Interview mit Prof. Dr. Gabriele Vierzigmann der Vorstandsvorsitzenden der DGWF über aktuelle Diskurse in der wissenschaftlichen Weiterbildung

Von Olga Wagner und Uwe Wilkesmann, wissenschaftliche Begleitung

Die Deutsche Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium e. V. (DGWF) versteht sich als die Fachorganisation für alle Themen rund um die wissenschaftliche Weiterbildung (wWB) in Deutschland und hat im politischen Feld der wWB eine wichtige Stimme. Aus diesem Grund haben wir im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ die amtierende Vorstandsvorsitzende der DGWF, Frau Prof. Dr. Gabriele Vierzigmann, um ein Interview gebeten und nach den Positionen der DGWF zu aktuellen Themen gefragt.

Im Folgenden äußert sich die Vorstandsvorsitzende zu unterschiedlichen Themen, welche in den Diskursen innerhalb der DGWF derzeit vorherrschen, und vermittelt gleichzeitig ein Bild der angestrebten Ziele der Fachgesellschaft. So berichtet sie zu Anfang (1) wie und in welcher Form der Bund-Länder-Wettbewerb die DGWF verändert hat, (2) welche politischen Interventionen die DGWF in Zukunft anstrebt und wie politische Akteure auf Bundesebene, insbesondere das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), diese Bemühungen unterstützen können.

Das nahende Ende des Bund-Länder-Wettbewerbs beschäftigt auch die DGWF, insbesondere (3) die weitere Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Offene Hochschulen (NOH). Des Weiteren wird auf die Positionierung der DGWF zu Fragen der (4) Entwicklung von nationalen Standards für Formate wissenschaftlicher Weiterbildung und (5) Erstellung einer anbieterbezogenen Statistik sowie einem damit verbundenen Monitoring eingegangen.

Prof. Dr. Gabriele Vierzigmann

Prof. Dr. Gabriele Vierzigmann ist Diplom-Psychologin und seit 2004 Professorin an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule für angewandte Wissenschaften München (HM). Nach der Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität München und vor der Übernahme ihrer Professur war sie langjährig in Hochschulen, Unternehmen und Non-Profit-Organisationen tätig, unter anderem in den Bereichen Praxisforschung, Sozialmanagement, Organisationsberatung und Fachöffentlichkeitsarbeit.

Im Zeitraum von 2008 bis 2016 engagierte sich Gabriele Vierzigmann als Vizepräsidentin der Hochschule München in den Ressorts „Weiterbildung und lebensbegleitendes Lernen, Studierendenangelegenheiten, Gender und Diversität“. Parallel hierzu übernahm sie die wissenschaftliche Leitung für ein Projekt der 1. Wettbewerbsrunde im Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: Offene Hochschulen“ und baute das Weiterbildungszentrum ihrer Hochschule auf. Sie ist die Initiatorin des Kreises der Hochschulleitungen, die mit einem Projekt im Bund-Länder-Wettbewerb vertreten sind oder waren und sich hier aktiv über Weiterbildungsaktivitäten ihrer Hochschulen austauschen.  

Seit 2016 Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der DGWF, wurde sie in der Mitgliederversammlung 2018 zur Vorsitzenden gewählt. Als Gründungsmitglied der Landesgruppe Bayern der DGWF war sie von 2015 bis 2017 deren erste Sprecherin. Sie ist aktives Mitglied in zahlreichen weiteren nationalen und internationalen Gremien, Netzwerken und Fachverbänden.

1. Einfluss des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen” auf die DGWF

Wie und in welcher Form hat der Bund-Länder-Wettbewerb die DGWF verändert?

