Nachhaltigkeit im Kontext des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“

Ein Beitrag von Sigrun Nickel und Karsten Speck, wissenschaftliche Begleitung, 24.10.2018


Liebe Leserinnen und Leser,

vor Ihnen liegt die zweite Ausgabe des öffentlichen Newsletters der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“. Schwerpunktthema ist dieses Mal die Nachhaltigkeit im Kontext wissenschaftlicher Weiterbildung und lebenslangen Lernens an Hochschulen. Sie werden in diesem Zusammenhang über aktuelle Entwicklungen aus den Förderprojekten des Wettbewerbs sowie über Forschungsaktivitäten der wissenschaftlichen Begleitung und auch darüber hinaus informiert. Bevor wir die Beiträge im Einzelnen näher vorstellen, wollen wir zunächst der Frage nachgehen: Was ist unter Nachhaltigkeit im Kontext wissenschaftlicher Weiterbildung und lebenslangen Lernens an Hochschulen eigentlich zu verstehen?

Je nach Fachdisziplin und Kontext werden unter dem Begriff der Nachhaltigkeit sehr unterschiedliche Aspekte verstanden. Ganz allgemein können damit eine dauerhafte oder zumindest längerfristige Wirkung, ein schonender Umgang mit natürlichen Ressourcen oder, wie beispielsweise in der Nachhaltigkeitsstrategie für Deutschland, eine gleichberechtigte Berücksichtigung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten bei gesellschaftlichen Entscheidungen, Modernisierungen und Entwicklungen gemeint sein. Inzwischen ist der Begriff der Nachhaltigkeit aus (förder-)politischen, fachlichen und medialen Debatten nicht mehr wegzudenken.

Auch im Kontext wissenschaftlicher Weiterbildung und lebenslangen Lernens an Hochschulen gewinnt das Thema Nachhaltigkeit an Bedeutung. Erstens sollen wissenschaftliche Weiterbildung und lebenslanges Lernen – in einem erweiterten Verständnis von Nachhaltigkeit – selbst eine längerfristige Wirkung erzielen. Zweitens werden Hochschulen aufgefordert, das Thema nachhaltige Entwicklung auf ihre Agenda zu setzen, zu einer gesellschaftlichen Sensibilisierung beizutragen und entsprechende Möglichkeiten zur Weiterbildung und zum lebenslangen Lernen vorzuhalten (Bruns, 2015; Stoltenberg & Burandt, 2014; WBGU, 2011). Letztlich sollen wissenschaftliche Weiterbildung und lebenslanges Lernens an Hochschulen mit dazu beitragen, dass a) gesellschaftlich relevante Themen aus der Praxis aufgegriffen werden und b) bei Studierenden und Teilnehmenden das Bewusstsein und die Kompetenzen für nachhaltige Entwicklung steigen. Drittens werden von der Politik inzwischen klare Nachhaltigkeitserwartungen formuliert, bei denen Hochschulen relevante Akteure sind. Beispielgebend hierfür stehen die Unterziele der Globalen Agenda 2030, die vorsieht, bis 2030 allen Frauen und Männern einen gleichberechtigten und bezahlbaren Zugang zu hochwertiger beruflicher und akademischer Bildung zu ermöglichen (Unterziel 4.3).

In diesem Sinne kommt dem Thema Nachhaltigkeit auch im Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ eine hohe Bedeutung zu. Da die Förderprojekte zeitlich befristet sind, ist es keine leichte Aufgabe, für eine längerfristige Wirkung nach Ende der Projektförderung zu sorgen (Hanft et. al., 2016; Wissenschaftsrat, 2015). Als ein wesentliches Ziel wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in beiden Wettbewerbsrunden dennoch „die Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Wissenschaftssystems durch nachhaltige Profilbildung im lebenslangen wissenschaftlichen Lernen und beim berufsbegleitenden Studium“ hervorgehoben (BMBF, 2011; BMBF, 2013). Die antragstellenden Hochschulen sollten nachhaltig angelegte Gesamtkonzepte vorlegen, die Konzepte nachhaltig implementieren und eine Nachhaltigkeit der Konzepte (z. B. durch den Aufbau dauerhaft tragender Strukturen) absichern. Von allen Hochschulen wurden bereits bei der Antragstellung umfassendere Nachhaltigkeitskonzepte sowie Stellungnahmen der Landesbehörden zur Förderung der Nachhaltigkeit nach Beendigung der Förderung abverlangt.

