Wie heterogen ist die Studierendenschaft?

Ein Beitrag von Sigrun Nickel und Anna-Lena Thiele

„Heterogenität“ ist ein Schlagwort, das derzeit häufig im Diskurs über die Reform des deutschen Hochschulsystems verwendet wird. Aber was genau ist damit gemeint? Der vorliegende Artikel beleuchtet die aktuellen Entwicklungen in diesem Feld anhand prägnanter empirischer Befunde.[1]

Was genau ist mit dem Begriff „Heterogenität von Studierenden“ gemeint? Auf diese Frage gibt es, wie so oft, keine eindeutige Antwort. Generell handelt es sich bei Heterogenität „(…) um eine zeitliche begrenzte, zugeschriebene Uneinheitlichkeit, die zwischen Mitgliedern oder Teilen von Mitgliedern einer Gruppe bezogen auf ein oder mehrere Kriterien besteht“ (Wielepp, 2013, S. 364). Deren Analyse kann also entlang unterschiedlicher Kategorien erfolgen, welche vom jeweiligen Erkenntnisinteresse abhängen. Ein Blick auf die vorliegende Literatur und Datenlage zeigt, dass vor dem Hintergrund der individuellen und politischen Triebkräfte für eine weitere Öffnung der Hochschulen bestimmte Diversitätsdimensionen von besonderem Interesse sind (Middendorff et al., 2017, Wolter & Geffers 2013). Abbildung 1 greift deshalb die derzeit am häufigsten betrachteten Kategorien auf und gibt einen Überblick über die Anteile entsprechender Untergruppen an der gesamten Studierendenschaft in Deutschland. Dabei werden Ergebnisse aus drei zentralen, nationalen Erhebungen zusammengeführt.

Heterogenität der Studierendenschaft
Abbildung 1: Anteile innerhalb der Studierendenschaft in Deutschland nach Heterogenitätsmerkmalen. Quelle: CHE Centrum für Hochschulentwicklung auf Basis von Daten aus Middendorff et al.2017, Nickel & Schulz 2017, Statistisches Bundesamt 2017.
Relativ geringe Anteile weisen neben den Studierenden ohne allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife die Teilnehmenden in hybriden Studienformen auf, welche eine direkte Verbindung von beruflicher Bildung bzw. Erwerbstätigkeit mit der akademischen Bildung ermöglichen. Studienangebote, die in Teilzeit, berufsbegleitend oder dual angeboten werden, bilden nach wie vor nur ein kleines Segment im deutschen Hochschulsystem. Es gibt allerdings eine unterschiedliche Entwicklungsdynamik sowohl der einzelnen Studienformen als auch innerhalb der Hochschultypen. So expandiert vor allem das Bachelorstudium an deutschen Fachhochschulen in Richtung einer intensiveren Verbindung von Beruf und Studium. Im Jahr 2016 trug hier be­reits fast ein Drittel der grundständigen Angebote das Etikett „dual“ und rund 12 Prozent firmierten unter dem Label „berufsbegleitend“ (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016, Tabelle F1-4web). Im Master-Bereich der anwendungsorientierten Hochschulen bietet sich dagegen ein diametral entgegengesetztes Bild. Hier dominieren mit knapp 22 Prozent die berufsbegleitenden Angebote, und die dualen machen nur etwas über fünf Prozent aus. Gänzlich anders stellt sich die Situation an den deutschen Universitäten dar. Hier überschreiten im Jahr 2016 die Anteile der dualen und berufsbegleitenden Studien­angebote an keiner Stelle die Fünf-Prozent-Marke, sondern liegen größtenteils erheblich darunter.

Darüber hinaus zeigt sich, dass größere Unterschiede in Abhängigkeit der Trägerschaft von Hochschulen bestehen. Auffällig ist insbesondere, dass Fachhoch­schulen, zumal diejenigen in privater Trägerschaft, ein differenzierteres Studienangebot vor­halten als Universitäten. Auch ist der Anteil berufsbegleitender und dualer Studiengänge im Portfolio der privaten Fachhochschulen um ein Vielfaches höher als bei ihren staatlichen Pendants. So waren im Jahr 2016 in den staatlichen Fachhochschulen sechs Prozent der Bachelorstudiengänge und 15 Prozent der Masterstudiengänge berufsbegleitend organisiert. Im Studienangebot des privaten Fachhochschulsektors lagen die Anteile dagegen bei 33,2 und 50,1 Prozent (ebd.). Das deutlich offensivere Zugehen privater Hochschulen auf heterogene Zielgruppen liegt vor allem darin begründet, dass diese – anders als ihre staatlichen Gegenüber – auf Einnahmen durch Studiengebühren angewiesen sind: „Private Hochschulen, die deutlich überdurchschnittlich atypische Studierende gewinnen, setzen als Gesamtinstitution auf ein klares und offensiv kommuniziertes Hochschulprofil sowie auf der Studiengangsebene auf Angebote, die gezielt Nischen besetzen und Marktlücken schließen“ (Engelke, Müller & Röwert, 2017, S. 34).