Der Wettbewerb hat natürlich große Auswirkungen auf die wWB und auf die Landschaft der wWB an deutschen Hochschulen[1]. Erstens durch den Ausbau und die Professionalisierung der Angebote und der Angebotsentwicklung. Sehr viele Hochschulen haben sich, gestützt durch den Wettbewerb, verstärkt mit wWB befasst. Zweitens durch die (Neu-)Beschäftigung von Projektmitarbeiterinnen und Projektmitarbeitern, welche Expertise eingebracht und ausgebaut haben, und über die DGWF bzw. unsere Jahres- und Sektionstagungen Anschluss an das Handlungsfeld wWB gesucht haben. Im Zuge dieser Entwicklung ist eine Suchbewegung aufeinander zu, verbunden mit einem intensiven Austausch, entstanden. Und damit einhergehend hat die DGWF Themen in ihren Diskussionen aufgegriffen, die vorher noch nicht im Mittelpunkt gestanden haben.

Um welche aktuellen Themen handelt es sich hier konkret?

Es gibt Themen, die als Klassiker bezeichnet werden können, an denen die DGWF seit langem arbeitet und die auch die Projekte des Wettbewerbs beschäftigen. Damit meine ich rechtliche und strukturelle Probleme, die wir in der wWB und bezüglich der Öffnung von Hochschulen haben, z. B. adäquate Finanzierungsmodelle für wWB, Möglichkeiten des Supports und der Bindung von Professorinnen und Professoren an die Lehre in der wWB und die Wahl der Organisationsform bzw. die damit verbundene Hochschulentwicklung.

Neuere Themen sind z. B. Fragen der Digitalisierung in der wWB, Fragen zur Ernsthaftigkeit der Bemühungen bzgl. der Öffnung von Hochschulen und der Inkludierung neuer Zielgruppen, zur Entwicklung von Hochschulen zu Hochschulen des lebensbegleitenden Lernens und als Topthema, die Verstetigung der Anliegen des Bund-Länder-Wettbewerbs und seiner Projekte. Die Förderung der Projekte endet ja im Jahr 2020. Damit rückt sehr rasch die Frage näher, wie es ab diesem Zeitpunkt weitergehen soll mit den großen Anliegen der Projekte des Wettbewerbs. Ein mit der Arbeit der Projekte im Wettbewerb besonders verbundenes Thema ist es, immer wieder über die Reichweite des Bildungsauftrags der Hochschulen zu sprechen und klarzustellen, wie stark gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion damit verbunden sind. Das sind alles Themen, mit denen sich die DGWF aktuell beschäftigt.

Gibt es eine gemeinsame Position der DGWF zum Umgang mit der Verzahnung oder der Entkopplung von grundständiger und weiterbildender Lehre, welche in Deutschland, wie wir wissen, traditionell einer Trennung unterliegt?

In erster Linie möchte ich betonen, dass die DGWF eine ausdifferenzierte Organisation mit vielen Meinungen und Interessen ist. Gleichwohl sind viele von uns der Ansicht, dass eine zeitgemäße Hochschulbildung von den berufs- und bildungsbiographischen Erfordernissen der Studieninteressierten und der Studierenden auszugehen hat. Und das bedeutet eben, lebensbegleitendes Lernen an den Hochschulen umzusetzen und Studieren in unterschiedlichen Lebensphasen und in unterschiedlichen, dazu passenden Formaten zu ermöglichen. Damit einhergehend ist selbstverständlich auch ein Wandel grundständiger Lehre zu erwarten. So setzt sich die DGWF seit längerem dafür ein, lebensbegleitendes Lernen in allen Segmenten der Hochschulbildung zu ermöglichen. Wir sind zum Beispiel im European university continuing education network (eucen) aktiv, der Europäischen Dachgesellschaft für wWB, die ebenfalls eine Strategie des lebensbegleitenden Lernens verfolgt.

Die Frage, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist: Wollen wir bei der Weiterentwicklung der wWB bei einem Wandel erster Ordnung stehen bleiben oder wollen wir einen Wandel zweiter Ordnung wagen? Ein Wandel erster Ordnung würde bedeuten, wir lösen die drängenden Fragen der wWB, die uns quasi schon seit dem Bestehen der DGWF begleiten, bleiben aber bei der klassischen Aufteilung und Strukturierung der Hochschulen. Die Umsetzung des lebensbegleitenden und biographieorientierten Lernens würde meiner Meinung nach aber einen Wandel zweiter Ordnung bedeuten, also einen Systemwechsel zu Hochschulen des lebensbegleitenden Lernens. In solchen Hochschulen würde es keine Trennung zwischen grundständigen und weiterbildenden Studienangeboten mehr geben.