Doch wie sieht im Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ die Nachhaltigkeit tatsächlich aus? Aus der wissenschaftlichen Begleitung liegen erste Erkenntnisse zur Nachhaltigkeit vor: So wird sich ein für Anfang 2019 geplanter thematischer Bericht des Teams der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg schwerpunktmäßig mit dem Thema Nachhaltigkeit von Verbundprojekten beschäftigen (Maschwitz, Speck, Brinkmann, Johannsen & von Fleischbein, im Erscheinen). Die quantitativen Befunde der Fragebogenerhebungen zeigen, dass die Projektbeteiligten die Nachhaltigkeit im Wettbewerb recht positiv bewerten. Am besten fallen die Urteile zur Zielerreichung aus. Es folgen positive Einschätzungen zur Nachhaltigkeit der Angebote und Strukturen sowie zur strukturellen Verankerung der Projekte. Etwas schlechter werden hingegen die Nachhaltigkeit der Wirkungen und die Hochschulunterstützung der Projekte eingeschätzt. Die qualitativen Fallstudien machen darüber hinaus auf a) ein unterschiedliches und meist sehr diffuses Nachhaltigkeitsverständnis bei den befragten Projektbeteiligten, b) eine Fokussierung der Projektanstrengungen auf die Zielerreichung innerhalb der Projektlaufzeit, c) eine relativ späte Fokussierung auf das Thema Nachhaltigkeit zu Projektende, d) wenig ausdifferenzierte Strategien zur Förderung der Nachhaltigkeit sowie e) erhebliche Herausforderungen bei der Gewährleistung der Nachhaltigkeit des Verbunds nach Ende der Projektlaufzeit aufmerksam (ebd.).

Darüber hinaus zeigt die bereits publizierte Projektfortschrittsanalyse des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), dass die Beteiligten in den Projekten des Bund-Länder-Wettbewerbs die nachhaltige Verankerung der Projekte als eines der größten institutionellen Problemfelder einschätzen (Nickel, Schulz & Thiele, 2018). Aus Sicht von Leitungskräften und Beschäftigten ist für einen dauerhaften Betrieb der entwickelten Studienangebote eine Unterstützung durch die Hochschulleitung, die Gewinnung einer ausreichend großen Zahl von Teilnehmenden, die Bereitstellung von ausreichenden finanziellen und räumlichen Ressourcen sowie vor allem einer quantitativ hinreichenden Ausstattung mit unbefristet beschäftigtem Support- und des Lehrpersonal nötig (ebd.).

