Weiter Bildung?! Reflexionsimpuls zum Thema „Offen für den Wandel? – Transformationsprozesse durch die Öffnung von Hochschulen“

Ein Beitrag von Linda Geppert, Health Care Professionals und Bastian Steinmüller, E-hoch-B, 16.10.2019


Die letzte Arbeitstagung der wissenschaftlichen Begleitung mit den Förderprojekten des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ fand in Berlin zum Thema Transformationsprozesse statt und hat zu einem weiterführenden Austausch eingeladen.


Daher möchten Mitarbeitende aus den Förderprojekten „E-hoch-B“ und „Health Care Professionals“ diese Newsletter-Ausgabe nutzen, um einige der entstandenen Reflexionen und aufgeworfenen Fragen zu teilen – auch mit dem Anliegen, vielleicht einen Raum zum gemeinsamen Nachdenken und für weitere Diskussionen zu öffnen.

Den Ausgangspunkt bildet das in einem ResearchSpace vorgestellte Beispiel eines Zertifikatsstudienangebots der University of Pennsylvania, die in Kooperation mit dem privatwirtschaftlichen Unternehmen Trilogy Education Services den dreimonatigen Zertifikatskurs PENN LPS Coding Boot Camp zu einem Preis von derzeit $13,995[1] anbietet und ihn mit herausragenden Jobmöglichkeiten bewirbt. Aus unserer Sicht veranschaulicht es unfreiwillig nachdrücklich die Notwendigkeit, folgende aus erwachsenenbildnerischer Sicht hochaktuelle Fragen aufzuwerfen, wurde es doch von nicht wenigen Teilnehmenden als Best-Practice-Beispiel aufgenommen:

  • Ab wann sind die Hochschulen mit ihren wissenschaftlichen Weiterbildungsangeboten vor allem Dienstleisterinnen für die Wirtschaft? Welche ökonomischen Anforderungen an wissenschaftlichen Bildungsangebote sind legitim, welche beschränken die Wissenschaftsfreiheit?
  • Welche Bedeutung kommt dem Bildungsbegriff in der wissenschaftlichen Weiterbildung zu? Besteht Bildung innerhalb der wissenschaftlichen Weiterbildung darin, Menschen vor allem nachfrageorientiert nach dem Diktat der Wirtschaft auszubilden? Welche Orientierungspunkte haben wir als Förderprojekte des Bund-Länder-Wettbewerbs? Von wessen Nachfragen und Bedarfen wurden wir als Projekte geleitet/ lassen wir uns leiten?
  • Wie stehen in der wissenschaftlichen (Weiter-)Bildung Wissenschaftlichkeit, Employability und Persönlichkeitsentwicklung zueinander im Verhältnis?[2]

Bildung und Lebenslanges Lernen

Der Erwachsenenpädagoge und Konstruktivist Horst Siebert charakterisiert Bildung wie folgt:

„Bildung ist in der Schnittmenge von Ethik und Ästhetik, Reflexion und Aktion angesiedelt. Konstitutiv für Bildung ist die Frage nach dem Sinn, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und kompetentes Handeln. Vereinfacht gesagt: kluges Wissen, Können und Wollen. In dieser Kopplung unterscheidet sich Bildung von Intelligenz, Qualifikation und Kompetenz. Bildung schließt diese Fähigkeiten ein, geht aber darüber hinaus.“ (2002, S. 19)

Bei allen Diskursen über Kompetenzen ist es gerade für eine Bildungskultur mit langer Tradition unabdingbar, den Bildungsaspekt in neuen und bestehenden Studienangeboten stetig im Fokus zu haben und zu reflektieren. Widersprüche offenbart die gegenwärtige Entwicklung des hochschulischen Weiterbildungssektors: Lebenslanges Lernen wird als Ausdruck einer überparteilichen gesellschaftspolitischen Forderung nicht selten in den Stand eines demokratiesichernden Selbstzwecks in der Bildungsgesellschaft erhoben. Nichtsdestotrotz findet sich die Entwicklung neuer Weiterbildungsangebote unvermittelt mit der Notwendigkeit konfrontiert, sich an Bedarfen und Nachhaltigkeit zu orientieren, um Brauchbarkeit und Employability zu garantieren. Nicht erst seit der Verbreitung des Neoliberalismus muss sich der Zweck von Bildung eines immensen Ökonomisierungsdrucks erwehren. Im Besonderen trifft dies auf die wissenschaftliche Weiterbildung zu, ist sie doch i. d. R. nicht staatlich, sondern durch Teilnahmegebühren privat finanziert.

„Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing“: Verwertbarkeit, Zeitdruck, Konkurrenz und Kosten machen Kooperationen mit der Wirtschaft u. a. wegen der Finanzierungsnotwendigkeit attraktiv für die Angebotsentwicklung. Wo endet die (akademische) Bildungsautonomie und wo beginnt die Dienstleistung für die Wirtschaft? Oder: „Wie hältst Du es mit der Wirtschaft?“ als zentrale Gretchenfrage, gleichwohl Prüfstein für Ethik und Verantwortung, die viele der Studiengangs- und Zertifikatskursentwicklungsteams berührt haben werden während dieses Wettbewerbs.

Davon abgeleitet: Wohin strebt die wissenschaftliche Weiterbildung in der Bundesrepublik Deutschland? Im aktuellen Diskurs gewichtige Konzepte behandeln Studierbarkeit und Bedarfsorientierung: zwei Fanale des Strebens nach Öffnung und Vereinbarkeit, mit denen der Teilhabe an individualisierter, freierer Bildung Vorschub geleistet werden soll. Nimmt man die geäußerten Ökonomisierungsbefürchtungen ernst, steht zu erwarten, dass dieses hehre Ziel einem Themendiktat der Wirtschaft zum Opfer fallen könnte, da aktuelle Bildungsaufgaben unrentabel erscheinen.