2. Die DGWF als Akteurin und Aktivistin auf politischen Bühnen

Welche Aktivitäten gibt es seitens der DGWF, durch die die Gesellschaft ihre Interessen an die Politik heranträgt?

Mitglieder und Vorstand der DGWF sind auf drei unterschiedlichen Ebenen politisch aktiv. Da ist zum einen die Ebene der Landespolitik und hier ist die Arbeit unserer Landesgruppen unglaublich wichtig. Diese wollen wir weiter stärken, denn wir wissen, wie bedeutsam die Einmischung vor Ort ist, um zum Beispiel bei der Weiterentwicklung der Landesgesetze mitgestalten zu können.

Zweitens versuchen wir auf der Bundesebene verstärkt einzuwirken, indem wir als Experten und Expertinnen auf unseren Gebieten aktiv Politikberatung anbieten. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass dafür eine dringende Notwendigkeit besteht, da Wissen über wWB und die Öffnung der Hochschulen nicht unbedingt immer ausgeprägt und auf dem Stand der Diskussion vorhanden ist.

Und drittens sind wir aktiv auf der Ebene der Europäischen Union (EU), die das Konzept des lebenslangen Lernens bereits seit Jahren vorantreibt. Wir haben ein 5-Punktepapier erarbeitet und konnten über den Ausschuss für Kultur und Bildung (CULT) Positionen daraus in den EU-Initiativbericht „Academic further and distance education as part of the European lifelong learning strategy[2]“ einspeisen. Dieser EU-Initiativbericht wurde vom europäischen Parlament im September 2017 mit einer deutlichen Mehrheit verabschiedet. Er enthält weit über 70 Handlungsempfehlungen, mit denen das europäische Parlament die EU-Kommission auffordert, wWB und Fernstudium zu einem integralen Bestandteil einer europäischen Strategie lebenslangen Lernens zu machen.

Besteht auf Grund der Erfahrungen der Hochschulen mit den Programmen (z. B. hinsichtlich der Mobilität oder der Verbindung zwischen Europäischem Hochschul- und Europäischem Forschungsraum) ein Interesse, im Zuge der Verhandlungen über die Nachfolgeprogramme ab 2020 grundsätzliche Änderungen vorzunehmen?

Ja, unbedingt! WWB sollte in den EU-Förderprogrammen explizit verankert werden, am besten mit speziellen Förderlinien. Wir haben den Eindruck, dass die Förderpolitik auf EU-Ebene die wWB noch gar nicht richtig in den Blick genommen hat. Die Projekte über den EU Strukturfond und HORIZON 2020 sind nach unserem Kenntnisstand reine Forschungs-und Entwicklungsprojekte. Es gibt darin keinen Bezug zu Fernstudium und wissenschaftlicher Weiterbildung.

National gilt unsere Aufmerksamkeit natürlich der Frage, wie es mit dem Hochschulpakt 2020 weitergeht und ob in Richtung eines Hochschulpaktes für wWB gedacht wird. Dazu haben wir gerade an die bildungspolitischen  Sprecher und Sprecherinnen der Bundestagsparteien geschrieben und gefragt, inwieweit wWB und lebensbegleitendes Lernen in den Verhandlungen zwischen Bund und Ländern zur Fortsetzung des Hochschulpaktes berücksichtigt bzw. mit finanzieller Förderung bedacht werden und was für die Verstetigung der Angebote und Strukturen, die im Rahmen des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: Offene Hochschulen“ an über 100 Hochschulen erarbeitet worden sind, getan wird. Auch haben wir angeboten, für Expertenhearings und andere Formen der Politikberatung zur Verfügung zu stehen.

Könnte die Weiterbildung als ein profilbildendes Differenzierungsmerkmal in der deutschen Hochschullandschaft zukünftig von Hochschulen für diesen Zweck gezielt genutzt werden?

