Internationalisierung im Kontext wissenschaftlicher Weiterbildung und lebenslangen Lernens an Hochschulen

Ein Beitrag von Eva Cendon und Uwe Wilkesmann, wissenschaftliche Begleitung, 10.04.2019

Liebe Leser*innen,

die Förderung der Internationalisierung von Hochschulen scheint in Deutschland en vogue zu sein: Aktuell fördert das BMBF mit „HAW.International“ die internationale Zusammenarbeit von Fachhochschulen in Forschung und Lehre. Gleichzeitig wird auch die Internationalisierung der Lehramtsausbildung durch den DAAD gefördert. Dabei lässt sich insgesamt beobachten, nicht zuletzt durch die Globalisierung und die Digitalisierung, dass sich eine Veränderung von einer Internationalisierung als Mobilität von Studierenden (und auch Forschenden) zwischen einzelnen Hochschulen und Ländern hin zur Mobilität von Bildungsangeboten abzeichnet, die inzwischen auch in Deutschland Fuß gefasst hat. Vorreiterinnen für diese Entwicklungen sind schon seit den 1980er-Jahren u. a. englische und australische Universitäten. (DAAD, 2012) Diese neue Dimension der Internationalisierung wird unter dem Begriff der Transnationalisierung subsumiert und bezeichnet die grenzüberschreitende Mobilität von Programmen und Institutionen (Fromm, 2017).

Auch die neueste Ausgabe der Zeitschrift Hochschule und Weiterbildung (ZHWB) greift die Internationalisierung mit speziellem Fokus auf die wissenschaftlichen Weiterbildung (wWB) als Thema auf. Sie bietet lesenswerte Beiträge u. a. zu Strategieoptionen für englischsprachige Weiterbildungsmodule, zu Wissens- und Bildungstransfer in einem internationalen Studiengang und zu grenzüberschreitenden Netzwerkstrukturen. Wolfgang Jütte (2018) zeichnet im Editorial die Konjunkturen von Internationalisierung im Kontext von wWB nach – von „traveller‘s tales“ bis hin zu international vergleichenden Studien. Die Resonanz auf den Call der ZHWB als auch der Rücklauf auf den Call für diesen Newsletter zeigen, dass das Thema Internationalisierung/Transnationalisierung in der wWB in Deutschland ein noch wenig ausgeleuchtetes Feld ist, das sowohl wissenschaftlich als auch praktisch kaum behandelt wurde. Einzig die internationale Vergleichsstudie von Hanft und Knust (2007) hat vor mehr als zwölf Jahren wWB-Angebote in anderen Ländern analysiert. Eine Follow-up-Studie dazu – auch vor dem Hintergrund veränderter Rahmenbedingungen – steht noch aus. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass mit diesem Newsletter das Thema aufgegriffen wird.

Für die Strukturierung unseres Zugangs zum Thema nehmen wir hier Anleihe an der von Müller, Gröger und Schumacher (2018) vorgenommenen Systematisierung von Strategien der Internationalisierung von Hochschulen und wWB auf den Achsen der Leistungserbringung (ob sie im eigenen Land erbracht wird oder in einem anderen Land) und der Mobilität (sind Personen mobil oder ganze Fachbereiche oder Hochschulen). Wir nutzen die in der folgenden Grafik dargestellten Strategien, um beispielhaft die Aspekte für die wWB herauszuarbeiten. 

Abbildung: Institutionelle Strategien von Hochschulen im Zeitalter steigender Digitalisierung und Globalisierung

Abbildung: Institutionelle Strategien von Hochschulen im Zeitalter steigender Digitalisierung und Globalisierung (Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Müller, Gröger & Schumacher, 2018, S. 12)

Die im linken unteren Quadranten beschriebene Internationalisierung ist der sicherlich älteste und bekannteste Fall: Wissenschaftler*innen und Studierende gehen als Personen ins Ausland. So ist beispielweise die Förderung der Mobilität von Studierenden und Lehrenden zu Studienaufenthalten oder Auslandspraktika ein zentraler Bestandteil der oben genannten Förderlinien. Die Digitalisierung hat aber auch die Mobilität verändert. So zeigt die Mobility Matrix der European Association of Distance Teaching Universities (EADTU), dass die Grenze zwischen klassischer physischer Mobilität und transnationalem Online-Studium (und damit Transnationalisierung im oberen linken Quadranten) fließend ist. Dazwischen finden sich hybride Formen der Mobilität, die sowohl physische als auch virtuelle Formen inkludieren – und somit Weiterbildungsstudierenden mit knappen Zeitbudgets und zum Teil wenig räumlicher Flexibilität entgegenkommen.

