Offen für den Wandel? Die Perspektive von Arbeitnehmenden auf die Entwicklung wissenschaftlicher Weiterbildungsangebote im Bereich Gesundheit und Pflege

Ein Beitrag von Sarah Hampel, Anika Eiben und Martina Hasseler, PuG, 16.10.2019


Die gesundheitliche und pflegerische Versorgung von älteren Menschen mit Pflegebedarf und Menschen mit Beeinträchtigungen ist ein Tätigkeitsfeld, in welchem Mitarbeitende u. a. durch Verdichtung der Arbeitsaufgaben, komplexere Versorgungsanforderungen und Fachkräftemangel zunehmend vor Herausforderungen gestellt sind. Die Konzeption von Studiengängen und wissenschaftlichen Weiterbildungsangeboten soll die Akademisierung von nicht-traditionellen Studierenden fördern, die Versorgungsqualität im Bereich Gesundheit und Pflege erhöhen und damit auf die genannten Wandlungsprozesse im Berufsleben der Zielgruppe reagieren. Das Forschungsprojekt „Aufbau berufsbegleitender Studiengänge in den Gesundheits- und Pflegewissenschaften – PuG II“ mit dem Teilvorhaben „Upgrade angewandte Pflegewissenschaften“ an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften (OHaW) setzt hier an und entwickelt, erprobt und evaluiert neue wissenschaftliche Weiterbildungsangebote. Zum Konzept gehören insgesamt 16 Module aus den Schwerpunkten „Ältere Menschen“ und „Menschen mit Beeinträchtigungen“, mit denen Karrierewege individuell durch Schwerpunktsetzung gestärkt werden sollen. Unter Verwendung des Blended-Learning-Konzepts soll insbesondere das aktive, selbstgesteuerte, zeit- und ortsunabhängige Lernen unterstützt und ein Beitrag zur Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Weiterbildung geleistet werden. Zu Beginn der zweiten Förderphase wurde nach Beginn von Entwicklung und Erprobung der Angebote eine Zielgruppenanalyse mit Arbeitgebenden durchgeführt. Dies ist bedeutsam, da diese Gruppe eine wichtige gatekeeper-Funktion erfüllt und ein besseres Verständnis von deren Einschätzung die Transformation einer nachhaltigen Öffnung der Hochschule positiv beeinflussen soll. Zu diesem Zweck wurden insgesamt vier Interviews in die Untersuchung einbezogen, davon ein Fokusgruppeninterview mit fünf Vertreter*innen der Altenhilfe sowie drei Einzelinterviews mit Vertreter*innen der Eingliederungshilfe (n=3) sowie der Wohlfahrtspflege (n=1).

Die Ergebnisse der Erhebung verdeutlichen, dass Arbeitgebende bislang wenig Erfahrungen mit wissenschaftlicher Weiterbildung im Bereich Gesundheit und Pflege haben oder diese negativ besetzt ist. Zwar können die Interviewpartner*innen der größeren Einrichtung auf mehr Erfahrungen zurückgreifen, jedoch gibt es für die Absolvent*innen kaum entsprechende Stellen, um sich über (wissenschaftliche) Weiterbildungsangebote zu informieren. Oftmals sind den Einrichtungen der Nutzen und Effekte wissenschaftlicher Weiterbildung nicht klar. Um diesem Informationsdefizit zu begegnen, muss die Hochschule sich für die Einrichtungen wesentlich stärker öffnen, in lokalen Strukturen präsenter und transparenter werden und zugehend agieren. In der Diskussion hinsichtlich der Akademisierung in der Pflege zeigen sich einige Vorbehalte und fehlendes Wissen, jedoch wird auch Potential gesehen: Akademisierung müsse stärker schon in der Ausbildung verankert sein. Akademisierte Pflege schließt aktuell vor allem zu stark die Pflege am Bett aus und wird laut Aussage der Einrichtungen von Mitarbeitenden mitunter als Flucht aus der Pflege genutzt statt zu einer individuellen Profilbildung. Eine positive Entwicklung wäre, wenn die studierten Pflegefachkräfte auch grundpflegerische Tätigkeiten ausführen würden, wie es in anderen Ländern der Fall ist. Dafür sollten deren Aufgabenbereiche und Kompetenzen erweitert und grundsätzlich im gesamten Team intelligent gemischt werden im Sinne eines Skills-Grade-Mix. Einigkeit herrscht darin, dass den potentiellen Teilnehmenden aber auch Ängste genommen werden müssen, um die Hemmschwelle zu einer wissenschaftlichen Weiterbildung abzubauen. Insgesamt sei eine Aufwertung des Pflegeberufs nötig.

Bezogen auf die inhaltliche Gestaltung der wissenschaftlichen Weiterbildung existiert eine Diskrepanz zwischen Arbeitgebenden und ihren Mitarbeitenden. Während Mitarbeitende eher hard skills trainieren wollen, wünschen sich Arbeitnehmende Weiterbildungen, die sich stärker mit der Vermittlung von soft skills statt Wissen über Expert*innenstandards beschäftigen. Neben diesen angesprochenen Themenkomplexen spielt die Art und Weise der Wissensvermittlung eine wesentliche Rolle. Hier wird von den Befragten hervorgehoben, dass die Inhalte wissenschaftlicher Weiterbildungen praxisnah sein müssten. Das an der OHaW konzipierte Angebot im Rahmen des Projekts wird von allen Interviewpartner*innen positiv bewertet, insbesondere die Möglichkeit, einzelne Module statt kompletter Studiengänge zu belegen, den Einsatz von Blended Learning, die Aktualität der Inhalte und die Teilnahme ohne Hochschulzugangsberechtigung. Verbessert werden muss die prägnante Betitelung der Module und niederschwellige Form der Ansprache mit klarer Praxisausrichtung. Für Interessierte müssen Angebote hier leicht verständlich sein und schnell ihnen bereits vertraute Elemente enthalten.

Die gewonnenen Erkenntnisse geben wichtige Hinweise für die weitere Ausgestaltung der wissenschaftlichen Weiterbildung, die das Potential besitzt, einen Wandel zu begünstigen. Für den Akteur Hochschule leitet sich daraus ab, die Kooperation mit den Einrichtungen zu intensivieren und neue Strategien für die Zusammenarbeit zu entwickeln. Auch müssen rechtliche Rahmenbedingungen entsprechend weiterentwickelt werden, um den Anforderungen der Akteur*innen im Feld gerecht zu werden und einen angemessenen Skills-Grade-Mix umsetzen zu können.

Kontakt

Sarah Hampel
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften
Fakultät Gesundheitswesen
Rothenfelder Str. 10
38440 Wolfsburg

E-Mail: s.hampel@ostfalia.de
Telefon: 05361/8922-23430

Weitere Informationen

Aktuelle Projektinformationen finden Sie unter: https://www.ostfalia.de/cms/de/g/forschung/bachelorupgrade-angewandte-pflegewissenschaft/
Dort wird in Kürze der ausführliche Bericht zu den Ergebnissen der Arbeitgebendenerhebung veröffentlicht.