Grenzen weiten und überwinden auf dem weiteren Weg zur Öffnung der Hochschulen – Einschätzungen aus Sicht der DGWF

Ein Beitrag von Gabriele Vierzigmann, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium e.V. (DGWF), 28.10.2020

Bildnachweis: Julia Bergmeister/juliabergmeister.comAus Erfahrung wissen wir, dass Grenzen dann überwunden werden können, wenn man konzertiert und vereint an ihnen rüttelt und geteilte Vorstellungen darüber hat, warum diese Grenzen eigentlich fallen sollen.

Wie lassen sich Grenzen weiten und überwinden?

Um miteinander geteilte Vorstellungen und ein gemeinsames Vorgehen zu gewährleisten und dadurch nachhaltig Grenzen zu weiten und zu überwinden, sollten wir weiterhin und über den Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ hinaus dafür sorgen, dass

  • der Diskurs über Ideen und Ziele der offenen Hochschule und der wissenschaftlichen Weiterbildung (wWB) weitergeführt wird,
  • die Netzwerke der offenen Hochschule erhalten bleiben und gepflegt werden,
  • Bündnispartner*innen interessiert gehalten bzw. neue gewonnen werden,
  • das Angebotsportfolio der offenen Hochschulen in seiner ganzen Vielfalt erhalten bleibt bzw. ausgebaut wird, vor allem im Hinblick auf Bildungsformate für das Studium Berufstätiger und beruflich Qualifizierter,
  • das Niveau der Qualifizierung und des Wissensstandes in der Fachcommunity der wWB gepflegt wird, gerade auch mit Blick auf die Auseinandersetzung in den Hochschulen um Aufmerksamkeit und Ressourcen.

Wo finden wir die Grenzen, die uns Sorgen machen könnten?

Grenzen, die einer weiteren Öffnung der Hochschulen bislang im Weg stehen, finden wir in den Köpfen, in den Strukturen und im Handeln auf den Leitungsebenen. Für eine Grenzüberschreitung auf dem weiteren Weg zur Öffnung der Hochschulen gilt es daher folgende Veränderungen anzustoßen:

  • In den Köpfen gilt es, auf einen weitergehenden Mentalitätswandel hinzuwirken. Solange Positionen vertreten werden, die berufliche Bildung dem Akademiker*innenwahn gegenüberstellen oder Online-Lehre nur als (scheinbar) günstigere Alternative propagieren, wird man bei der Öffnung der Hochschulen auf Widerstand treffen.
  • Der Einstieg in die wissenschaftliche Welt kann für beruflich Qualifizierte und nicht-traditionell Studierende nur mit struktureller Unterstützung, die Teilnehmende auch finanziell unterstützt, gelingen.
  • Die wWB darf nicht weiter als Stiefkind der Hochschulen außen vor bleiben, sondern muss systematisch mit Forschung, Transfer und Innovation verzahnt werden. Diese Verzahnung muss auch in hochschulische Gesamtstrategien eingebunden sowie durch gemeinsam nutzbare Förderlinien unterstützt werden.
  • Die Realisierung von Rahmenbedingungen für Hochschulen des lebensbegleitenden Lernens werden erst oben auf der Agenda stehen, wenn Leitungsebenen das Potential und den Mehrwert der wWB und die inkludierende Wirkung einer Öffnung der Hochschulen anerkennen.

Welche Aussichten bestehen für die weitere Öffnung der Hochschulen?

Die Aussichten sind gut, die Aufgaben riesig: Hybride Studienformate, so wie sie jetzt unter Pandemiebedingungen flächendeckend angestrebt werden, können eine Chance sein, die weitere Öffnung der Hochschulen voranzutreiben. Die Erweiterung des Angebots der Hochschulen in Richtung Formate und Abschlüsse „unterhalb“ der Studiengänge, aber mit diesen zusammengedacht und untereinander bzw. mit beruflicher Bildung anschlussfähig kombinierbar, ebenso. Allerdings sind die Reichweite und die Radikalität der Veränderungen, die ein solcher Umbau von Hochschulen in Orte des offenen, lebensbegleitenden Studierens erfordert, vielerorts noch nicht angekommen: Wer treibt und zahlt einen Umbau der zeitlichen und strukturellen Organisation von Studium generell, eine Erweiterung des professoralen Lehrauftrags um die ständige Weiterentwicklung der Studienangebote und eine Gewährleistung des hochschulischen Anspruchs, „Bildung im Medium der Wissenschaft“ zu betreiben, und zwar in jedem Format? Eine neue Elitenbildung „Präsenz und akademischer Diskurs“ für wenige, „funktional ausgerichtete Online-Formate“ für viele Studierende gilt es in jedem Fall zu verhindern.

Kontakt

Prof. Dr. Gabriele Vierzigmann
Vorsitzende DGWF
Hochschule München
E-Mail: vierzigmann@hm.edu 
www.dgwf.net


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