Transformationsprozesse an Magdeburger Hochschulen regional gestalten

Ein Beitrag von Ines Tetzlaff und Marvin Stiebler, Weiterbildungscampus Magdeburg, 16.10.2019


Über die Notwendigkeit und Bedeutung der Etablierung und Weiterentwicklung wissenschaftlicher Weiterbildung herrscht in der Politik weitgehende Einigkeit. Auf der Ebene der Hochschulen sieht dies schon ganz anders aus, da die Entwicklung von Angeboten immer auch eine Frage der Ressourcen ist und damit in das System Hochschule eingreift.

In Sachsen-Anhalt, als vergleichsweise strukturschwachem Bundesland, trifft eine geringe Forschungs- und Entwicklungsintensität der Unternehmen, verbunden mit einer geringen Lifelong Learning-Ausprägung auf ein im europäischen Vergleich hohes wissenschaftliches Niveau der Hochschulen. Ein geringer Bedarf an akademischen Abschlüssen in der regionalen Wirtschaft macht die Etablierung wissenschaftlicher Weiterbildung zu einer besonderen Herausforderung.[1]

Ein Transformationsprozess der Hochschule zur Etablierung von wissenschaftlicher Weiterbildung wird so zu einem Transformationsprozess für die gesamte Region, ihren Unternehmen und Beschäftigten hin zu mehr Forschung und Entwicklung durch Akademisierung. Wie soll das gelingen? Dies scheint bei den knappen Ressourcen einer Hochschule unmöglich.

Volkswirtschaftlich betrachtet ergibt sich aus demografischen Veränderungen, technologischen Entwicklungen und Globalisierung ein wachsender Bedarf an hoch qualifizierten Fachkräften. Ein möglichst hohes Bildungsniveau der Bevölkerung wird so zu einem wichtigen Erfolgsfaktor für die Zukunft. Im stetigen Wandel sollte sich dieses Bildungsniveau idealerweise fortlaufend an neue Aufgaben und sich ändernde Bedingungen in Wirtschaft, Technologie und Gesellschaft anpassen.

Die Aufgabe einer Hochschule besteht dabei darin, den Bildungsbedarf ihrer jeweiligen Region zu decken. Die Hochschulen in Sachsen-Anhalt haben aber die zusätzliche Herausforderung, die regionale Wirtschaft für den notwendigen Bildungsbedarf überhaupt zu sensibilisieren und Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Durch die vorhandene Wirtschafts- und Bevölkerungsstruktur mit rückläufigen Zahlen Erwerbstätiger[1] wird ein Bedarf an wissenschaftlicher Weiterbildung von den Zielgruppen nicht erkannt. In den „verlängerten Werkbänken“ stehen nur wenige Arbeitsplätze für Akademiker*innen zur Verfügung. Forschung und Entwicklung finden nicht in notwendigem Umfang statt. Soll die Region jedoch zukünftig nicht vollständig den Anschluss verlieren, ist auch hier eine höhere Qualifikation der Beschäftigten notwendig.

Um dies zu gestalten sind praktisch alle Handlungsfelder einer Hochschule, von A wie Alumniarbeit über F wie Finanzierung oder Z wie Zentrale Einrichtungen betroffen und durch die Politik zu ergänzen.

Im Förderprojekt „Weiterbildungscampus Magdeburg“ des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“, welches von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und der Hochschule Magdeburg-Stendal verantwortet wird, sollen drei Handlungsfelder tiefer beleuchtet werden, um so einen Beitrag für den ZUKÜNFTIGEN Transformationsprozess leisten zu können:

Handlungsfeld Bedarfsorientierung

Angebotsentwicklung bedeutet für die Hochschulen, sich mit aktuellen und zukünftigen Herausforderungen der Wirtschaft in der Region auseinander zu setzen und Antworten auf diese Fragen in Form von wissenschaftlicher Weiterbildung anzubieten. Der Weiterbildungscampus hat hierfür ein Netzwerk an Kooperationspartner*innen verschiedener Branchen der regionalen Wirtschaft ins Leben gerufen, das künftigen Entwickler*innen der Hochschule mit seiner Praxisexpertise zur Verfügung stehen kann. Zudem wird das Projekt zukünftigen Entwickler*innen mit anwenderfreundlichen Tools Hilfestellung geben, die Kundenseite besser zu verstehen und deren Bedarfe in Angebote zu übersetzen.

