Weiterbildungen zum „Schnuppern“ und zur Weiterqualifizierung – auf dem Weg zu einer systematischen Öffnung der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe

Ein Beitrag von Ulrich Wehner und Eva Kleß, Projekt Beyond School, 22.04.2020


Die systematische Öffnung der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe zur Professionalisierung pädagogischer Berufe in vorschulischen und außerschulischen Handlungsfeldern implizierte u. a. die Entwicklung und Implementierung von Zertifikatsmodulen im Rahmen des im Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ geförderten Projekts „Beyond School – Flexible Laufbahnen in pädagogischen Berufen“. In beiden pädagogischen Berufsfeldern („Frühpädagogik“ und „Sport-Gesundheit-Freizeitbildung“) besteht eine geringe Durchlässigkeit zwischen der Berufsausbildung und der Hochschulbildung. Durch das Angebot von Weiterbildungsmodulen auf Bachelor-Niveau haben Berufstätige die Möglichkeit, an wissenschaftlichen Weiterbildungen teilzunehmen und Bildungsinteressierte die Gelegenheit, „Hochschulluft“ zu schnuppern, um sich gegebenenfalls erfahrungsbasiert für ein Studium zu entscheiden. In diesem Fall besteht die Möglichkeit, sich das Zertifikat auf das Studium anrechnen zu lassen. Damit wird die Einstiegshürde bewusst niedrig angesetzt. Neben diesem Effekt tragen die Zertifikatsmodule generell zu einer stärkeren Verschränkung zwischen Hochschulbildung und Berufspraxis bei. Für Studierende, die bereits ein Bachelorstudium absolviert hatten, wurden auf Master-Niveau Zertifikatsmodule entwickelt und implementiert, die entweder zur Professionalisierung und Weiterqualifizierung genutzt oder auf einen möglichen Masterstudiengang anrechenbar sind. So wird eine Durchlässigkeit von der beruflichen Bildung bis hin zur Promotion unterstützt.

Insgesamt wurden im Bereich Frühpädagogik 10 Zertifikatskurse angeboten (vier auf Bachelor-Niveau, sechs auf Master-Niveau) und im Bereich Sport-Gesundheit-Freizeitbildung 13 Angebote (vier auf Bachelor-Niveau, neun auf Master-Niveau).

Die Nachfrage der Weiterbildungen hat deren Kapazität deutlich überschritten. Aus didaktischen Gründen wurde die angebotenen Plätze zum Teil auf 15 Personen pro Weiterbildungsangebot begrenzt. Insgesamt nahmen 397 Personen (120 Bachelor-Weiterbildung, 277 Master-Weiterbildung) an den wissenschaftlichen Weiterbildungen teil.

An zwei inzwischen vollfinanzierten Zertifikatsmodulen beteiligten sich bisher 41 Personen aus dem frühpädagogischen Arbeitsfeld und absolvierten das Zertifikatsmodul erfolgreich.

Unterstützung des Bund-Länder-Wettbewerbs

Bisher galten Lehre und Forschung als Kerngeschäft einer Hochschule. Durch die zunehmende Bedeutung des lebenslangen Lernens hat als dritte Säule die Weiterbildung immens an Bedeutung gewonnen. Deutlich zu kurz gegriffen ist dabei eine Definition von wissenschaftlicher Weiterbildung, die allein den Standort Hochschule sowie akademische Lehrenden umfasst. Den wissenschaftlichen Weiterbildungsbereich aufzubauen beinhaltet nicht nur die Planung, Durchführung und Evaluation von Weiterbildungsangeboten, sondern erfordert eine fundierte Auseinandersetzung mit den Zielen, Prinzipien und Standards wissenschaftlicher Weiterbildungen, mit grundsätzlichen Fragen der Leitbildgestaltung für den Weiterbildungsbereich, eine differenzierte Bedarfsanalyse im jeweiligen Handlungsfeld sowie eine enge Zusammenarbeit mit neuen und bereits bestehenden Hochschuleinheiten. Durch den Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: Offene Hochschulen“ konnten diese umfangreichen konzeptionellen und strukturellen Aufgaben entwickelt und bearbeitet werden. Die Evaluation von neu geschaffenen Strukturen und Inhalten bildet eine exzellente Basis und ein vorbildhaftes Muster für die Entwicklung zukünftiger Weiterbildungsmodule.

