Wer lehrt in der wissenschaftlichen Weiterbildung?

Ronja Vorberg und Uwe Wilkesmann, wissenschaftliche Begleitung, 25.03.2020

Ausgangssituation – auf der Suche nach der Grundgesamtheit

Um (Studien-)Angebote wissenschaftlicher Weiterbildung (wWB) an den Hochschulen erfolgreich etablieren zu können, müssen die passenden Lehrenden für diese Aufgabe gefunden und im besten Fall sogar für ein längerfristiges Lehr-Engagement gewonnen werden. Um diese Lehrenden anschließend optimal in ihrer Tätigkeit unterstützen zu können und zu gewährleisten, dass die (Studien-)Angebote der wWB auch auf lange Sicht erfolgreich bestehen können, ist es wichtig zu wissen, mit wem genau man es zu tun hat. Es gab und gibt immer wieder viele Personen, die sich als Lehrende in der wWB engagieren. Wer ist das aber genau und wodurch zeichnet sich diese Gruppe aus? Inwiefern unterscheidet sich diese Gruppe von den Personen, die in grundständigen (Studien-)Angeboten lehren?

Datengewinnung – Konstruktion einer Stichprobe

Diesen Fragen sind wir im Rahmen der Forschungsaktivitäten der wissenschaftlichen Begleitung an der Technischen Universität Dortmund nachgegangen, indem wir wWB-Lehrende befragt haben. Unsere Daten wurden durch zwei Erhebungen in der Zeit von April 2017 bis Dezember 2018 gewonnen. Außerdem haben wir unterschiedliche Wege genutzt, um möglichst viele wWB-Lehrende befragen zu können. Innerhalb der ersten Erhebung im Jahre 2017 wurden die wWB-Lehrenden aus den Projekten des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: Offene Hochschulen“ befragt. Für die zweite Erhebung, die im Jahr 2018 stattfand, wurde zunächst ein E-Mail-Verteiler der Deutschen Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium (DGWF) verwendet, über den die DGWF-Mitglieder kontaktiert wurden. Anschließend wurde ein selbst recherchierter E-Mail Verteiler aller Studiengangsleiter*innen in der wWB an staatlichen Hochschulen im Jahr 2018 genutzt. Insgesamt konnten 549 Lehrende der wWB befragt werden, die somit zusammen unser Sample bilden. Wir haben bisher leider keine Daten über die Grundgesamtheit aller wWB-Lehrenden, außerdem stellt unser Sample keine echte Zufallsauswahl aus der Grundgesamtheit dar, sodass wir keine belastbaren Aussagen über die Repräsentativität machen können. Aufgrund der Größe des Samples vermuten wir jedoch, dass systematische Verzerrungen ausgeschlossen sind.

Gemeinsamkeiten oder Unterschiede? – ein Vergleich mit den grundständig Lehrenden

Zur Charakterisierung der wWB-Lehrenden haben wir unser Sample zunächst einmal beschrieben und dabei die Kategorien Alter, Geschlecht und Fachrichtung sowie Anstellungsverhältnis und Hochschulart betrachtet. Dadurch konnten wir erste Erkenntnisse darüber gewinnen, was die Gruppe der Befragten auszeichnet. Um ein noch besseres Verständnis erlangen zu können, haben wir anschließend einen Vergleich zwischen unserem Sample und den Lehrenden der grundständigen Lehre angestellt. Zusätzlich zu den Daten aus unserer Befragung haben wir daher Daten verwendet, die durch das Statistische Bundesamt (destatis) bereitgestellt werden. Genauer handelt es sich dabei um Daten, die das Personal an Hochschulen im Jahr 2017 abbilden.[1] Es wird hier das wissenschaftliche Personal aufgeführt, das aus Haushaltsmitteln der Hochschulen bezahlt wird und das dementsprechend grundständige Lehre durchführen muss. Diese Personen bilden unsere Grundgesamtheit der grundständig Lehrenden, mit denen unser Sample verglichen wurde. Die Ergebnisse des Vergleichs beider Gruppen werden im Folgenden dargestellt.

Ergebnisse – eine erste Charakterisierung


Tabelle 1: Vergleich Sample und grundständige Lehre (Quelle: eigene Darstellung)

Tabelle 1: Vergleich Sample und grundständige Lehre (Quelle: eigene Darstellung)
 
Während die Lehrenden des grundständigen Bereiches durchschnittlich 42,1 Jahre alt sind, liegt dieser Wert bei den wWB-Lehrenden unseres Samples bei 49 Jahren, womit sie durchschnittlich 6,9 Jahre älter sind als unsere Vergleichsgruppe aus der grundständigen Lehre.

Mit einem Anteil von 38,9 Prozent arbeiten zudem 4,2 Prozent mehr Frauen in der grundständigen Lehre als in unserem Sample (34,7 Prozent).

Ein Vergleich der beiden Gruppen in Bezug auf die Fachzugehörigkeit verdeutlicht, dass die Lehrenden unseres Samples in anderen Fächern lehren als die grundständig Lehrenden. In der wWB-Lehre unseres Samples liegt der Schwerpunkt auf den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, gefolgt von den Ingenieurwissenschaften und den Geisteswissenschaften. In der grundständigen Lehre wird vor allem in der Humanmedizin und den Gesundheitswissenschaften sowie ebenfalls in den Ingenieurwissenschaften und darüber hinaus auch in der Mathematik und den Naturwissenschaften gelehrt.