Ja, das würde ich hoffen. Die wWB könnte oder sollte ein solches Merkmal sein. Es kann vielleicht nicht flächendeckend verlangt werden, aber da ein ausdifferenziertes Hochschulsystem politisch durchaus gewollt ist, ist sehr gut vorstellbar, dass sich Hochschulen dieses Differenzierungsmerkmals bedienen, um sich von anderen Hochschulen zu unterscheiden. Wir stellen zum Beispiel zunehmend fest, dass gerade regional gut vernetzte Hochschulen sich auf dem Feld der wWB aktiv zeigen. Diese Aktivitäten kommen den Regionen zu Gute. Es wäre somit für viele Regionen wünschenswert, regional engagierte und miteinander kooperierende Hochschulen zu haben.

Das Engagement der Hochschulen muss aber sichtbar gemacht werden. Als wissenschaftliche Leiterin unseres Projektes[3] aus der 1. Wettbewerbsrunde im Bund-Länder-Wettbewerb haben wir uns gemeinsam mit dem damaligen Verbundprojektpartner, der Technischen Hochschule Ingolstadt, mit solchen Fragen beschäftigt: Wer unterstützt uns? Wie erreichen wir die relevanten Communities? Wie erreichen wir die Nachfragenden von wWB und vermitteln ihnen vorhandene Studienmöglichkeiten und Studienangebote? Wie viele andere Hochschulen haben wir gemerkt, dass Bildungsberatung und Bildungsmarketing als neue Aufgaben für Hochschulen nicht einfach zu bewerkstelligen sind.

Könnte das BMBF hier gezielt unterstützend tätig werden, um die Sichtbarkeit der aktiven Hochschulen in der Weiterbildung zu erhöhen?

Ja, absolut. In diesem Zusammenhang haben wir bereits auf der Tagung zum Abschluss der 1. Wettbewerbsrunde des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen” im Juni 2017 in Berlin formuliert[4], dass die DGWF mit ihren gewachsenen Strukturen, z. B. unsere Landesgruppen, die ja das ganze Bundesgebiet abdecken, ein geborener Partner dafür ist. Zusammen mit der DGWF Aktivitäten und Maßnahmen zu überlegen, wie eine noch verbesserte Sichtbarkeit und auch eine Steigerung des Renommees der wWB an Hochschulen erreicht werden könnte, wäre meiner Ansicht nach eine Investition in die richtige Richtung. Seitens der DGWF sind wir zu einer Zusammenarbeit gerne bereit.

Inwieweit kann das BMBF aus der Perspektive der DGWF noch bzw. weiterhin zur Entwicklung der wWB beitragen?

Das BMBF sollte seinen ‚Bundesblick‘ nutzen und bundesweite Möglichkeiten der Gestaltung prüfen. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass die Zusammenarbeit auf Länderebene in diesem Zusammenhang genauso wichtig ist. Aber in der aktuellen Entwicklungsphase gibt es einige Spannungsfelder, die ich gerne nennen und kommentieren möchte, und die nahezu zwingend nach einer länderübergreifenden Gestaltung rufen.

Wir haben eine enorme Ausweitung der Angebote, gerade die Arbeit der Projekte im Bund-Länder-Wettbewerb hat zu dieser Angebotsausweitung beigetragen. Eine solche Entwicklung ist sehr zu begrüßen und gerade deswegen müssen wir beachten, dass hier Marketingprobleme und, wie gerade genannt, Sichtbarkeitsprobleme vorliegen. Das BMBF könnte dazu beitragen, die Hochschulen bei der Lösung dieser Probleme zu unterstützen. Es wäre kaum zielführend, wenn jede Hochschule bzw. jedes Land für sich tätig wird. Damit zusammenhängend beobachten wir in der wWB eine starke Professionalisierung, z. B. im Hinblick auf die Programmentwicklung und die Programmplanung, die ebenfalls durch die Projekte im Wettbewerb getriggert wird.