Herausforderungen und Transformationen – Quo vadis wissenschaftliche Weiterbildung?

Die Herausforderungen, vor denen die Menschheit im gesellschaftlichen, auch weltpolitischen Kontext aktuell steht, scheinen mehr denn je darin zu bestehen, verantwortlich, transparent und in Netzwerken orientiert zu handeln. Metakompetenzen auf persönlicher Ebene, wie Offenheit und ein waches Bewusstsein bezogen auf unsere soziale und kulturelle Lebenswelt, auch ein Verständnis der Natur als vollwertige Partnerin im Hinblick auf zukünftige Entscheidungen, erscheinen hierzu in besonderem Maße hilfreich.

Wie handelt heute ein im Siebert‘schen Sinne gebildeter Mensch weise und kreativ im Angesicht der Zerstörung seiner Lebensgrundlagen? In diesen Zeiten der Transformation scheint die Welt nach Menschen zu dürsten, die geleitet von Ethik und Offenheit dazu in der Lage sind, sich über Grenzen ihres bisherigen Denkhorizonts hinaus tragen zu lassen!

Albert Einstein betont den Aspekt der Freiheit für solche Prozesse:

„...Es ist in der Tat fast ein Wunder, dass die modernen Methoden der Ausbildung die heilige Neugier des Forschens noch nicht völlig erstickt haben; denn diese zarte, kleine Pflanze bedarf – neben dem Ansporn – hauptsächlich der Freiheit; ohne diese geht sie ohne jeden Zweifel zugrunde.“ (Einstein, zit. nach Rogers (1984), S. 7)

Dass Transformationen in Zielsetzung und Planung neuer Bildungsangebote mehr Raum eröffnet werden muss, lässt sich am Beispiel der Entstehung von Bewegungen wie Educators for Future, Scientists for Future sowie die kritische Erwachsenenbildung erkennen und in ihren Manifesten ablesen. Im Manifest der Educators for Future (2019) heißt es:

„Das derzeitige Wachstumsparadigma von „Höher, Schneller, Weiter“ ist nicht zukunftsfähig. […] Es geht um einen grundlegenden Wandel, einen Paradigmenwechsel, um zu fördern, was die Gesellschaft für die große Transformation braucht: mutige Weltbürger mit Gemeinsinn, die es gewohnt sind, lösungsorientiert kreativ zu denken und Verantwortung zu übernehmen: für sich selbst, für ihre Mitmenschen, für unseren Planeten. Wenn wir auf dieser Erde überleben wollen, müssen wir lernen, zusammenzuleben – miteinander, verbunden und verbindend, achtsam und in Fürsorge.“

Wie kann die wissenschaftliche Weiterbildung in diesen Zeiten des Wandels zu Bildungsräumen beitragen, die Teilnehmende zu (Co-)Kreation in der Gesellschaft einladen und Entwicklungssprünge über bisherige Denkhorizonte hinaus befördern?

- Antworten erlaubt. Handeln erforderlich.

Kontakt

Linda Geppert
Alice Salomon Hochschule Berlin, Projekt Health Care Professionals
M. A. Erwachsenenpädagogik/ Lebenslanges Lernen, Dipl.-Betriebswirtin (BA), arbeitet im Projekt Health Care Professionals als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit dem Schwerpunkt Mediendidaktik.
E-Mail: geppert@ash-berlin.eu


Bastian Steinmüller
Technische Universität Kaiserslautern, Projekt E-hoch-B
M. A. Soziologie, arbeitet im Projekt E-hoch-B als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Schwerpunkt Hochschul- und Regionalforschung.
E-Mail: bastian.steinmueller@sowi.uni-kl.de

Literatur

Rasfeld, Margret & Weiß, Silke (2019). Bildung ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen Welt. Manifest Educators for Future. Abgerufen von https://educators4future.org/manifest/

Rogers, Carl R. (1984). Freiheit und Engagement. Personenzentriertes Lehren und Lernen. München: Kösel.

Siebert, Horst (2002). Bildungsoffensive. Bildung ist mehr als Qualifizierung. Frankfurt am Main: Verlag für Akademische Schriften.

Wissenschaftsrat (2019). Empfehlungen zu hochschulischer Weiterbildung als Teil des lebenslangen Lernens. Vierter Teil der Empfehlungen zur Qualifizierung von Fachkräften vor dem Hintergrund des demographischen Wandels. Abgerufen von https://www.wissenschaftsrat.de/download/2019/7515-19.pdf



[1] Die Preisangabe basiert auf einer Auskunft von Trilogy Education Services mit Stand vom Juli 2019 und bezieht sich auf die Variante des Zertifikatskurses mit einem Umfang von 12 Wochen in Vollzeit.

[2] Auch auf der Basis der Unterstreichung der Aussage des Wissenschaftsrates der drei (gleichgewichtigen) zentralen Dimensionen akademischer Bildung (Fach-) Wissenschaft, Persönlichkeitsbildung und Arbeitsmarktvorbereitung [Wissenschaftsrat (2019), S. 11]: „Der Wissenschaftsrat ist der Überzeugung, dass eine grundlegende Ausrichtung der Lehre an allen drei zentralen Dimensionen akademischer Bildung – (Fach-) Wissenschaft, Persönlichkeitsbildung und Arbeitsmarktvorbereitung – für alle Studienangebote, in jeder Disziplin und an jedem Hochschultyp gegeben sein muss, wenn auch je nach Studienangebot und -fach in unterschiedlicher Akzentuierung.“