Immer mehr Menschen studieren erfolgreich ohne Abitur

Ein Beitrag von Sigrun Nickel und Nicole Schulz

Mitte März 2017 veröffentlichte das CHE Centrum für Hochschulentwicklung eine aktuelle Analyse der Entwicklung des Studiums ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife in Deutschland. Ein bemerkenswertes Ergebnis ist, dass noch nie zuvor so viele Personen ein Studium erfolgreich abschließen konnten, die ausschließlich über ihre berufliche Qualifizierung an eine Hochschule gelangt sind. Eine weitere Besonderheit ist die Feststellung, dass sich inzwischen eine Reihe von weiterbildenden Masterstudiengängen etabliert hat, die Personen ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung einen unmittelbaren Zugang ermöglichen – und zwar ohne zuvor erworbenen Bachelorabschluss. Einen Überblick über die aktuellen Entwicklungstrends zum Thema bietet der nachfolgende Beitrag von Sigrun Nickel und Nicole Schulz, beide Mitglieder im Team der wissenschaftlichen Begleitung

Personen, die sich über ihre berufliche Ausbildung und Erfahrung für den Zugang zu einer Hochschule qualifiziert haben, sind im deutschen Wissenschaftssystem inzwischen selbstverständlicher geworden als noch zu Beginn der 2000er Jahre. So hat die Zahl der Studierenden ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife laut den jüngsten verfügbaren Daten aus dem Jahr 2015 mit rund 51.000 einen neuen Höchststand erreicht. Der Anteil der Erstsemester ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung an allen Studienanfänger(inne)n in Deutschland ist im Vergleich zum Vorjahr allerdings leicht gesunken um rund 0,3 Prozentpunkte auf nun 2,5 Prozent. Eine ausgesprochen positive Entwicklung zeigt sich auch bei den Studienabschlüssen: 1,3 Prozent aller Hochschulabsolvent(inn)en in Deutschland haben mittlerweile das Studium ohne vorheriges Abitur erfolgreich beendet. Damit ist auch hier gegenüber den Vorjahren ein neuer Höchstwert zu verzeichnen.

25.000 Hochschulabsolvent(inn)en seit dem Jahr 2010

Die genannten Absolvent(inn)enquoten sind auch deshalb positiv zu bewerten, weil sie den Schluss nahelegen, dass die berufliche Bildung in der Lage ist, die Studierfähigkeit zumindest teilweise zu fördern. Aussagekräftige wissenschaftliche Untersuchungen fehlen zu diesem Thema bislang; ein genauerer Blick auf diesen Punkt wäre sicher lohnenswert. In den zurückliegenden Jahren tauchten hin und wieder Bedenken auf, ob Personen ohne Abitur genauso erfolgreich studieren können wie Personen mit allgemeiner Hochschul- oder Fachhochschulreife. Faktisch hat sich die Zahl der Hochschulabsolvent(inn)en, die über den beruflichen Weg ins Studium gelangt sind, indes kontinuierlich gesteigert und liegt aktuell bei rund 6.200 Personen. Im Zeitraum von 2010 bis 2015 konnten insgesamt rund 25.000 Studierende ohne allgemeine Hochschul- oder Fachhochschulreife einen akademischen Abschluss erwerben.

Auf Länderebene zeigen sich weiterhin sehr unterschiedliche Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland. Während in Westdeutschland die Zahl der Studienanfänger(innen) leicht rückläufig ist, konnten im Osten besonders Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen deutlich mehr beruflich qualifizierte Erstsemester begrüßen. Die Länder mit dem höchsten Anteil an Studienanfänger(inne)n ohne Abitur sind weiterhin Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Berlin.

Am beliebtesten bei Studierenden ohne Abitur sind die Fachhochschulen bzw. Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Hier finden sich derzeit mit insgesamt rund 29.000 bundesweit die meisten beruflich Qualifizierten. Ein ganz ähnliches Bild zeigt sich auch bei der Zahl der Studienanfänger(innen). Im Jahr 2015 entschieden sich rund 7.400 beruflich qualifizierte Erstsemester für eine akademische Ausbildung an einer anwendungsorientierten Hochschule, rund 5.000 für ein Universitätsstudium und rund 150 nahmen ein Studium an einer künstlerischen Hochschule auf. Die Hochschule, die bundesweit die meisten Erstsemester ohne hochschulische Zugangsberechtigung aufweist, ist die FernUniversität in Hagen mit einem Anteil von 16,5 Prozent. Dahinter folgen die FOM Hochschule für Ökonomie & Management Essen mit 8,8 Prozent und die Fachhochschule Südwestfalen mit 4,3 Prozent. Die drei deutschlandweit am stärksten nachgefragten Hochschulen beim Studium ohne Abitur sind also in Nordrhein-Westfalen angesiedelt.