Auf der anderen Seite hat wWB leider weiterhin an etlichen Hochschulen ein Imageproblem, einhergehend mit einem Identitätsproblem, weil das, was unter wWB verstanden wird, sich stark verändert hat. Hier könnte das BMBF durch eine nachhaltige Förderpolitik, die auch institutionelle Förderung inkludiert, vieles in Gang halten und für die Zukunft sichern. WWB sollte dabei auch wWB genannt werden und nicht anderen Themen wie z. B. der Digitalisierung unterstellt werden.

Ausweitung und Angebotsvielfalt sind mit rechtlichen und finanziellen Hindernissen konfrontiert, die die Umsetzung dieser Vorhaben beeinflussen. Auch um den damit einhergehenden Herausforderungen begegnen zu können, beginnen die Hochschulen sich in Verbünden zu vernetzen, welche sinnvollerweise oft auch bundeslandübergreifend ausgerichtet sind. Zugleich wächst aber auch die Konkurrenz zwischen den Hochschulen um potentielle Studierende. Ähnlich den Aktivitäten, wie sie im Rahmen des Bund-Länder-Wettbewerbs für die Projekte angeboten werden, könnte das BMBF Supportstrukturen finanzieren, die Hochschulen und Verbünde z. B. dabei unterstützen, nicht in Konkurrenzdenken zu verharren, sondern Anbietenden-Netzwerke zu bilden, Stärken zu bündeln, Aufgaben gemeinsam anzugehen und Ressourcen fördernd einzusetzen.

Zuletzt möchte ich einmal mehr auf die klassischen Themen rechtliche Herausforderungen und Finanzierung der wWB hinweisen. An dieser Stelle könnte das BMBF aktiv unterstützend wirken, z. B. indem es die rechtlichen Herausforderungen, zumindest in den Gremien, in denen das BMBF involviert ist, anspricht und bearbeitet. Weiterdenkend können rechtliche Klärungen und Vereinbarungen wiederum die hochschul- und länderübergreifende Zusammenarbeit voranbringen.

Eine systematische und strukturierte Sicherung der Finanzierung auf unterschiedlichen Ebenen stellt eine Notwendigkeit dar. Konkret heißt das, die Einbindung der Förderung von wWB in den Hochschulpakt bzw. in den Nachfolge-Hochschulpakt. Diese Themen um die genannten Spannungsfelder, die wir gerade besprochen haben, sollten auf die Agenda gesetzt werden, um verstetigte Finanzierung, respektive eine Regelfinanzierung von wWB zum Bespiel im geplanten kommenden Hochschulpakt zu erwirken.

3. Zukünftige Zusammenarbeit der DGWF mit dem Netzwerk Offene Hochschulen (NOH)

Die Zusammenarbeit mit dem NOH nach Ablauf der Förderung entscheidet sich mitunter auf bildungspolitischer Ebene, da die Rahmenbedingungen der Existenz und der Funktionalität des NOH momentan (noch) abhängig von der Förderung durch das BMBF sind. Können Sie zur zukünftig geplanten Zusammenarbeit zwischen dem DGWF und dem NOH etwas berichten?

Im Moment sind wir in Sondierungsgesprächen mit dem NOH. Dafür haben wir, also die DGWF und das NOH, eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, die sich aus Vertreterinnen und Vertretern beider Partner zusammensetzt. Konkret heißt das, leitende Personen des NOH und leitende Personen der DGWF sprechen intensiv miteinander und diskutieren darüber, wie eine Zusammenarbeit bzw. ein Zusammengehen nach der Projektförderung, also nach 2020, aussehen könnte. Bislang haben wir schon beschlossen, gemeinsame Aktivitäten zu erproben. Das NOH hat sich zum Beispiel an der Gestaltung unserer Tagungen beteiligt, wie bei der Jahrestagung 2017 in Magdeburg und der Jahrestagung 2018 in Köln praktiziert. In nächster Zeit planen wir die Durchführung eines gemeinsamen Webinar-Angebots und study visits in ‚Senior‘-Einrichtungen der DGWF. Unser gemeinsames übergeordnetes Anliegen ist es, eine nachhaltige Verstetigung von Anliegen und Angeboten über die Projektlaufzeit hinaus zu erreichen. Um diesen Prozess bestmöglich zu gestalten und gemeinsame Lösungen hierfür zu finden, sind wir parallel auch im Gespräch mit dem BMBF.

