Neun Jahre Förderung im Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“: Rückblick und Ausblick aus Sicht des zuständigen Referats im Bundesministerium für Bildung und Forschung

Statement im Rahmen der Arbeitstagung der wissenschaftlichen Begleitung 2020

Ein Beitrag von Kerstin Mucke, Referentin im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Referat „Wissenschaftliche Karrierewege und Weiterbildung“, 28.10.2020


Wenn etwas zu Ende geht, dann blickt man zurück. Der Rückblick auf neun Jahre Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ (OH), der drei Ministerinnen und drei Referatsleiterinnen erlebt hat, fällt unter Berücksichtigung der Tatsache, dass alle OH-Akteure mehr oder weniger Neuland betreten haben, insgesamt äußerst positiv aus.

Wesentlicher Beitrag für die wissenschaftliche Weiterbildung in Deutschland

Der Bund-Länder-Wettbewerb hat ohne Zweifel einen wesentlichen Beitrag für die Wahrnehmung, Leistungsfähigkeit und Bedeutung der wissenschaftlichen Weiterbildung (wWB) in Deutschland geleistet, dabei eine Vielzahl von Stolpersteinen aus dem Weg geräumt und diese als Bausteine für die weitere Öffnung der Hochschulen genutzt. Aus unserer Sicht vor allem die Folgenden:

  • Durch den OH-Wettbewerb ist im Sinne des Hochschulrahmengesetzes von 1998 und der Bologna-Reform von 1999 „lebensbegleitendes Lernens“ als eine Kernaufgabe der Hochschulen erstmals direkt in das Blickfeld der Verantwortlichen in den Hochschulen und Ländern gerückt und hat in mindestens jeder vierten Hochschule in Deutschland über alle Bundesländer hinweg Einzug erhalten.
  • An den Hochschulen sowie in Netzwerken von Hochschulen und Unternehmen wurden zunehmend Strukturen geschaffen, z. B. durch den Auf- und Ausbau von Zentren für wWB an Hochschulen.
  • Indem sich Hochschulen zu Verbünden zusammengeschlossen und in Netzwerke integriert bzw. neue Netzwerke gegründet haben, konnten die verschiedenen, hochspezialisierten Wissensgebiete abgedeckt werden, die in der Praxis benötigt werden.
  • Das Selbstverständnis an Hochschulen wandelte sich und ermöglichte eine stärkere Kundenorientierung durch eine nachfrageorientierte und gleichzeitig qualitätsgesicherte Angebotsgestaltung, die Forschung und Praxis eng verzahnt. Hier eingeschlossen sind auch Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung der Lehre, etwa durch innovative digitale Lehr-Lern-Formate und Verfahren sowie Lösungen für die Nutzung digitaler Medien.
  • Durch den Wettbewerb ist auch die Durchlässigkeit im Bildungssystem erweitert und die Öffnung für neue Zielgruppen erreicht worden. Die inzwischen implementierten 376 (Studien-)Angebote[1] im Rahmen des Wettbewerbs ermöglichen durch ihre zeitliche Organisation sowie durch entsprechende Beratungs- und Betreuungsangebote die bessere Vereinbarkeit von Berufstätigkeit, Weiterbildung und privaten Verpflichtungen.
  • Beruflich Qualifizierte profitieren von dieser Öffnung der Hochschulen zusätzlich, indem im Rahmen des Wettbewerbs die in der ANKOM-Initiative erstmals aufgegriffene Anrechnungsthematik weiterentwickelt wurde und vielfältige hochschulinterne Zugangs- und Anrechnungsverfahren für beruflich erworbene Kompetenzen auf das Hochschulstudium gefunden und fest etabliert wurden.
  • Und letztendlich mögen noch die zahlreichen Publikationen aus dem Kontext des Wettbewerbs genannt werden, die interessierten Hochschulen sowie der gesamten Community im In- und Ausland zur Verfügung stehen, zu finden auf https://de.offene-hochschulen.de/publikationen/bibliothek.

Herausforderungen stehen auf dem Prüfstand

Trotz der vielfältigen und beeindruckenden Ergebnisse und Erkenntnisse bleiben auch Herausforderungen bestehen, die im Kontext des OH-Wettbewerbs zum Teil bereits angegangen wurden, aber immer wieder auf dem Prüfstand stehen. So werden die entwickelten Strukturen und Netzwerkaktivitäten gepflegt und weiterentwickelt sowie die Studien-, Beratungs- und Betreuungsangebote immer wieder an sich ändernde Bedarfe angepasst werden müssen. Dafür genügend Personalkapazitäten zur Verfügung gestellt zu bekommen, wäre unter Nutzung von Synergien mit der grundständigen Lehre eine wichtige Voraussetzung. Ebenso erscheint eine geregelte und strukturierte Finanzierungs- und Vergütungsstrategie der jeweiligen Hochschule im Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung tragend. Hier sind verlässliche Lösungen für die Vorfinanzierung von Planungs- und Entwicklungsaktivitäten ebenso eingeschlossen wie eine angemessene Gebühren- bzw. Entgelterhebung. Nicht zuletzt wären die Anrechnung auf das Lehrdeputat und eine maßvolle Vergütung der Lehrenden motivierende Elemente für das Engagement in der wWB. Auch das haben die OH-Projekte und die Forschungsaktivitäten der wissenschaftlichen Begleitung sichtbar gemacht.