Eine vergleichsweise ausgeprägte Diversität der Studierenden wird in Abbildung 1 bezogen auf die Lebenssituation vor der Erstimmatrikulation deutlich. Demnach haben 22 Prozent der Studierenden vor dem Studium eine berufliche Ausbildung abgeschlossen. Interessant ist, dass auch hier deutliche Differenzen nach Hochschultyp beobachtbar sind. Während insgesamt 36 Prozent der Studierende an einer Fachhochschule vor Studienbeginn eine Berufsausbildung abgeschlossen hat, liegt deren Anteil an Universitäten lediglich bei 14 Prozent. Bemerkenswert ist auch, dass fast zwei Drittel der Studierenden mit abgeschlos­sener Berufsausbildung einen nicht-akade­mischen Bildungshintergrund besitzen (Middendorff et al. 2017, S. 29-30).

Was die soziale Herkunft anbelangt, zeigt sich, dass fast die Hälfte aller deutschen Studierenden aus einer Familie stammt, in der die Eltern einen niedrigen bis mittleren Bildungsabschluss haben, wobei der Anteil der Eltern mit mittleren Bildungsabschlüssen dreimal so hoch ist wie der der Eltern mit niedrigen Bildungsabschlüssen (ebd., S. 27). Auch hier lassen sich Unterschiede zwischen den Hochschultypen feststellen: An Fachhochschulen ist der Anteil Studierender aus einer Familie, in der Vater und Mutter ein Hochschulstudium abgeschlossen haben, etwa halb so groß wie an Univer­sitäten (ebd., S. 28). Darüber hinaus besitzt ein Fünftel der an deutschen Hochschulen eingeschriebenen Studierenden einen Migrationshintergrund (ebd., S. 32). Von diesen Personen sind 71 Prozent in Deutschland und 29 Prozent in einem anderen Staat geboren. Ein prägnanter Befund ist in diesem Zusammenhang die starke Unterrepräsentanz von Personen mit Migrationshintergrund im dualen Studium (Nickel & Püttmann, 2015, S. 62-65). Hier spielt die Gatekeeper-Funktion der Kooperationsunternehmen eine entscheidende Rolle. Da im dualen Studium in der Regel die Arbeitgeberseite entscheidet, wer aufgenommen wird und wer nicht, ist der niedrige Anteil von Personen mit Migrationshintergrund im Wesentlichen auf deren Personalrekrutierung zurückzuführen. 

Die mit Abstand größte Gruppe bilden die Studierenden, die parallel zum Studium erwerbstätig sind. Mehr als zwei Drittel gehen einem Nebenjob nach (Middendorff et al., 2017, S. 60). Dabei lassen sich geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen: Stu­dentinnen arbeiten insgesamt häufiger als Studenten neben dem Studium (70 Prozent vs. 66 Prozent). Diese Relation besteht bis zum 30. Lebensjahr und kehrt sich danach um, was u. a. mit Prozessen der Familien­gründung zusammenhängt. Im Falle einer Eltern­schaft kommen bei Studierenden offenbar häufig traditionelle Rollenmuster zum Tragen, d. h. Studen­ten gehen vermehrt einer Erwerbstätigkeit nach, um den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen, während die Studentinnen eher die Familienarbeit übernehmen (ebd., S. 62).

Insgesamt lässt sich also feststellen, dass die Studierendenschaft an deutschen Hochschule unter bestimmten Gesichtspunkten betrachtet bereits schon sehr heterogen ist. Besonders fällt dabei die ausgeprägte Tendenz auf, das Studium mit einer beruflichen Ausbildung, einer beruflichen Tätigkeit oder einem Nebenjob zu verbinden. Diese Entwicklung wird aller Wahrscheinlichkeit nach anhalten und es ist infolgedessen auch damit zu rechnen, dass die Diversität der Studierenden eher zu- als abnehmen wird. Daher besteht eine zentrale Herausforderung für die Hochschulen darin, Bildungsangebote zu machen, die dieser Situation gerecht werden. Ob sie das immer wollen, steht auf einem anderen Blatt. Ein wichtiger und bislang unbeantworteter Diskussionspunkt ist deshalb, ob Fachhochschulen und Universitäten dieser Aufgabe tatsächlich in gleicher Weise nachkommen sollten und welche Rolle die Profilbildung einzelner Hochschulen dabei spielen könnte.

Literatur



[1] Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Beitrag „Öffnung der Hochschulen für alle? Befunde zur Heterogenität der Studierenden“ aus dem Sammelband „Akademische und berufliche Bildung zusammen denken. Von der Theorie zur Praxis einer offenen Hochschule“, welcher aus einem Projekt der ersten Wettbewerbsrunde des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ hervorgegangen ist. Die Publikation steht ab Ende September als Open Access unter folgendem Link zur Verfügung: www.waxmann.com/buch3691.


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