Problemlagen der Öffnung von Hochschulen

Erkenntnisse am Beispiel des ‚Realexperiments‘ Kiron Open Higher Education

Ein Beitrag von Christian J. Schmid und Olga Wagner

In diesem Newsletter-Beitrag wird die unwahrscheinliche Gründungsgeschichte von Kiron Higher Education nacherzählt: das erstaunliche Projekt von drei Studenten, die in kürzester Zeit eine ‚Flüchtlingsuniversität‘ realisiert haben[1]. Dazu mussten sie mit unterschiedlichsten Problemlagen lösungsorientiert umgehen, welche genauso auch Hochschulen in staatlicher Trägerschaft betreffen und für den BMBF-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ von besonderer Relevanz sind. Kiron ist insofern ein besonders interessanter Fall, als dass hier gezeigt wird, was alles in der ansonsten eher ideen- und änderungsresistenten Hochschullandschaft Deutschlands möglich ist, wenn nur die richtigen Akteure unerschrocken, schöpferisch, entscheidungsfreudig, überzeugungs- und tatkräftig ans Werk gehen. Wir wollen daher die Leser_innen gleich hier dazu auffordern, nachfolgend mitzudenken, ob und warum (genau) die bisherigen Errungenschaften von Kiron in Reaktion auf eine gesellschaftliche Krise auch nur unter den spezifischen (Organisations-)Bedingungen eines so jungen Non-Profit Start-ups – und (gerade) nicht denjenigen von staatlichen Hochschulen – verwirklicht werden konnten.

Die ungewöhnliche Organisationswerdung eines ‚Hochschul‘-Start-ups

„Kiron University“ wurde im Oktober 2014 in Berlin von einem Triumvirat der Studenten Markus Kreßler, Vincent Zimmer und Christoph Staudt initiiert. Deren mittlerweile preisgekröntes Gründungsvorhaben war eine ‚Online-Universität‘ für Flüchtlinge, denen möglichst schnell ein unbürokratischer Zugang zum deutschen Hochschulsystem ermöglicht werden sollte. Kreßler hat während seiner Tätigkeit als psychologischer Berater von Flüchtlingen die Notwendigkeit und Möglichkeit erkannt, diesen Menschen einen ‚Identitätswandel‘ zu stiften: von Geflüchteten zu Studierenden. Sein Mitstreiter Zimmer bringt seine konzeptuellen Kenntnisse aus dem erst kürzlich erworbenen Master in „Volkswirtschaftslehre und Public Policy“ ein. Als Dritter im Bunde übernimmt Staudt den Auf- und Ausbau der notwendigen IT-Infrastruktur. Zur Realisierung ihres Start-up-Vorhabens wurden dann verschiedene Finanzquellen (siehe hierzu Abschnitt Finanzierung) erfolgreich beworben und Kooperationsbeziehungen (z.B. mit Anbietern von Online-Lehr-/Lernplattformen) vereinbart. Bereits im Oktober 2015 konnte – nach noch nicht einmal einem Jahr zwischen Gründungsidee und Umsetzung – der Studienbetrieb mit insgesamt 1.250 Einschreibungen (von insgesamt 15.000 Anmeldungen) aufgenommen werden. Als Non-Governmental-Organization (NGO) geführt, bezeichnet sich diese vermeintliche ‚Hochschule‘ mittlerweile als „Kiron Higher Education“ (oder kurz: Kiron). Diese Umetikettierung war insofern angebracht und auch notwendig, weil Kiron keine staatlich anerkannte Hochschule ist und deshalb diesen Titel nicht führen und keine akademischen Grade verleihen kann.

Kaum gegründet und den Betrieb aufgenommen, arbeitet Kiron auch schon unternehmenstüchtig daran, sein Modell zu skalieren. So gibt es bereits Bemühungen, zusätzliche Zweigbüros nicht nur in Deutschland selbst, sondern auch in anderen Ländern aufzubauen, da es bereits Kiron-Studierende gibt, die im Ausland ansässig sind.