DGWF und NOH vereint – das bietet die Chance, Akteure und Kräfte in der wWB zu bündeln und damit die wWB zu stärken und noch klarer zu konturieren. Jedenfalls eint uns der Wille, die Erkenntnisse und Arbeitsergebnisse des Bund-Länder-Wettbewerbs für die Gestaltung der Zukunft der wWB in Deutschland nutzbar zu machen und dauerhaft zur Verfügung zu stellen.

Bei Betrachtung konkreter Optionen im Hinblick auf die organisationale oder strukturelle Integration des NOH in die DGWF-Strukturen: Wie könnte da eine Zusammenarbeit aus der Perspektive der DGWF aussehen?

Das hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, z. B. dem weiteren Verlauf der Sondierungsgespräche und DGWF-internen Entwicklungen. In den Gesprächen mit dem NOH gibt es viele Überlegungen, wie eine Lösung aussehen könnte. Diesen laufenden Aushandlungsprozessen will ich hier nicht vorgreifen.

Die DGWF verfügt mit ihren Landesgruppen, die das gesamte Bundesgebiet abdecken, und mit ihren thematischen Sektionen sowohl über länderbezogene als auch über übergreifende Strukturen, die etabliert sind und reibungslos funktionieren. Aus Sicht der DGWF würde eine gelingende Integration des NOH den Ausbau dieser bestehenden Strukturen notwendig machen. Man könnte sich u. a. die Frage stellen, ob es sinnvoll wäre, das NOH als eine weitere Arbeitsgruppe der DGWF zu addieren, oder ob Themen, mit denen sich das NOH beschäftigt, in bereits existierende thematische Gruppen der DGWF eingespeist werden könnten, oder ob noch ganz andere Konfigurationen als sinnvoll erkannt werden.

Es macht aus unserer Sicht keinen Sinn über konkrete Strukturen nachzudenken, wenn wir die Rahmenbedingungen noch nicht kennen. Deshalb ist es vordringlich, zu klären, wie groß das politische Interesse des Bundes an einer Fortführung des NOH im Zusammenwirken mit der DGWF ist und welche Unterstützungsleistungen im Falle einer Fortführung des Netzwerkes unter dem Dach bzw. im Zusammenwirken mit der DGWF denkbar wären. Für die DGWF würde es einen großen Unterschied machen, wäre das BMBF z. B. bereit, bei der Finanzierung und dem Ausbau der bestehenden Strukturen der Gesellschaft zu unterstützen. Welche Lösungen auch immer gefunden werden, das NOH und wir streben zeitgemäße und tragfähige Varianten an.

4. Nationale Standards in Formaten der wissenschaftlichen Weiterbildung

Ist es Ihrer Meinung nach sinnvoll, nationale Standards für Formate der wWB unterhalb des Bachelor- und Masterabschlusses, wie sie z. B. in der Schweiz im swissuni-Modell[5] unterteilt sind, einzurichten? Genauer gefragt, ist eine stärkere Standardisierung von Angebotsformaten in der wWB, z. B. mit dem Ziel, eine bessere Vergleichbarkeit herzustellen, gewünscht?

Aus Gründen der Transparenz gegenüber den Nachfragenden ist meiner Meinung nach die Entwicklung in diese Richtung positiv und notwendig. Unsere Landesgruppe Baden-Württemberg hat vor einiger Zeit ein sogenanntes Transparenzraster in Anlehnung an das swissuni-Modell erarbeitet, welches genau diese Thematik diskutiert. Der DGWF-Vorstand hat die Argumentation aufgegriffen und als Orientierungshilfe mit dem Titel „Zur Struktur und Transparenz von Angeboten der Wissenschaftlichen Weiterbildung an Hochschulen“ publiziert.