Handlungsfeld Didaktik

Aufgrund der geringen Akademisierung der Region ist nicht davon auszugehen, dass klassische Kohorten berufsbegleitend studieren werden, hier ist die Individualisierung von Angeboten bis zu einer Studierendenzahl von eins gefragt. Um aber individualisiertes Lernen zu ermöglichen, ist eine Digitalisierung der Lehre unumgänglich. Das Projekt Weiterbildungscampus hat hierzu einen ersten Prototyp im Flipped Classroom Konzept entwickelt und so erste Türen für die Digitalisierung der Lehre geöffnet. Um dies realisieren zu können, mussten nicht nur technische Voraussetzungen geschaffen werden. Ein wesentlicher Baustein ist es, Lehrende für die Chancen und Möglichkeiten der digitalen Lehre zu sensibilisieren und Widerstände zu überwinden. Weiterhin wurden die Lehrenden bei der Entwicklung erster Kurse begleitet und gemeinsam ein Entwicklungsweg gestaltet, der eine Übertragbarkeit dieser Prototypen ermöglicht.

Handlungsfeld Angebots- und Lernformat

Die weitere Ausgestaltung einer individualisierten Lehre, angenähert an eine Losgröße eins, führt unweigerlich auch zu einer Reorganisation der bestehenden Studienmöglichkeiten und damit der Neubestimmung des Verhältnisses von grundständigen und weiterführenden Programmen. Der Weiterbildungscampus wird hier zum Treiber der Ausgestaltung weiterer Onlineformate der Lehre, welche dann an der Schnittstelle von grundständiger Lehre und Weiterbildung zu neuen Formaten führen wird.

Folgt man diesem Gedankengang und nutzt die Digitalisierung der Lehre als ein Tool zur Individualisierung, führt diese Reorganisation zur Aufhebung der Trennung zwischen grundständiger Lehre und (wissenschaftlicher) Weiterbildung. Die Hochschule kann sich durch diese Öffnung dem Spannungsfeld zwischen akademischer Lehre und Weiterbildung entziehen, denn die Öffnung führt so zur Entgrenzung (Aufhebung der Grenze).[2] Heterogenität wird durch diese Form der Öffnung Studienalltag und Individualisierung durch Digitalisierung der Lehre eine mögliche Antwort. Erst so kann der Raum und die Möglichkeit geschaffen werden, lebenslanges Lernen durch wissenschaftliche Weiterbildung und betriebliche Praxis auch in strukturschwachen Gegenden zu verzahnen. Der Transformationsprozess der Hochschule wird so zum Treiber für einen Transformationsprozess der Region. Hier liegt es bei den Hochschulen, entsprechende Anrechnungsmodelle zu etablieren die es nicht-klassischen Studierenden ermöglichen Credit Points über einen längeren Zeitraum und, falls nötig, aus verschiedenen Fachrichtungen zu gängigen Abschlüssen aufzurechnen.

Kontakt

Dr. Ines Tetzlaff
Verbundmanagerin
E-Mail: ines.tetzlaff@ovgu.de
Telefon: 0391/6757-210

Weiterbildungscampus Magdeburg
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Standort Wissenschaftshafen
39106 Magdeburg
Niels-Bohr-Str. 1
Raum 111
39106 Magdeburg



[1] Gerdes, Theresa; Nögel, Lukas; Buhl, Claudia M.; Neugebauer, Kim & Shajek, Alexandra (2019). Wissenschaftliche Weiterbildung und Clusterinitiativen – Wie Clustermanagement-Organisationen bei der Entwicklung neuer Angebote unterstützen können. Berlin: Institut für Innovation und Technik.

[2] Damm et al. (2018). Öffnung der wissenschaftlichen Weiterbildung im Spannungsfeld von Entgrenzung und Begrenzung. In bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Ausgabe 3, 1-18.