Transnationalisierung in dem linken oberen Quadranten als ‚Distance learning‘ oder ‚Online-Studium‘ ist sicherlich das am häufigsten umgesetzte Anwendungsbeispiel: Online-Programme für Studierende, die sich überall auf der Welt aufhalten können, wo ein Anschluss ans Internet existiert. Im besten Fall bleiben also alle an ihren Orten – das Programm im Rahmen und in der Infrastruktur der Hochschule (aber durch die Online-Verfügbarkeit überall wählbar) und die Studierenden an ihren jeweiligen geografischen Standorten. Im Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ ist das International Program in Survey and Data Science (IPSDS) der Universität Mannheim ein gutes Beispiel dafür. Ebenso ist das Projekt Effizient Interaktiv Studieren (EffIS) der Universität Ulm zu nennen, welches die oben genannten Angebote der Internationalisierung mit Online-Modulen angereichert hat.

Transnationalisierung als ‚Non-Collaborative Arrangement‘ lässt sich an den Beispielen bekannter US-amerikanischer Hochschulen und englischer Universitäten (mit dem Brexit vor Augen) beobachten, die Campusse in anderen Ländern aufbauen, um dort eigene Studiengänge und Abschlüsse anzubieten (rechter unter Quadrant). So plant z. B. das King‘s College London nach Berichten der BBC einen Campus in Dresden zu errichten. Da diese Studiengänge mit Studiengebühren belegt sind und häufig auf Studierende mit Berufserfahrung zugeschnitten sind (z. B. bei MBA-Programmen), agieren diese Angebote auch auf dem Weiterbildungsmarkt.

Wenn nicht ein eigener Campus im Ausland aufgebaut werden kann oder soll, ist eine Franchising-Kooperation eine weniger aufwändige Alternative. In dieser Form der Transnationalisierung als ‚Collaborative Arrangement’ wird die Infrastruktur und das Personal einer bestehenden Hochschule im Land genutzt, aber das Studienprogramm und der Abschluss werden von der ausländischen Universität verantwortet (rechter oberer Quadrant). So können Kosten gesenkt und damit die Konkurrenzsituation zu Angeboten der wWB deutscher Hochschulen verschärft werden. Umgekehrt kann dies auch eine Strategie für englischsprachige Programme der wWB deutscher Hochschulen sein, die in anderen Ländern angeboten werden. Im Jahre 2017 hat der Wissenschaftsrat (WR) zu dieser Form der Kooperation eine Bestandsaufnahme und Stellungnahme verfasst. Unter dem Oberbegriff der studiengangsbezogenen Kooperationen differenziert er (A) das Franchising hochschuleigener Studiengänge, (B) die Validierung von Curricula anderer Einrichtungen, (C) die systematische Anrechnung außerhochschulisch erworbener Qualifikationen und (D) die Externenprüfung. Zur Zeit des Gutachtens gab es 108 studiengangsbezogene Kooperationen in Deutschland, bei denen die gradverleihende Hochschule im Ausland saß (am häufigsten in England). Der WR beurteilt explizit auch in der wWB studiengangsbezogene Kooperationen mit Externen positiv, wenn die anbietende Hochschule die Kontrolle und Souveränität über die angebotenen Inhalte behält.

Zur Profitabilität von Internationalisierungsstrategien gibt es bislang wenige Befunde. In einer ersten Studie zur Profitabilität verschiedener Transnationalisierungsstrategien englischer Universitäten konnte gezeigt werden, dass Internationalisierung die höchste Nettorendite abwirft (wenn also ausländische Studierende in England studieren). Online-Kurse, die im Ausland angeboten werden, stehen an zweiter Stelle in der Profitabilität. An dritter Stelle kommen die Franchising-Modelle für englische Universitäten (THE, 2019).