Mit dem zuletzt genannten Thema beschäftigt sich auch der erste Artikel in der Rubrik „Aus dem Wettbewerb“ des vorliegenden Newsletters. Wie eine empirische Untersuchung der wissenschaftlichen Begleitung zeigt, wird von den Projektbeteiligten die Gewinnung von gut qualifiziertem Personal als zentraler Faktor für die Nachhaltigkeit der Förderprojekte der 1. und 2. Wettbewerbsrunde gesehen. Basierend auf Daten aus einer Befragung aller im Rahmen des Bund-Länder-Wettbewerbs geförderten 73 Projekte analysieren Sigrun Nickel und Anna-Lena Thiele die dort bestehenden personellen Situationen und zeigen Veränderungsbedarfe auf. Daran anschließend gibt eine Reihe von Autorinnen und Autoren aus den Förderprojekten vertiefte Einblicke in konkrete Maßnahmen, die vor Ort unternommen werden, um die dauerhafte Verankerung und den erfolgreichen Betrieb von den bislang entwickelten Studienangeboten zu gewährleisten. Zunächst zeigen Ilka Backmeister-Collacott, Dorthe Hutz-Nierhoff, Sonja Thiel und Nicole Wöhrle vom Projekt FRAMAS Ansätze zur nachhaltigen Implementierung von Förderprojekten an der Universität Freiburg auf. Darin geht es u. a. um die Erprobung der Tragfähigkeit von Angeboten und die Arbeit mit Modulbaukästen zur Erhöhung der Lernendenzentrierung. Mit formalen und hochschulrechtlichen Aspekten auf dem Weg zur Entwicklung und nachhaltigen Durchführung beschäftigt sich der Beitrag von Petra Boxler vom Projekt konstruktiv an der Universität Bremen. Im Zuge des Projektes werden nicht nur neue Weiterbildungsangebote entwickelt, sondern auch unter dem Namen LIFE als neue Marke etabliert. Die in diesem Zusammenhang gesammelten Ergebnisse stehen der Öffentlichkeit nun als Arbeitshilfe zur Verfügung. Digitale Lehr- und Lernformen spielen in der wissenschaftlichen Weiterbildung eine große Rolle, da sie wesentliche Vorteile für eine flexible Studiengestaltung bieten. Deshalb beleuchten Elena Büechl, Katharina Koller und Anja Wurdack vom Projekt OTH mind die Chancen und Risiken der Digitalisierung für die Nachhaltigkeit wissenschaftlicher Weiterbildung. Sie konzentrieren sich dabei auf Studienangebote in ländlichen Räumen, die oft mit Risiken bei ihrer strukturellen Entwicklung zu kämpfen haben. Im Mittelpunkt ihres Artikels stehen Tipps zu deren konkreten Ausgestaltung. Anregungen für eine gute Praxis sollte generell auch das hochschulinterne Qualitätsmanagement bieten. Am Beispiel eines weiterbildenden Masterstudiengangs zeigen Konstantin Herrmann, Roya Madani und Stephan A. Rehder vom Projekt QUP, wie sie an der Universität Potsdam Instrumente und Verfahren des Qualitätsmanagements zur nachhaltigen Implementierung eines weiterbildenden Masterstudiengangs nutzen. Die Rubrik „Aus dem Wettbewerb“ schließt ab mit einem ebenfalls sehr wichtigen Thema und zwar den Wegen zur nachhaltigen Teilnehmendengewinnung. Das Projekt Weiterbildungscampus Magdeburg bedient sich hier eines neuartigen Verfahrens und einer „CurriculumSchmiede“, bei der Akteurinnen und Akteure aus Hochschulen und Berufspraxis von Beginn an gemeinsam an der Studiengangsentwicklung arbeiten. Dies kommt auch den Teilnehmenden zugute, so das Fazit von Autorin Evelin Krolopp.

Der vorliegende Newsletter möchte – über das Geschehen innerhalb des Bund-Länder-Wettbewerbs hinaus – aber auch über allgemeine Entwicklungen im Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung und des lebenslangen Lernens an Hochschulen informieren. Dazu zählen nationale und internationale Perspektiven zur Nachhaltigkeit und Verstetigung von wissenschaftlicher Weiterbildung, welche Tina Basner vom Team der wissenschaftlichen Begleitung in Form von Videobeiträgen der thematischen Impulse und Statements von Expertinnen und Experten anlässlich der diesjährigen Arbeitstagung der wissenschaftlichen Begleitung mit den Förderprojekten aufbereitet zur Verfügung stellt. Auf die nationale Ebene ausgerichtet, sind auch die Empfehlungen zur nachhaltigen Weiterentwicklung des berufsbegleitenden und dualen Studiums für Hochschulen, Arbeitgebende und Politik. Sigrun Nickel und Nicole Schulz vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) fassen die Quintessenz eines zweijährigen Forschungsprojekts im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zusammen. Schließlich ist auch interessant zu erfahren, wie nachhaltig Projekte sind, wenn deren finanzielle Förderung endet. Hier stellt das ehemalige Förderprojekt Freiräume ein gutes Beispiel dar. Die Projektpartner Fraunhofer und Universität Freiburg festigen ihre Zusammenarbeit nachhaltig durch einen Kooperationsvertrag.

Die aktuelle Ausgabe des Newsletters gibt auch Einblicke in zukünftige Entwicklungen und informiert u. a. über den im November 2018 erscheinenden neuen Blog des Netzwerks Offene Hochschulen (NOH), durch welchen die Vernetzung der Akteurinnen und Akteure im Feld der wissenschaftlichen Weiterbildung und des lebenslangen Lernens nachhaltig gestaltet werden soll.  

