Studierende ohne Abitur nutzen vor allem Angebote auf Bachelor-Niveau

Ein Beitrag von Sigrun Nickel und Nicole Schulz, CHE Centrum für Hochschulentwicklung, 18.04.2018


57.000 Menschen in Deutschland studieren ohne allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife – das sind so viele wie noch nie. Frauen und Männer sind darunter jeweils rund zur Hälfte vertreten und fast jede(r) zweite Studierende ohne Abitur ist älter als 30 Jahre. Dies ergeben aktuelle Berechnungen des CHE Centrum für Hochschulentwicklung. Seit fast zehn Jahren existiert über den sogenannten dritten Bildungsweg überall im Bundesgebiet die Möglichkeit, sich auch über Berufspraxis für ein Studium zu qualifizieren. Dies gilt sogar für zulassungsbeschränkte Fächer wie Medizin und Pharmazie.

Zahl der Studierenden mehr als verdoppelt

Die Zahl der Studierenden ohne allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife hat sich seit 2010 mehr als verdoppelt und liegt laut den jüngsten Zahlen aus dem Jahr 2016 bei 57.000 (vgl. CHE, 2018). Der Anteil an allen Studierenden im Bundesgebiet beträgt nunmehr 2 Prozent. Auch bei den Studienanfänger(inne)n sind die Werte gestiegen. Der Anteil an allen Studienanfänger(inne)n liegt im Bundesgebiet aktuell bei 2,6 Prozent, was rund 13.000 Personen entspricht. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 waren es nur rund 9000 Erstsemester(innen), die ausschließlich über den beruflichen Weg an die Hochschule gelangten. Parallel dazu ist ein kontiniuierliches Wachstum bei der Zahl der Personen zu verzeichnen, die ein Studium ohne den vorherigen Erwerb einer schulischen Hochschulzugangsberechtigung erfolgreich abschließen. Diese erreichte 2016 mit 7.200 Personen ihren vorläufigen Höchstwert.

Weiterhin sehr unterschiedlich präsentiert sich die Entwicklung in den einzelnen Bundesländern. Beim Anteil der Studienanfänger(inne)n ohne Abitur belegen Hamburg (4,6 Prozent), Nordrhein-Westfalen (4,2 Prozent) und Berlin (3,6 Prozent) die vorderen Plätze. Schlusslicht ist das Saarland, das als einziges Bundesland mit 0,8 eine Quote von unter einem Prozent aufweist.

Erstmals hat das CHE auch Daten zu Geschlecht und Alter der Studierenden analysiert, die sich rein über den beruflichen Weg für ein Studium qualifiziert haben. So ist etwa die Hälfte der Studierenden zwischen 20 und 30 Jahren alt, aber auch die 30- bis 40-Jährigen sind mit einer Quote von ungefähr einem Drittel relativ häufig anzutreffen. Männer sind bei den Studierenden ohne Abitur mit 55 Prozent nur wenig mehr vertreten als Frauen mit 45 Prozent. Auffallend ist, dass Frauen häufiger als Männer auch noch im fortgeschrittenen Lebensalter von über 40 den Sprung in die akademische Ausbildung wagen.

Gros der Studierenden befindet sich im Bachelorstudium

Das Gros der Studierenden ohne Abitur befindet sich im Bachelorstudium und nur ein relativer kleiner Anteil von 9 Prozent im Masterstudium. Die zur Verfügung stehenden Daten lassen keine Differenzierung zwischen traditionellen und weiterbildenden Studiengängen zu. Dennoch lässt sich für die wissenschaftliche Weiterbildung daraus schlussfolgern, dass Angebote auf Bachelorniveau für Personen ohne allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife attraktiver bzw. geeigneter erscheinen als auf Masterniveau. Angesichts der Tatsache, dass in etlichen Bundesländern das Betreiben von Bachelor-Studiengängen im Rahmen der wissenschaftlichen Weiterbildung rechtlich nicht möglich ist, besteht Handlungsbedarf, sofern diese Zielgruppe in diesen Bereich gut eingebunden werden soll.

Insgesamt wählte mit 55 Prozent mehr als die Hälfte aller Erstsemester(innen) ohne Abitur im Jahr 2016 einen Studiengang aus den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (siehe Abbildung). An zweiter und dritter Stelle stehen die Ingenieurwissenschaften (20 Prozent) und die Fächergruppe Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften (12 Prozent). Dabei sind Fachhochschulen bzw. Hochschulen für angewandte Wissenschaften als Studienorte deutlich höher im Kurs als Universitäten. Knapp 61 Prozent der Studienanfänger(innen) ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung im Jahr 2016 entschieden sich für ein Studium an diesem Hochschultyp. Etwas mehr als ein Drittel ging an eine Universität und gut vier Prozent an eine Kunst- oder Musikhochschule.    