Die Ergebnisse unserer Untersuchung zeigen, dass zudem eine Differenz bezüglich des Anstellungsverhältnisses besteht. Während die wWB-Lehrenden unseres Samples an erster Stelle Professor*innen (42,3 Prozent) und erst an dritter Stelle Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen (17,2 Prozent) sind, sind es in der grundständigen Lehre mit einem deutlichen Abstand die Wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen (75,37 Prozent), die die Hauptlast der Lehre tragen. Die Professor*innen folgen erst mit einem deutlichen Abstand und einem Anteil von 19,07 Prozent.

Während die Befragten unseres Samples zum überwiegenden Teil an Fachhochschulen (55,47 Prozent) beschäftigt sind, sind die grundständig Lehrenden unserer Vergleichsgruppe mit 82,57 Prozent überwiegend an Universitäten beschäftigt.

Bezüglich der Frage, was es für Personen sind, die in der wWB lehren, lassen sich durch unsere Ergebnisse nun die folgenden Erkenntnisse zusammenfassen:

  • wWB-Lehrende haben ein eher fortgeschrittenes Alter von 49 Jahren;
  • sie kommen vor allem aus den Bereichen der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften;
  • sie sind zum Großteil Professor*innen, was u. a. darauf zurückzuführen ist, dass sie eher an Fachhochschulen als an Universitäten arbeiten;
  • sie stehen überwiegend nicht am Anfang ihrer Karriere, sondern haben sich bereits einen Namen in der Wissenschaft gemacht.

Und nun? – Empfehlungen für die Hochschulpraxis

Die durch die Erhebung gewonnenen Erkenntnisse können nun dafür genutzt werden, die Interaktion mit wWB-Lehrenden in der Hochschulpraxis zu erleichtern. Dies bezieht sich sowohl auf die Gewinnung der Lehrenden als auch darauf, sie für ein längerfristiges Engagement im Bereich der wWB an die Hochschule zu binden, indem sie optimal in ihrer Tätigkeit unterstützt werden können. Die folgenden Ideen können als Denkanstöße dienen:

  • Das Wissen darüber, dass die wWB-Lehrenden ein eher fortgeschrittenes Alter haben, sich nicht am Anfang ihrer Karriere befinden und sich vermutlich bereits einen Namen in der Wissenschaft gemacht haben, gibt Hinweise darauf, dass die Lehrenden wahrscheinlich bereits über sehr viel Lehr-Erfahrung und einen großen Pool an didaktischen Konzepten verfügen, aus denen sie seit Jahren schöpfen. Einerseits ist dies ein Vorteil. Andererseits ist es möglich, dass die Lehrenden gerade aufgrund ihrer langen Erfahrung festgelegt sind, was ihre didaktische Gestaltung angeht. Auf jeden Fall sind es Personen mit viel Erfahrung, die auch als solche behandelt werden wollen. Ebenso ist die Erkenntnis wichtig, dass die Lehrenden in der wWB sich nicht (mehr) in der Wissenschaft etablieren müssen, sondern die Lehre in der wWB übernehmen, weil sie z. B. besonders gerne mit Personen aus der Praxis Kontakt haben.
  • Es existiert eine besondere Gruppe, nämlich Professor*innen, insbesondere aus Fachhochschulen, die in der wWB-Lehre engagiert sind. Aufgrund ihrer Stellung und ihres Praxisbezugs haben sie eine besondere Affinität zur wWB. Dies könnte hochschulpolitisch gestärkt werden.

 

Weiterführende und ganz praktische Empfehlungen zur Interaktion mit wWB-Lehrenden in der Hochschulpraxis lassen sich in der Handreichung „Strategien der Motivierung und Rekrutierung von Lehrenden in der wissenschaftlichen Weiterbildung“ finden, die von der wissenschaftlichen Begleitung herausgegeben wurde. Eine Hilfe zur Identifizierung der aktuellen Lehrmotivation von wWB-Lehrenden an der eigenen Hochschule bietet das „Analyse-Tool für die Lehrmotivation in der wissenschaftlichen Weiterbildung“, das ebenfalls von der wissenschaftlichen Begleitung entwickelt wurde.

Kontakt

Ronja Vorberg
Mitarbeiterin der wissenschaftlichen Begleitung
TU Dortmund | Zentrum für HochschulBildung
E-Mail: ronja.vorberg@tu-dortmund.de

Prof. Dr. Uwe Wilkesmann
Mitglied im Leitungsteam der wissenschaftlichen Begleitung
TU Dortmund | Zentrum für HochschulBildung
E-Mail: uwe.wilkesmann@tu-dortmund.de

Literatur

Wissenschaftliche Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ (2020). Analyse-Tool für die Lehrmotivation in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Abgerufen von https://de.offene-hochschulen.uni-oldenburg.de/themen/analyse-tool-lehrmotivation

Statistisches Bundesamt (destatis) (2017). Personal an Hochschulen 2017, Fachserie 11, Reihe 4.4. Abgerufen von https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Publikationen/Downloads-Hochschulen/personal-hochschulen-2110440177004.pdf?__blob=publicationFile

Wagner, Olga; Vorberg, Ronja; Schmitz, Ernestine & Wilkesmann, Uwe (2020). Strategien der Motivierung und Rekrutierung von Lehrenden in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Handreichung der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs "Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen". Abgerufen von http://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0111-pedocs-183189


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