Im Mittelpunkt der Beiträge unseres Newsletters stehen internationale Einbettung und internationaler Vergleich bzw. Lernen von Anderen. Im Rahmen unserer den Wettbewerb begleitenden internationalen Forschung und Beobachtung haben wir unterschiedliche Aspekte von Internationalisierung in den Blick genommen. Der Beitrag von Eva Cendon und Abena Dadze-Arthur „Inspirationsquelle USA – Verzahnung von Theorie und Praxis durch Cooperative Education?“ verdeutlicht, was Angebote der wWB von der Cooperative Education – eines dem dualen Studium ähnlichen Studienmodells – in Bezug auf Theorie-Praxis-Verzahnung lernen können. Der Beitrag von Uwe Wilkesmann und Olga Wagner zu „Transparenz der wissenschaftlichen Weiterbildung durch internationale Rankings?“ zeigt, wie die Sichtbarkeit von Angeboten in der wissenschaftlichen Weiterbildung erhöht und somit mehr ausländische Studierende im Rahmen der Internationalisierung ins eigene Land geholt werden können. Das Videostatement mit Thomas Skou Grindsted gibt Einblicke in die praxisorientierte Gestaltung des Bachelorkurses ‚Geography in Practice‘ an der dänischen Universität Roskilde, in welchem die Studierenden nach einer kurzen, theoretischen Einführungsphase unmittelbar in die Praxis eintauchen. Über den Wettbewerb hinausgehend beschreibt ein Beitrag die Internationalisierungsstrategie einer Hochschule und ihre Strategiefelder. Zwei Video-Beiträge zur Zukunft von Lehre an Hochschulen runden die inhaltliche Palette ab: In einem Videobeitrag steht das Lehr-Lern-Konzept und die Zukunft des Lehrens und Lernens an der Open University Jyväskylä in Finnland im Mittelpunkt. In dem zweiten Beitrag kommentieren Wissenschaftler*innen „around the globe“ aus unterschiedlichen fachlichen und internationalen Perspektiven die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Hochschulen der Zukunft. Dabei liegt der Fokus auf den Herausforderungen und Möglichkeiten für das Lehren und Lernen.

Insgesamt kommen bei diesem Newsletter viele Menschen aus unterschiedlichen fachlichen und geografischen Kontexten zu Wort. Auch das ist ein wesentlicher Teil von Internationalisierung im Sinne von „integrating an international, intercultural, and global dimensions into the purpose, functions or delivery of postsecondary education“ (Knight, 2003, S. 2)

Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen und interessante internationale Erfahrungen!

Kontakt

Prof. Dr. Eva Cendon
Gesamtleitung der wissenschaftlichen Begleitung
FernUniversität in Hagen
E-Mail: Eva.Cendon@FernUni-Hagen.de

Prof. Dr. Uwe Wilkesmann
Mitglied im Leitungsteam der wissenschaftlichen Begleitung
TU Dortmund | Zentrum für HochschulBildung
E-Mail: uwe.wilkesmann@tu-dortmund.de

Literatur

DAAD (Hrsg.). (2012). Transnationale Bildung in Deutschland. Positionspapier des DAAD. Bonn: DAAD, HRK. Abgerufen von https://www.daad.de/medien/der-daad/analysen-studien/tnb-positionspapier.pdf

Fromm, Nadin (2017). Zur Transnationalisierung von Hochschulbildung. Eine empirische Studie zur Interaktion hochschulpolitischer Akteure beim Aufbau bilateraler Hochschulen im Ausland. Baden-Baden: Nomos, Edition Sigma.

Hanft, Anke & Knust, Michaela (Hrsg.). (2007). Weiterbildung und lebenslanges Lernen in Hochschulen. Eine internationale Vergleichsstudie zu Strukturen, Organisation und Angebotsformen. Münster: Waxmann.

Jütte, Wolfgang (2018). Stichwort: Internationalisierung im Feld der wissenschaftlichen Weiterbildung. Zeitschrift Hochschule und Weiterbildung (ZHWB) (2), 7-9. DOI: https://doi.org/10.4119/zhwb-1192

Knight, Jane (2003). Updating the Definition of Internationalization. International Higher Education, (33), 2.

Müller, Ursula; Gröger, Gabriele & Schumacher, Herrmann (2018). Hochschulische Strategieoptionen im Feld englischsprachiger wissenschaftlicher Weiterbildung. Zeitschrift Hochschule und Weiterbildung (ZHWB) (2), 10-21. DOI: https://doi.org/10.4119/zhwb-129

THE Times Higher Education (2019). Returns for educating students offshore ‚derisory’, says study. 21. Januar 2019.