Ein Großteil der Bundesländer sieht sogenannte Vorabquoten für Personen ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife in zulassungsbeschränkten Studiengängen vor, deren Studienplätze im Falle, dass mehr Bewerbungen vorliegen als Studienplätze in dieser Quote vorhanden sind, über ein spezifisches Zulassungsverfahren von den Hochschulen vergeben werden. Doch auch in diesem Punkt sind die rechtlichen Regelungen in den einzelnen Bundesländern ausgesprochen heterogen. So gibt es Bundesländer, die spezielle Vorabquoten für beruflich Qualifizierte in einer bestimmten Höhe (Minimum, Maximum) vorgeben; andere Hochschulgesetze und -verordnungen wiederum definieren lediglich teilgruppenübergreifende Vorabquoten, die zumeist insgesamt etwas höher angesetzt sind. Doch sind die zur Verfügung stehenden Studienplätze für Personen mehrerer verschiedener Zielgruppen vorgesehen – und zwar ohne konkrete Vorgaben des jeweiligen Anteils. Darüber hinaus gibt es vier Bundesländer, die keine gesetzlichen Regelungen zu Vorabquoten für Studieninteressierte ohne (Fach-)Abitur vorweisen. Dabei handelt es sich um Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Thüringen

Masterzugang für beruflich Qualifizierte ohne Bachelorabschluss

Studieninteressierten ohne Abitur stehen bundesweit knapp 7.000 Studienangebote offen. Dabei steht für die beruflich qualifizierten Studierenden eindeutig der Bachelorabschluss im Vordergrund. Nur sieben Prozent aller Studierenden ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung studieren einen Masterstudiengang. Innerhalb der gesamten bundesdeutschen Studierendenschaft ist dies dagegen jeder vierte. Bemerkenswert ist, dass es in Deutschland bereits 24 weiterbildende Masterstudiengänge gibt, für die weder ein Abitur noch ein Bachelorabschluss erforderlich sind. Diese Angebote richten sich allerdings primär an beruflich Hochqualifizierte, beispielsweise mit Erfahrung in einer Führungsposition. Daher handelt es sich bislang noch um ein kleines und exklusives Segment im Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung, das entsprechend kostenpflichtig ist. Das Gros der weiterbildenden Masterstudiengänge mit direktem Zugang für beruflich Qualifizierte in Deutschland wird von den öffentlichen Hochschulen in Rheinland-Pfalz angeboten, die ein anwendungsorientiertes Profil besitzen. Die präferierte Fächergruppe stellen – ähnlich wie generell bei den Studierenden ohne Abitur üblich – die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften dar, wobei die meisten Studiengänge sich im Bereich des Managements bewegen und eher den Wirtschaftswissenschaften als den Rechtswissenschaften zuzuordnen sind. Dies bestätigt auch ein Blick auf die Abschlussgrade: Zwölf von 24 Studiengängen führen zu einem Master of Business Administration.

Eine immer wiederkehrende Frage ist, ob in naher Zukunft noch weiteres Wachstumspotenzial beim Studium ohne Abitur besteht. Der Bundesbildungsbericht 2016 zeigt einen deutlichen Trend zu höheren Bildungsabschlüssen (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2016, S. 96-97). Demnach besaßen 56 Prozent der gleichaltrigen Bevölkerung im Jahr 2014 die mittlere Reife und 53 Prozent eine allgemeine Hochschul- oder Fachhochschulreife, wobei die Entwicklung zu Mehrfachabschlüssen geht, d.h. Menschen holen zunehmend insbesondere höhere Bildungsabschlüsse nach. Trotzdem ist die Personengruppe, der grundsätzlich die Möglichkeit offensteht, sich über ihre beruflichen Kenntnisse und Erfahrungen für ein Hochschulstudium zu qualifizieren, nach wie vor groß. Die entscheidende Frage ist, ob sie die gebotene Chance auch nutzen können. Die vorliegende Untersuchung des CHE zeigt, dass Fachhochschulen sich in diesem Punkt stärker geöffnet haben als Universitäten. Vor diesem Hintergrund wäre es politisch gesehen überlegenswert, statt einer flächendeckenden erhöhten Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung eher Initiativen der Hochschulen zu fördern, welche die Umsetzung dieses Ziels explizit zu einem Profilschwerpunkt machen (wollen).

Eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse kann als kostenfreie Online-Publikation heruntergeladen werden unter: www.che.de/downloads/CHE_AP_195_Studieren_ohne_Abitur_2017.pdf. Weitere Informationen stehen darüber hinaus im Online-Studienführer www.studieren-ohne-abitur.de zur Verfügung.

Literatur

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2016). Bildung in Deutschland 2016. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration. Zugriff am 15.03.2017. Verfügbar unter http://www.bildungsbericht.de/de/bildungsberichte-seit-2006/bildungsbericht-2016/pdf-bildungsbericht-2016/bildungsbericht-2016.


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