Das war in aller Kürze die Nacherzählung einer hoch ungewöhnlichen Organisationswerdung in der deutschen Hochschullandschaft, welche entsprechend viel öffentlichkeitswirksames Interesse provozierte. Die Rede ist u.a. von „Hochschule völlig neu gedacht“ (Hochschulforum), „ein bildungspolitisches Experiment“/„die Pionier-Uni“ (DIE ZEIT), „innovative Fernuniversität“/„viel gelobt und viel zitiert“ (FAZ), „Kiron University: Entdeckung des Jahres 2015“ (Hertie School). Diese Auswahl von Schlagzeilen ist zunächst der Ausdruck des generellen Erstaunens über ein Gründungsphänomen: die bemerkenswerte Geschichte von drei Studenten, die sich furchtlos(-naiv) auf den Weg machten, eine eigene Universität zu gründen. Bei näherer Betrachtung des Pressespiegels zu Kiron werden dann aber weitergehende Fragen virulent: Inwiefern kann dieses ‚Realexperiment‘ als unternehmerisches Vorbild bzw. konkreter Lösungsanbieter für Themenfelder gedeutet werden, die an Hochschulen in staatlicher Trägerschaft bisher oft nur sporadisch behandelt wurden?

Um Antworten dazu vorzubereiten, werden in diesem Beitrag drei übergeordnete Problemlagen im Feld der Wissenschaft identifiziert, um jeweils am Beispiel der ‚Flüchtlings-Uni‘ Kiron zu illustrieren, wie diese lösungsorientiert bewältigt werden könnten: Hochschul(unter)finanzierung, Definition von Studienzugangsvoraussetzungen, Studiengang- bzw. Lehr-Lern-Organisation.

Problemlage Hochschul(unter)finanzierung

Es gibt durchaus ‚gute Gründe‘, warum Hochschulen in staatlicher Trägerschaft sich der zusätzlichen Studierendenpopulation von Flüchtlingen gegenüber eher zurückhaltend zeigen, anstatt sich ihrer in vollem Umfang anzunehmen. Vermutlich ist der schwerwiegendste dieser Gründe eine dazu notwendige Erhöhung ihrer laufenden Ausgaben (Grundmittel) angesichts der Tatsache, dass sie ohnehin schon finanzielle Probleme haben, ihre bisherige Studentenschaft angemessen zu betreuen (siehe z.B. suboptimale Betreuungsrelationen). Mittlerweile haben einige Bundesländer auf dieses Haushaltsdefizit reagiert. Berlin stellt 2016 insgesamt 900.000 Euro zusätzlich zur Verfügung (Link), NRW möchte ab dem Wintersemester 2016/17 jährlich bis zu 30 Millionen Euro zur Integration von Flüchtlingen in die Hochschulen investieren (Link). Aus der Bundeskasse werden Stipendien bezahlt, die über den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) vergeben werden.

Im Unterschied zu den staatlichen Hochschulen musste Kiron sich überhaupt erst einmal finanzieren. Dazu haben sich die Gründer ihr erstes Fremdkapital aus dem Familien- und Freundeskreis beschafft. Zimmer war zuvor schon im Start-up-Bereich tätig und hatte daher Eigenerlöse in Höhe von 80.000 Euro als Startkapital eingebracht. Aufgrund seiner (Vor-)Erfahrungen mit Schwarmfinanzierung wurde im August 2015 Kiron auch auf der Crowdfunding-Plattform startnext beworben und hat innerhalb von nur zwei Monaten die Rekordsumme von mehr als 530.000 Euro eingebracht. Gleichzeitig und/oder in Folge dieser Anschubfinanzierungen konnte man sich zunehmend verschiedenster Geldquellen oder kostenfreier Unterstützungsangebote (z.B. Gründungsberatung, Online-Plattformen, Networking-Dienste) bedienen. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit der Angaben (Geldgeber, Art und Höhe der Zuwendungen, Form der Akquise) soll an dieser Stelle eine kleine Aufzählung zur Diversifizierung der Gesamtfinanzierung von Kiron angeführt werden (für eine umfassendere Übersicht siehe Link):

  • Wirtschaftsunternehmen: z.B. Social Impact gGmbH, 180 Degrees Consulting, Babble, Google Germany GmbH (250.000 Euro[2]);
  • Stiftungen: z.B. Schöpflin (1,5 Mio.), Friedrich-Naumann, Herbert Quandt, Stifterverband;
  • (Gemeinnützige) Vereine: z.B. Asylplus e.V., Bildungsengel – Initiative für Chancengerechtigkeit durch Bildung e.V., Manolo Tours e.V.;
  • Non-Profit/NGO-Organisationen: Lai-momo Società Cooperativa, Wefugee;
  • Akademische Institutionen: RWTH Aachen, Leuphana Universität Lüneburg, HNE Eberswalde, Fraunhofer EMFT;
  • Privatspender: Private Einzelpersonen können z.B. über die Kiron-Webseite Spenden in selbst gewählter Höhe einmalig oder als Dauerauftrag überweisen.