Wir dürfen in diesem Zusammenhang aber nicht aus den Augen verlieren, welche Konsequenzen eine Standardisierung mit sich bringen könnte, z. B. im Hinblick auf die Verzahnung mit grundständigen Studienangeboten. Eine weitere ‚Versäulung‘ mit der Überschrift ‚wissenschaftliche Weiterbildung‘ könnte missverstanden werden und die Umsetzung des Konzeptes des lebenslangen Lernens, welches wir als DGWF unterstützen und fördern möchten, nachhaltig hemmen.

Könnte eine Systemakkreditierung ein Instrument sein, um einer solchen Trennung zwischen grundständigen und weiterbildenden Angeboten zu begegnen?

Sie wäre ja nur dann ein Instrument, wenn es vereinbarte Merkmale, Standards und Erfahrungswerte gäbe, wie eine Hochschule ohne diese Trennung aussehen würde bzw. sollte. Mal angenommen, wir hätten Hochschulen, die mit dem Profil des lebensbegleitenden Lernens systemakkreditiert wären. Dann hätten wir eine Blaupause, was genau von solchen Hochschulen erwartet werden würde und wir könnten beobachten, wie die Umsetzung funktioniert. Das wäre ein interessanter Gesichtspunkt.

Zuerst müsste es ja eine politische wie strategische Steuerung in Richtung einer Aufhebung der Trennung geben, die sich dann im Qualitätsmanagementsystem der Hochschulen niederschlagen könnte. Und das Ganze müsste sich dann in einer entsprechenden Musterrechtsverordnung widerspiegeln.

Ob Programm- oder Systemakkreditierung, im Moment sind wir eher noch an dem Punkt, überhaupt passende Akkreditierungsrichtlinien anzumahnen, die die Spezifika der weiterbildenden Studienangebote berücksichtigen. Im Kontext der Neugestaltung des Akkreditierungsverfahrens hatte sich die DGWF deshalb mit entsprechenden Forderungen an die Kultusministerkonferenz (KMK) bzw. das zuständige Gremium gewandt.

Wenn die Systemakkreditierung sich aber nicht auf die gesamte Hochschule bezieht, sondern das Weiterbildungszentrum oder eine zentrale Weiterbildungseinrichtung einer Hochschule separat von der Hochschule eine Systemakkreditierung erhält. Welche Position vertritt die DGWF in einer solchen Entwicklung?

Solche Beispiele liegen bereits vor. In Bayern hat das z. B. die Technische Hochschule Ingolstadt (THI) vorgemacht und die Teilsystemakkreditierung des Instituts für Akademische Weiterbildung (IAW) erfolgreich durchlaufen. Es handelt sich hierbei um eine sehr gut aufgestellte Einrichtung. Der Bericht ist öffentlich einsehbar und es ist gut erkennbar, welche Prozesse dabei durchdacht werden mussten.

Gleichwohl haben wir mit der Teilsystemakkreditierung weiterhin eine ‚Versäulung‘ zwischen grundständiger und weiterbildender Lehre, auch wenn erstere von letzterer profitieren kann. Für manche Hochschulen mag das ein guter Weg sein, dem Ziel der Hochschule des lebensbegleitenden Lernens wie vorhin skizziert, dürften wir so eher nicht näher kommen.

5. Anbieterbezogene Statistik und ein Monitoring wissenschaftlicher Weiterbildung

Es gibt in letzter Zeit die Diskussion, an der sich die DGWF beteiligt, bezogen auf die fehlende Statistik, die Aufschluss über die Grundgesamtheit, Verteilung und Aktivitäten von wWB geben kann. Aber es gibt konkrete Vorstöße, eine solche anbieterbezogene Statistik und ein Monitoring wissenschaftlicher Weiterbildung in die bundesweite Bildungsberichtserstattung zu integrieren. Wie steht das DGWF dazu und welche Rolle übernimmt sie bei diesem Vorstoß?