Grenzen weiten und überwinden

Im Hinblick auf den Ausbau von wissenschaftlichen Weiterbildungen wäre es erstrebenswert, dass die drei Säulen Lehre, Forschung und Weiterbildung in Zukunft organisational noch sehr viel stärker gleichberechtigt nebeneinander existieren und systematisch miteinander verbunden sind. Auf dem Weg dahin bedarf es einer deutlichen Etablierung des Weiterbildungsangebots mit passender Hochschulinfrastruktur und einer zunehmenden Anerkennung von Lehre und Weiterbildung im Hochschulkontext. Zukunftsweisend werden im Weiterbildungsbereich im frühpädagogischen Feld didaktisch innovative Formate erschlossen und implementiert. Bisher wurden die wissenschaftlichen Weiterbildungen im Präsenzformat mit Selbstlernanteilen (Praxisaufgabe) zwischen den Weiterbildungsblöcken durchgeführt. Hier sollen zukünftig, analog zu neuen Lehrformen, ebenfalls neue Lernformate erprobt werden. Dies könnten im Feld der Frühpädagogik zeitlich umfassendere Weiterbildungen sein, die durch einen höheren Reflexions- und Transferanteil eine deutlichere Verzahnung von Theorie und Praxis in Form von Blended-Learning-Formaten aufweisen, um so ein individuell angepasstes Lernen zu ermöglichen.

Neben der Erprobung des Weiterbildungsbereiches umfasst die Zielsetzung des Projekts „Beyond School“ auch die Anrechnung von außerhochschulisch erworbenen Kompetenzen, den Ausbau von Selbstlernarchitekturen in der Lehre sowie die Flexibilisierung der Studiengänge „Pädagogik der Kindheit“ und „Sport-Gesundheit-Freizeitbildung“. Die Umsetzung dieser Ziele stellte das Projektteam sowohl auf Studiengangs- als auch auf Hochschulebene stellenweise vor große Herausforderungen.

Mit der Flexibilisierung von Hochschulstrukturen, die über Anrechnungsverfahren divergente biografische Voraussetzungen berücksichtigt und über flexiblere Studienformate unterschiedlichen Lebensstilen und Bedarfen (Berufstätigkeit und Familienstand) Rechnung trägt, stößt das Projekt in zwei Hinsichten an Grenzen:

  • Zum ersten, wenn ein mehr an Aufmerksamkeit für einzelne Studierende über die Projektdauer hinaus kostenneutral organisiert werden muss. Diesbezüglich haben wir im Projekt durch gezielte Vorarbeiten (etwa pauschalisiertes Anrechnungsverfahren) Vorsorge getroffen, den Arbeitsaufwand zur Einhaltung der Projektziele über die Projektzeit hinaus zu minimieren. Ungleich schwieriger gestaltet sich die Arbeit im Projekt, wenn das Vorhaben der Flexibilisierung mit Zeiten zusammenfällt, in denen sich Hochschulen aus finanziellen Gründen genötigt sehen, Plätze in bestehenden Studiengängen zu reduzieren. Wird die Anzahl von Studienplätzen in Studiengängen reduziert, führt dies unweigerlich zu einem gewissen Rückgang an Flexibilität. Positiv gewendet zeigt sich, dass selbst in kleinen Strukturen viel Potential zur Flexibilisierung steckt. Die quantitative Größe von Strukturen erweitert den Spielraum der Flexibilisierung. Grundsätzlich aber bergen die herkömmlichen Strukturen an Hochschulen in allen Größenordnungen Potential zur Flexibilisierung.
  • Zum zweiten, das Ziel der Durchlässigkeit vom Beruf zur Promotion durch die Implementierung von Masterstudiengängen gelangte auf Hochschulebene an Grenzen, da die Hochschule hochschulpolitisch nicht in der Lage war, mit ihrem finanziellen Etat, wie im Antrag anfänglich visionär angedacht, neue konsekutive Masterstudiengänge zu implementieren. Da half auch ein stimmiges Konzept mit Bedarfs- und Marktanalysen nicht viel weiter.

Letztlich konnten zwar alle im Antrag formulierten Ziele eingelöst werden, doch hätte das Projekt in günstigeren Zeiten mit dem Rückenwind einer finanzstarken Hochschule über die Projektzeit hinaus in noch größerem Umfang Akzente setzen können.

Auch mit diesen Wehmutstropfen wird das Projekt „Beyond School“ im Bund-Länder-Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ im Studiengang und an der Hochschule richtungsweisende Errungenschaften hinterlassen. Organisational, konzeptionell und didaktisch sind Bedarfe von nichttraditionell Studierenden bis in das Feld der akademischen Weiterbildung hinein über die im Projekt weiterentwickelten Studiengangstrukturen hinaus in den Fokus der gesamten Hochschule gerückt.  

Kontakt

Prof. Dr. Ulrich Wehner | wehner@ph-karlsruhe.de
Dr. Eva Kleß | kless@ph-karlsruhe.de
Projektwebsite: https://www.ph-karlsruhe.de/projekte/beyond-school