Zuletzt hat auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eine Form gefunden, um Kiron ab Oktober 2016 bei ‚innovativen Erprobungsprozessen in der digitalen Hochschullehre für Geflüchtete‘ mit einer Drittmittel-Mitarbeiter_innen-Stelle zu unterstützen.

Problemlage Studienzugangsvoraussetzungen

Vor allem der Diskussion über den politischen Willen einer stärkeren ‚Öffnung der Hochschulen‘ für ‚nicht-traditionelle Studierende‘ geschuldet, wird gerade erneut die Frage nach den Studienzugangsvoraussetzungen problematisiert. Um in Deutschland ein reguläres Studium an Hochschulen staatlicher Trägerschaft aufnehmen zu können, müssen bestimmte rechtliche Grundvoraussetzungen erfüllt werden: die sogenannte Hochschulzugangsberechtigung (HZB). Diese ist in den jeweiligen Landeshochschulgesetzen definiert und betrifft im Wesentlichen die folgenden drei Aspekte:

  • Feststellung Aufenthaltsstatus: Ausländische Studienanwärter_innen brauchen mindestens eine Aufenthaltserlaubnis (Link). Aufgrund der anhaltenden ‚Flüchtlingswelle’ sind die ohnehin schon langwierigen Asyl-Verfahren umso zeitraubender (Link). Allein die Registrierung als Antragsteller_in kann für Flüchtlinge bis zu einem Jahr dauern (Link). In diesem Bearbeitungszeitraum dürfen sie kein reguläres Studium aufnehmen[3].
  • Feststellung Bildungsnachweis: Speziell für die Gruppierung von Studienanwärter_innen aus dem Ausland ist es teilweise sehr problematisch, ob und wie ihre ausländischen Bildungsnachweise in Deutschland als Hochschulzugangsberechtigung anerkannt werden können (Link).
  • Feststellung ausreichender Deutschkenntnisse: Ausländische Studienanwärter_innen müssen (in der Regel) zur Zulassung zu einem Studiengang auch die erfolgreich absolvierte Sprachprüfung auf C1-Niveau vorweisen, um sich an deutschsprachigen Hochschulen immatrikulieren zu können (Link).

Im Unterschied zu Hochschulen in staatlicher Trägerschaft hat Kiron größere Freiheitsgrade, den Aufenthaltsstatus niedrigschwelliger einzufordern. Laut Zimmer gehe es bei Kiron zunächst ohnehin weniger darum, dass möglichst alle Studierenden irgendwann ein Studium erfolgreich abschließen werden; viel wichtiger sei, dass sie von ihrem Identitätswandel profitieren können (Link). Zur Aufnahme eines Studiums reicht zunächst die Vorlage eines formlosen Schreibens des Leiters bzw. der Leiterin der Erstaufnahmeeinrichtung. Somit kann ohne größeren bürokratischen Aufwand der Nachweiserbringung relativ unverzögert ein Studium begonnen werden.

Was den Bildungsnachweis – und damit auch die Studienzugangsberechtigung – betrifft, kann Kiron ebenfalls seine eigenen Erfüllungsbedingungen definieren. Zur Anmeldung wird lediglich eine höchst unbestimmte Selbsteinschätzung zu den vorhandenen Sprachkenntnissen nahegelegt: „a sufficient level of English to follow the online classes“ (Link). Darüber hinaus wird für das von Kiron angebotene Online-Studium natürlich ein Internet-Zugang vorausgesetzt[4].