Die DGWF hält das für eine enorm wichtige Initiative. Es geht um nichts Geringeres als die Entwicklung, Implementierung und Verstetigung einer bundesweiten Angebots- und Teilnahmestatistik wissenschaftlicher Weiterbildung an Hochschulen. Eine verlässliche Datenbasis über den spezifischen Bildungssektor der wWB durch eine solche Statistik zu generieren, wäre richtungsweisend. Die Ergebnisse der bereits durchgeführten Vorstudie zum Monitoring wissenschaftlicher Weiterbildung belegen ebenfalls die Notwendigkeit der Bearbeitung dieses Themas[6].

Federführend ist das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE), das einen entsprechenden Projektantrag verfasst hat, und frühzeitig auf die DGWF zugekommen ist, mit der Idee, die DGWF für das Projekt zu gewinnen. Die zuständige DIE-Kollegin war bei einer Vorstandsitzung anwesend und wir haben das Vorhaben gemeinsam diskutiert. Im Ergebnis hat der Vorstand beschlossen, dass sich die DGWF als Partner an diesem Projektantrag beteiligt und sich für eine Finanzierung des Antrags einsetzt.

Wir hoffen stark, dass dieses Projekt gefördert wird und wie vorgeschlagen durchgeführt werden kann!


Vielen Dank für das Interview!

Olga Wagner und Uwe Wilkesmann

Literatur

Dollhausen, Karin, Wolter, Andrä, Huntemann, Hella & Otto, Alexander (2018). Auf dem Weg zu einer anbieterbezogenen Statistik für die wissenschaftliche Weiterbildung an Hochschulen. Ergebnisse einer empirischen Vorstudie für ein Monitoring wissenschaftlicher Weiterbildung. ZHWBZeitschrift Hochschule und Weiterbildung 2018 (1), S. 46-54.

Europäische Kommission (2001). Mitteilung der Kommission. Einen europäischen Raum des lebenslangen Lernens schaffen. Brüssel.

Wolter, Andrä & Schäfer, Erich (2018). Geschichte der wissenschaftlichen Weiterbildung – Von der Universitätsausdehnung zur offenen Hochschule. In Wolfgang Jütte & Matthias Rohs (Hrsg.), Handbuch Wissenschaftliche Weiterbildung, S. 1-27. Wiesbaden: Springer. Abgerufen von: https://doi.org/10.1007/978-3-658-17674-7_1-1



[1] Anmerkung der Interviewenden: Wolter & Schäfer (2018) weisen in einer vor kurzem erschienenen Publikation zur Geschichte der wissenschaftlichen Weiterbildung darauf hin, dass der Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ positive Effekte auf die Entwicklung der DGWF in den letzten Jahren hatte. Zu erkennen sei dies an den zahlreich besuchten Jahres- und Fachtagungen der DGWF sowie an dem gestiegenen Umfang an Publikationen, die durch die DGWF herausgegeben wurden.

[3] Verbundprojekt Offene Hochschule Oberbayern (OHO) und das Folgeprojekt Offene Hochschule Oberbayern 2 (OHO 2), gemeinsam mit der Technischen Hochschule Ingolstadt (https://www.hm.edu/oho/)

[4] VDI/VDE Innovation + Technik GmbH (2017). Prof. Dr. Gabriele Vierzigmann, Stellvertretende Vorsitzende des Vorstands der DGWF. Veröffentlicht am 24.07.2017. Abgerufen von https://www.youtube.com/watch?v=EPacg2dGuMs

[5] Anmerkung der Interviewenden: Die Formate unterteilen sich in Studiengänge Master of Advanced Studies (MAS), Diploma of Advanced Studies (DAS) und Certificate of Advanced Studies (CAS) und sind als ein Teil des Schweizer Hochschulsystems anerkannt (vgl. auch swissuniversities).

[6] Anmerkung der Interviewenden: Die genannte Vorstudie ist veröffentlicht von Dollhausen et al. (2018)


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04.12.2018 | Auswertung der Veröffentlichungen und Projektergebnisse der 2. Wettbewerbsrunde erste Förderphase