Was nur Wenige wissen: Selbst ein Studium in den bundesweit zulassungsbeschränkten Fächern Medizin und Pharmazie ist für Studierende ohne Abitur möglich (vgl. Nickel et al., 2018). So ersetzt etwa die Note der Meister- oder Fachwirtprüfung die Abiturnote bei der Bewerbung um einen Studienplatz. Von den aktuell 107.000 Medizinstudierenden in Deutschland sind rund 700 über den beruflichen Weg an einen Studienplatz gelangt. Jährlich kommen etwa 150 Studienanfänger(innen) ohne Abitur in der Human- und Zahnmedizin hinzu. Deutlich mehr Erstsemester(innen) ohne allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife haben sich allerdings in gesundheitswissenschaftlichen Studiengängen eingeschrieben (siehe Abbildung).

Studienfachwahl bei Erstsemester(inne)n ohne Abitur 2016

Abbildung: Studienfachwahl bei Erstsemester(inne)n ohne Abitur 2016 inklusive Aufschlüsselung der Fächergruppe „Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften“ (Quelle: Berechnungen des CHE Centrum für Hochschulentwicklung 2018 auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamtes; Angaben in Prozent.)

90 Prozent der Erstsemester(inne)n in der Fächergruppe „Humanmedizin inkl. Zahnmedizin/Gesundheitswissenschaften“ haben sich im Jahr für diesen Bereich entschieden, das entspricht 1.408 Personen. Darunter fallen Bachelor- und Masterstudiengänge u. a. aus den Bereichen „Pflegewissenschaften“, “Gesundheits­management“, „Physiotherapie“ oder „Public Health“. Dieser Zustrom könnte eine Wirkung des schon seit längerem zu beobachtenden Trend zur Akademisierung der Gesundheitsberufe (vgl. Wissenschaftsrat, 2012) sein. Inwiefern die Tatsache, dass die Medizinstudiengänge flächendeckend einem strengen Numerus Clausus (NC) unterliegen, eine gewichtige Rolle für die Unterschiede bei der Verteilung der Studienanfänger(innen) spielt, lässt sich auf Basis der zur Verfügung stehenden Daten nicht klären.

Ein weiteres Indiz für diese These ist allerdings die Tatsache, dass im Fach Pharmazie, welches laut Systematik des Statistischen Bundesamtes der Fächergruppe Mathematik/Naturwissenschaften zugeordnet wird, die Beteiligung von Studienanfänger(inne)n ohne Abitur ebenfalls relativ gering ausfällt. Lediglich 34 Personen ohne Abitur begannen im Jahr 2016 in Deutschland ein Pharmaziestudium, was einem Anteil von 0,3 Prozent bezogen auf alle Erstsemester(inn)en ohne allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife im selben Zeitraum entspricht. Auch das Pharmaziestudium ist bundesweit mit einem NC belegt, weil der Andrang auf die zur Verfügung stehenden Studienplätze ungebrochen hoch ist. So liegt das Verhältnis von Bewerbungen pro Studienplatz zum Sommersemester 2018 in der Pharmazie bei 2 zu 1. Zum Vergleich: In der Humanmedizin beträgt das Verhältnis 12 zu 1 und in der Zahnmedizin bei 6 zu 1 (vgl. Stiftung für Hochschulzulassung, 2018).

Insgesamt betrachtet gelingt es Personen ohne allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife also durchaus, Studienplätze in den Fächern Human­medizin, Zahnmedizin und Pharmazie zu bekommen. Noch handelt es sich um Ausnahmefälle und ob sich daran etwas ändern wird, ist fraglich. Um die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung in den Fächern Humanmedizin, Zahnmedizin und Pharmazie ist es derzeit deutlich schlechter bestellt als in den Wirtschafts-, Rechts-, Sozial-, Gesundheits- und Ingenieurwissenschaften. Der Nimbus der Eliteausbildung, festgemacht vor allem an überdurchschnittlichen Abiturnoten, hat hier weiterhin Bestand und es ist davon auszugehen, dass sich daran auch in naher Zukunft nicht viel ändern wird.

Literatur:

CHE Centrum für Hochschulentwicklung (2018): Daten-Monitoring. Studieren ohne Abitur. Der Online-Studienführer für alle beruflich Qualifizierten. Abgerufen von http://www.studieren-ohne-abitur.de/web/information/daten-monitoring/ (06.04.2018).

Nickel, Sigrun; Schulz, Nicole; Hüdepohl, Laura (2018): Medizin und Pharmazie studieren ohne Abitur. Arbeitspapier Nr. 207. Gütersloh.  Abgerufen von http://www.che.de/downloads/CHE_AP_207_Studieren_ohne_Abitur_2018.pdf (06.04.2018).

Stiftung für Hochschulzulassung (2018): Auswahlgrenzen in den bundesweit zulassungsbeschränkten Studiengängen, Sommersemester 2018. Abgerufen von https://zv.hochschulstart.de/fileadmin/media/zv/nc/SoSe2018/nc_zv_ss18.pdf (06.04.2018).

Wissenschaftsrat (2012): Empfehlungen für die hochschulische Qualifikation für das Gesundheitswesen. Berlin. Abgerufen von https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2411-12.pdf (06.04.2018).