auch selbst gehen und dabei das Informationsportal gezielt nutzen zu können.

Das Informationsportal Hochschullehre

Das Informationsportal Hochschullehre ist bedarfsgerecht aus dem laufenden Unterstützungsprozess heraus entstanden und zeigt über einen direkten Praxisbezug Wege zur innovativen Lehre und zu flexiblen Lehr-Lern-Formen auf. Lehrende können sich hier Informationen und Tipps, u. a. zu den Themen Konzeption, Planung, Durchführung, Evaluation und Flexibilisierung von Lehre, abholen.

Die bisherigen Klickzahlen zeigen aber, dass es nur wenig spontane Nutzung gibt und es auch hier eines gut aufgestellten Beratungsangebots bedarf. Derzeit wird daran gearbeitet, den Bekanntheitsgrad weiter zu erhöhen und die selbständige Nutzung zu fördern. U. a. ist für Anfang Mai 2020 eine Impulsveranstaltung für Lehrende geplant, in der konstruktiv-Mitarbeitende anhand des Informationsportals vorstellen, wie Wege zu flexiblen und lernfördernden Lehr-Lern-Szenarien gestaltet werden können.

Die Universität Bremen nach konstruktiv

Die im Rahmen von konstruktiv entstandenen Produkte, Konzepte und Abläufe werden dauerhaft in der Universität verankert. Die LIFE-Modulbaukästen sollen stetig ausgebaut werden, sukzessive kommen weitere Module – auch aus weiteren Fachbereichen – hinzu.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass „Hilfe zur Selbsthilfe“ in Form von Anleitungen oder Websites (noch) nicht genügt, damit Lehrenden von sich aus der Prozess der Umgestaltung ihrer Lehre gelingt. Vielmehr ist eine intensive Betreuung auch weiterhin wichtig. Ein gut aufgestelltes Beratungsangebot soll auch zukünftig bewirken, gemeinsam mit interessierten Lehrenden eine raum-zeitlich flexiblere Organisation der Lehre zu konzipieren und umzusetzen. Die entwickelten Unterstützungsstrukturen sollen bis zum Projektende (Juli 2020) nachhaltig verankert sein. Aktuell wird daran gearbeitet, die Zusammenarbeit und die Aufgabenteilung zwischen der Akademie für Weiterbildung, der Geschäftsstelle Hochschuldidaktik und dem Zentrum für Multimedia in der Lehre transparent darzustellen.

Fest steht schon jetzt: Die Grenzen zwischen grundfinanzierter Lehre und Weiterbildung, die durch konstruktiv durchlässiger geworden sind, werden dauerhaft offen bleiben. Die Universität Bremen wird die neu entstandenen Möglichkeiten, die sich aus der Verbindung beider Welten ergeben, auch zukünftig nutzen.

Kontakt

Dr. Petra Boxler
Projektleitung
Akademie für Weiterbildung der Universität Bremen
Telefon: 0421 - 218 61 600
E-Mail: boxler@uni-bremen.de