Studiengang- bzw. Lehr-Lern-Organisation

Ist die Studienzugangsvoraussetzung und deren Feststellung einmal geklärt, stellen sich ungleich kompliziertere Fragen danach, wie ein Studium in seinen Abläufen und Inhalten überhaupt bzw. bestenfalls organisiert sein soll, um bestimmte Bildungsideale möglichst effektiv und effizient zu erreichen. An staatlichen Hochschulen ist das Thema Studiengangorganisation seit bzw. in der Folge der Bologna-Reform(en) (siehe z.B. Hanft 2014: 13ff.) wieder ganz oben auf der Agenda der Hochschulreform-Diskussionen. In eher didaktischer Hinsicht ist das Thema Lehr-Lern-Organisation momentan stark durch Forderungen bestimmt, wonach es die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung stärker zu nutzen bzw. in den alltäglichen Lehrbetrieb zu integrieren gelte. Die Gründer von Kiron hatten im Unterschied zu staatlichen Hochschulen nicht das große Problem, verfestigte, sehr änderungs- und ideenresistente Studienstrukturen zu reformieren. Insofern konnten sie relativ bedingungslos ihre Hochschulidee gemäß dem ‚state of the art‘ konzeptualisieren. Andererseits mussten sie ihre Organisationsstrukturen eben überhaupt erst ausbilden.

Kiron bietet zum jetzigen Zeitpunkt insgesamt vier „study tracks“ an, welche eher als ‚Studienrichtungen‘ denn als klassische ‚Studiengänge‘ aufgefasst werden können: Business & Economics, Engineering, Computer Science, Social Sciences[5]. Diesen Bezeichnungen entsprechend, werden alle Studieninhalte bei Kiron nicht nur mit englischsprachigen Labels versehen, sondern komplett auf Englisch angeboten.

Nach erfolgreicher Anmeldung bei Kiron wird zuerst die Möglichkeit eingeräumt, eine Art ‚Studienvorbereitung‘ sowie ‚Studienorientierung‘ wahrzunehmen. Im ersten Studienjahr können die Studierenden die verschiedenen Studienangebote erst einmal kennen lernen, bevor sie sich im zweiten Studienjahr (d.h. zum dritten Semester) definitiver für eine Studienrichtung entscheiden sollten (nicht: müssen). Daneben gibt es verschiedene Unterstützungsangebote, die mehr oder weniger Bezug zum Studium oder den studienbegleitenden Lebensbedingungen haben. Darunter fallen: Sprachkurse (Deutsch, Englisch), psychologische Unterstützung, Mentoring- und Buddy-Programme, Karriereberatung.

Das eigentliche Studium in den Fachrichtungen erfolgt nach dem blended learning-Prinzip. Studiert wird primär im Modus eines Online-Fernstudiums, das durch eine von Kiron vordefinierte Auswahl bzw. Zusammenstellung von Massive Open Online Courses (MOOCs) angeleitet ist. Die Lehr-Lern-Prozesse sind in einem virtuellen Forum (online education platform) organisiert. In diesem sind auch Tutoring-Dienste verfügbar und Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit anderen Studierenden vorgesehen. Die Lerninhalte werden zwar in digitalen Formaten angeboten, allerdings können sich die Studierenden mittlerweile auch in einem sogenannten ‚Study Hub‘ vor Ort in gegenseitiger Anwesenheit persönlich austauschen. Bisher gibt es nur eine einzige dieser ‚Offline‘-Begegnungsstätten (‚Ort des Lernens‘), welche im Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) untergebracht ist. Diese wurde bisher als Angebot aber kaum wahrgenommen, so dass Kiron ‚empirisch‘ (entgegen seiner Selbstbeschreibung) in den Anfängen primär online funktioniert (Link).

Das staatlich nicht anerkannte Studium bei Kiron ist prinzipiell kaum reglementiert (z.B. Studium-Ablauf, Studiendauer, Studienleistungen). Diese ‚Studier- bzw. Lernfreiheit‘ bei Kiron hat u.a. den Nachteil, dass keine akademischen Grade erworben werden können. Um die erbrachten Studienleistungen bei Kiron aber dennoch geltend machen zu können, wurden sogenannte „Learning Agreements“ mit staatlich anerkannten (namhaften) Hochschulen (z.B. RWTH Aachen, Leuphana Universität Lüneburg, Fachhochschule Lübeck, Technische Hochschule Wildau, Universität Kassel) als Kooperationspartner ausgehandelt. Diese übernehmen die von den Studierenden bei Kiron erbrachten Leistungspunkte (Credit Points). Somit können Flüchtlinge die Zeit produktiv für sich nutzen und auch anrechnen lassen, die sie ansonsten unproduktiv verstreichen lassen müssen (z.B. wegen der Asylverfahren, der Anerkennung ausländischer Bildungsnachweise), bevor sie eventuell ein Studium an einer staatlichen Hochschule aufnehmen dürfen. Insofern nimmt Kiron seinen akademischen Partner-Institutionen auch Vorbereitungsarbeit (z.B. Sprachförderung) ab sowie nolens volens auch eine Art der ersten Vor(selbst)selektion der Studierenden.