Aktuelle Publikationshinweise mit Bezügen zum Thema „Nachhaltigkeit“ unterstreichen die Relevanz des Themas. Beispielsweise werden in der Publikation von Brüggemann, Dieter & Miosga, Manfred (Hrsg.). (2018). Innovationsmotor Weiterbildung. Der Beitrag von Universitäten und Hochschulen zur Fachkräftesicherung in der Region aus dem Projekt QuoRO zentrale Projektergebnisse zum Ausbau und der Vernetzung von Weiterbildung an den Universitäten und Hochschulen der Region im Nordosten Bayerns sowie der gezielten Ausrichtung auf regionale Bedürfnisse dargelegt, um die Nachhaltigkeit akademischer Weiterbildungsangebote sicherzustellen. Der Tagungsband von Oberbeck, Herbert & Kundolf, Susanne (Hrsg.). (2018). Mobiles Lernen für morgen. Berufsbegleitende, wissenschaftliche Aus- und Weiterbildung für die Ingenieurwissenschaften aus dem Projekt VerbundMOB enthält Aspekte zu Stand und Perspektiven für die nachhaltige Studiengangs-Etablierung und beschreibt Perspektiven und zu lösende Problemfelder beim Aufbau nachhaltiger Weiterbildungs- und Angebotsstrukturen.

Wir hoffen, dass einiges Interessantes für Sie dabei ist und wünschen Ihnen – im Namen des gesamten Teams der wissenschaftlichen Begleitung – viele Freude und zahlreiche Anregungen bei der Lektüre des aktuellen Newsletters!

Sigrun Nickel (Centrum für Hochschulentwicklung) und Karsten Speck (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)

Literatur

Bruns, Alexander (2015). Wissenschaftliche Weiterbildung als Akteur in der Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung. Hochschule und Weiterbildung, 2, 20-26. URL: https://www.pedocs.de/volltexte/2017/12868/pdf/HuW_2015_2_Bruns_Wissenschaftliche_Weiterbildung.pdf [22.10.2018].

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2011). Richtlinien zum Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“. 1. Wettbewerbsrunde (2011-2017). Berlin. URL: https://www.wettbewerb-offene-hochschulen-bmbf.de/wettbewerb/1-runde [22.10.2018].

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2013). Richtlinien zum Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“. 2. Wettbewerbsrunde (2014-2020). Berlin. URL: https://www.wettbewerb-offene-hochschulen-bmbf.de/wettbewerb/richtlinie-runde-2 [22.10.2018].

Hanft, Anke; Brinkmann, Katrin; Kretschmer, Stefanie, Maschwitz, Annika & Stöter, Joachim (2016). Organisation und Management von Weiterbildung und Lebenslangem Lernen an Hochschulen. Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen, Band 2. Münster. Waxmann Verlag. URL: https://www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=14023 [22.10.2018].

Maschwitz, Annika; Speck, Karsten; Brinkmann, Katrin; Johannsen, Maximilian & von Fleischbein, Andrea (im Erscheinen). Nachhaltigkeit von (Verbund-)Projekten. Eine Analyse auf Basis drei methodischer Ansätze. Thematischer Bericht der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“.

Nickel, Sigrun; Schulz, Nicole & Thiele, Anna-Lena (2018). Projektfortschrittsanalyse 2017: Befragungsergebnisse aus der 1. und 2. Wettbewerbsrunde. Thematischer Bericht der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“. URL: https://www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=15709 [22.10.2018].

Stoltenberg, Ute & Burandt, Simon (2014). Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. In Heinrichs, Harald; Michelsen & Gerd (Hrsg.). Nachhaltigkeitswissenschaften. Berlin: Springer. 567-594.

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WGBU) (2011). Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Berlin: Eigenverlag. URL: https://www.wbgu.de/fileadmin/user_upload/wbgu.de/templates/dateien/veroeffentlichungen/hauptgutachten/jg2011/wbgu_jg2011.pdf [22.10.2018].

Wissenschaftsrat (2015). Anhang 6.3 zum Bericht der Gemeinsamen Kommission zur Exzellenzinitiative an die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz. Auswertung der geförderten Zukunftskonzepte. Bericht der Strategiekommission des Wissenschaftsrates. URL: https://www.bmbf.de/files/4_Anhang_6_3_Auswertung_der_Zukunftskonzepte.pdf [22.10.2018].


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