In jedem Fall sind auch die durch Bund und Länder getragenen Empfehlungen des Wissenschaftsrats (WR) zur hochschulischen Weiterbildung[2] ein weiterer Baustein für fortschreitendes Gelingen. Die hier aufgegriffenen Lösungsansätze können in ihrer Gesamtheit schrittweise dazu führen, dass Hochschulen zu einem Ort werden, an dem für alle Phasen einer Bildungsbiographie (Studien-)Angebote für unterschiedliche Zielgruppen zur Verfügung stehen. Das bedeutet in der Konsequenz, grundständige Lehre sowie Lehre in der Weiterbildung grundsätzlich zusammen zu denken.

Weitere Veränderungen sind anzustoßen

Für die weitere Öffnung der Hochschulen gilt es uns unserer Sicht folgende Veränderungen weiterhin anzustoßen: 

  • Hochschulintern sollten Top-Down- und Bottom-Up-Prozesse noch deutlicher vereint werden. Die Profilbildung muss getragen werden von den Machtpromotor*innen der Fakultäten bzw. Weiterbildungszentren. Willensbildungsprozess, Changemanagement und Organisationsentwicklung sind hier passende Schlagworte.
  • Den Austausch zwischen der einzelnen Hochschule mit den Ländern gilt es weiter zu schärfen, z. B. bei Zielvereinbarungen mit Blick auf den Zukunftsvertrag Studium und Lehre. In einigen Bundesländern beobachten wir durchaus Bewegung in der Gesetzgebung und eine Bereitschaft der Förderung im Bereich der wWB.
  • Der Austausch mit dem Arbeitsmarkt wäre weiter zu intensivieren. Nur so kann auf schnelle Veränderungen agil und bedarfsorientiert reagiert werden.
  • Es bedarf der Akzeptanz bei den Personalabteilungen der Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden auch finanziell fördern und die Angebote der Hochschulen verstärkt in ihr Weiterbildungsportfolio einbauen. Gleiches gilt für die Umsetzung des Qualifizierungschancengesetzes, mit dem - auch bei Strukturveränderungen auf dem Arbeitsmarkt - Weiterbildungen über die Bundesagentur für Arbeit (BA) unterstützt werden. Kürzere flexible Angebotsformate sind in beiden Fällen attraktiv und einfacher berufsbegleitend studierbar.
  • Es braucht flächendeckende Informationen über verfügbare weiterbildende (Studien-)Angebote der Hochschulen. Deshalb arbeiten wir aktuell im Rahmen der Nationalen Weiterbildungsstrategie mit der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) an einem Weiterbildungsportal der Hochschulen in enger Abstimmung mit der Deutschen Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium e.V. (DGWF) und der BA als Kooperationspartner.
  • Nicht zuletzt wird es ausschlaggebend sein, wie gut es gelingt, gemeinsam mit dem zentralen nationalen Akteur in Sachen wissenschaftlicher Weiterbildung – der DGWF mit ihren Landesgruppen – eine bundesweite und sich selbst tragende Struktur zur Beratung, Information und Unterstützung im Bereich der wWB aufzubauen.

Der OH-Wettbewerb hat die fachliche und politische Diskussion in Deutschland im Bereich der wWB deutlich belebt und geprägt. Nun gilt es, die Ergebnisse nachhaltig zu sichern sowie entstandene, gut funktionierende Kooperationen zu erhalten und weiterzuentwickeln. Aus Systemsicht sind wir zuversichtlich, dass die positiven Ergebnisse des Wettbewerbs für die wWB und damit gleichzeitig auch für die fortschreitende Öffnung der Hochschulen weiter dynamisch wirken werden. Denn: Der OH-Wettbewerb hat viele Multiplikator*innen hervorgebracht, die gelernt haben, dass Entwicklungen in der wWB bei allen Hürden möglich sind – mit entsprechender Geduld und dem Wissen, dass es kaum schnelle Lösungen gibt. Dass sich Hochschulen aktuellen Begebenheiten und Nachfragen schnell und erfolgreich anpassen können, zeigt die gegenwärtige Covid-19-Pandemie. Das war nur möglich, weil in Bezug auf die Umstellung auf ein digitales Angebot der Lehre entsprechende Kompetenzen aus den OH-Projekten vorhanden waren. Und diese Kompetenzen haben die Projekte und die begleitenden Akteure des OH-Wettbewerbs durch ihre systematische und kreative, zuweilen auch hartnäckige, aber insgesamt hervorragende Arbeit im Zusammenspiel mit Ihren Kooperationspartnern möglich gemacht.



[1] Nickel, Sigrun; Schrand, Michaela & Thiele, Anna-Lena (2020). Übersicht der implementierten Angebote aus den Förderprojekten 2011–2020. Abgerufen von https://de.offene-hochschulen.de/themen/376-wissenschaftliche-weiterbildungsangebote

[2] Wissenschaftsrat [WR] 2019). Empfehlungen zu hochschulischer Weiterbildung als Teil des lebenslangen Lernens. Abgerufen von https://www.wissenschaftsrat.de/download/2019/7515-19.pdf


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02.11.2020 | Neue Ausgabe: eucen Studies eJournal of University Lifelong Learning Vol 4 No 1 (2020)