An dieser Stelle sollte aber noch einmal darauf hingewiesen werden, dass Kiron als eine Non-Profit- und Non-Governmental-Organisation sein kostenfreies Studien-Angebot überhaupt nur ermöglichen kann, weil es zum einen von der massiven Unterstützung ehrenamtlicher Mitarbeiter_innen[6] sowie zunehmend von Zuwendungen externer ‚Sponsoren‘ profitieren kann. Zum anderen funktioniert das Modell Kiron, weil es relativ radikal sein gesamtes Online-Studienangebot auf die bereits geleistete inhaltliche (z.B. MOOCs für konkrete Studieninhalte[7]) und methodologische/konzeptionelle Vorarbeit anderer basiert (z.B. blended learning).

‚Realexperiment‘ Kiron: Best practice-Vorbild, Venture Philantrophy und/oder Marketing-Stunt?!

Im Verlauf unseres Versuchs der Rekonstruktion des Bildungsprojekts Kiron Higher Education haben wir verschiedenste Eindrücke dazu bekommen, was Kiron alles ist bzw. sein kann oder sein möchte. Wir wollen die Leser_innen dieses Beitrags damit entlassen, selbst Einschätzungen dazu vorzunehmen. Trotz aller nur äußerst bedingten Vergleichbarkeit der Organisationsgeschichte und Organisiertheit wurden auch wir mehrfach dazu provoziert[8], darüber nachzudenken, inwiefern Kiron dennoch als best practice-Inspiration (weniger: konkretes Vorbild) auch für staatliche Hochschulen gelten sollte. Nachfolgend sind ein paar Aspekte angeführt, über die wir engagiert diskutiert haben.

Warum versperren sich staatliche Hochschulen (v.a. deren Professor_innen) so vehement gegenüber ihrer Öffnung für ‚nicht-traditionelle‘ Studierendengruppen? Können und sollen staatliche Hochschulen ebenfalls ‚unternehmerischer‘ handeln, um sich neue/zusätzliche Quellen der Finanzierung zu erschließen (Stichworte: Stiftungshochschulen, Crowdfunding)? Zeigt uns Kiron, was alles möglich ist, wenn nur der Wille dazu da ist, bereits bestehende Konzepte und Ideen (Stichwort: Online-Lehre) nicht nur sporadisch wahrzunehmen, sondern substanziell und flächendeckender auszunutzen? Kann es sein, dass wirklich nur Kiron – im Unterschied zu etablierten Hochschulen – aufgrund seiner andersartigen Organisiertheit so unbürokratisch und unverzögert auf aktuelle gesellschaftliche Krisenlagen reagieren kann (Stichwort: Flüchtlingskrise)?

Das Unternehmens-Start-up Kiron verweist an verschiedenen Stellen auf die Selbstbeschreibung einer „Venture Philantrophy“ und entledigt sich dadurch tendenziell Verdächtigungen, letztendlich doch (auch) ein prestigeträchtiges ‚Geschäftsmodell‘ der Gründer zu sein. Dies wiederum hat uns dazu veranlasst, darüber zu spekulieren und zu diskutieren, ob der hier demonstrierte Unternehmer- bzw. Schaffensgeist an und für sich geschätzt werden muss; und zwar unabhängig von den eigentlich dahinter liegenden Motiven. Die Zukunft wird dann zeigen, ob und in welcher Form Kiron von wem ‚kapitalisiert‘ wird.

Richtigerweise müsste man wahrscheinlich behaupten, dass Kiron nicht per se innovativ ist, weil es auf Ideen und Möglichkeiten gründet, die allesamt vorher schon da waren: z.B. Start-up-Pitch, Crowdfunding, blended learning, Online-Fernstudium, Marketing-Strategien. Bemerkenswert und zutreffender wäre, dass Kiron innovativ dabei ist, bereits Bestehendes geschickt zu (re-)kombinieren und als Bildungs-Produkt erfolgreich zu vermarkten. Anscheinend hat es erst Kiron gebraucht, um Attraktivitäten für eherne Ideen und Konzepte des Lehrens und Lernens an Hochschulen herzustellen, die es bisher nicht aus den akademischen Fachkreisen herausgeschafft haben.

Die Zukunft wird uns zeigen, ob Kiron auch nachhaltig ein institutioneller Erfolg sein kann und wie alternativ es sich gegenüber etablierten Bildungsstrukturen ausbilden (können) wird. Die Zukunft wird ebenso zeigen, wie sich seine Gründer zu ihrem eigenen Projekt bzw. ihrer ursprünglichen Projektvision verhalten werden. Diese Entwicklungen werden wir auch weiterhin interessiert verfolgen. In Abwandlung von Bestimmungen der traditionellen Hochschulen als ‚talk-Organisation‘[9] (in der mehr geredet wird als zu handeln) gefällt uns mindestens eine Devise der Kiron-Initiatoren: Einfach machen!



[1] Redaktioneller Hinweis: Unsere Rekonstruktion von Kiron basiert auf einer extensiven Zusammenschau von veröffentlichten Interviews, Selbstbeschreibungen auf der Kiron-Webseite sowie sonstigen Medienberichten. Teilweise findet man nur vage Umschreibungen sowie auch leicht variierende Wiedergaben zu identischen Sachverhalten, so dass unser Beitrag nicht die Gewähr für die Richtigkeit aller Angaben geben kann.

[2] Preisgeld für Finalisten des „Google Impact Challenge Deutschland“-Wettbewerbs.

[3] Hinweis: Mit dem irgendwann festgesetzten Status der Aufenthaltserlaubnis sind dann in der Folge auch unterschiedliche Rechte und Pflichten verbunden. Diese betreffen im Wesentlichen die Ansprüche auf Sozialleistungen, die Regelung des Arbeitsmarktzugangs sowie die zeitliche Befristung des Aufenthalts in Deutschland. Diese Regelungen betreffen somit ganz konkret die Studienbedingungen: z.B. Anspruch auf BaföG (Sozialleistungen), die Möglichkeit einer studentischen Nebentätigkeit nachzugehen (Arbeitsmarktzugang) sowie die zur Verfügung stehende Zeit bzw. Gesamtstudiendauer (zeitliche Aufenthaltsbefristung).

[4] Den uns zur Verfügung stehenden Sekundärquellen konnten wir aber nicht entnehmen, nach welchem Verfahren Kiron entscheidet, welche Studierende aus dem riesigen Pool aller Anmeldungen (ca. 15.000 für das erste Studienjahr) letztendlich für ein Studium zugelassen werden.

[5] Die Entscheidung für genau diese Studienrichtungen und deren konkrete Ausgestaltung dürfte u.a. sehr wohl dem Tatbestand geschuldet sein, dass diese auch (zunächst) relativ kostengünstig – d.h. ohne aufwendige Infrastruktur (z.B. Labore, Werkstätten) – realisiert werden können.

[6] Zum Zeitpunkt Juli 2016 hat Kiron 30 festangestellte Mitarbeiter_innen und zusätzlich 300 ehrenamtliche Mitarbeiter_innen (Link).

[7] Es wurden von Kiron eben ‚nur’ bereits vorhandene Online-Module zusammengestellt. Dies zeigt zum einen, was mit bereits zur Verfügung stehendem Content alles möglich ist. Zum anderen fragt man sich, warum es erst die Kiron-Gründer brauchte, um genau dies auszunutzen.

[8] Die Betonung liegt hier bewusst auf Provokation, denn zum derzeitigen Umsetzungs- und Institutionalisierungsstand ist und sollte Kiron natürlich nicht mit der Idee, dem Auftrag, den Leistungen und Organisationsweisen staatlicher Hochschulen direkt verglichen werden.

[9] Auch Hochschulen sind demnach z.B. recht gut darin geworden, ihre ‚Schauseite‘ aufzuhübschen (Link), um effektiv und effizient Erwartungen von außen abzupuffern, anstatt diese ernsthaft zu bearbeiten. Der Vorwurf lautet, dass in Universitäten viel geredet wird (talk), anstatt mehr zu handeln (action) bzw. viel geredet wird, um gerade nicht handeln zu müssen (siehe Symanski 2012: 63).


Col 3

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