Wie lernen wir in Zukunft?

Das Projekt Hamburg Open Online University (HOOU)

Interview mit Kerstin Mayrberger, Redaktion wissenschaftliche Begleitung, 18.04.2018

Was ist die HOOU und wie funktioniert sie?

Unter dem Slogan „Wie lernen wir in Zukunft?“ möchten die Hamburger Hochschulen einen eigenen Beitrag zur Gestaltung der Hochschullehre von morgen unter den Bedingungen der Digitalisierung leisten. Die Hamburg Open Online University (HOOU) ist ein hochschulübergreifendes Projekt, welches durch das Netzwerk aus den sechs staatlichen Hamburger Hochschulen, der Technischen Universität Hamburg (TUHH), der Universität Hamburg (UHH) mit Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), der HafenCity Universität (HCU), der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg), der Hochschule für Bildende Künste (HFBK) und der Hochschule für Musik und Theater (HFMT), der Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung (BWFG), der Senatskanzlei sowie dem Multimedia Kontor Hamburg (MMKH) getragen wird (siehe Projektwebsite). Das Gesamtkonzept der HOOU (siehe Abbildung 1) wird regelmäßig in einer gemeinsamen Lenkungsgruppe abgestimmt und äußert sich vor allem im sogenannten Markenkern, der für alle beteiligten Hochschulen den Rahmen darstellt, die Idee der HOOU passend zur eigenen Institution vor Ort mit Blick für das Ganze zu realisieren (vgl. für die Universität Hamburg).

An welche Zielgruppen bzw. AdressatInnen richtet sich die HOOU?

Einer der leitenden Rahmenpunkte ist der Zugang zu wissenschaftlich fundierten Inhalten für neue Zielgruppen. So sollen durch eine Anbindung von wissenschaftlichen Fragestellungen an größere zivilgesellschaftlich relevante Themen mittels der öffentlich zugänglichen HOOU-Lernangebote auf der HOOU.de-Plattform neben Studierenden auch grundsätzlich BürgerInnen jeder Alters- und Interessensgruppe mit erst einmal jeglichem fachlichen Bezugsrahmen angesprochen werden, die Interesse und Lust haben, sich auf akademischem Niveau problemorientiert zu aktuellen Fragestellungen auszutauschen und zu lernen. Die vielfältigen Perspektiven einer diversen Lernendengruppe werden hier als eigener Wert betrachtet.

Wie entwickelt sich die HOOU seit ihrer Einführung im September 2014 hinsichtlich der Zusammenarbeit der Hamburger Hochschulen zur Entwicklung innovativer digitale Lernformate?

Die HOOU wurde nach einer konzeptionellen Vorphase seit Anfang 2014 offiziell im Herbst 2014 durch eine Keynote des damaligen Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz (siehe Video) angestoßen. Von da an wurde ein Drei-Phasen-Modell verfolgt, in dem stetig und parallel vor allem kulturelle, didaktische, technische und rechtliche Ebenen ausgearbeitet und erprobt wurden. So startete die HOOU mit einer Vorprojektphase 2015-2016 (siehe ausführliche Dokumentation „HOOU Content Projekte“) und befindet sich derzeit in der Projektphase 2017-2018, bevor es ab 2019 hoffentlich in die nächste Förderphase gehen wird, die einer Institutionalisierung dienen soll. Für die Öffentlichkeit ist die HOOU seit Herbst 2017 sichtbarer und in einer Beta-Version der HOOU.de-Plattform greifbarer geworden. Seitdem werden unter https://www.hoou.de/ stetig weitere Projekte auf der Plattform eingestellt. Parallel dazu werden Anforderungen an die technische Entwicklung der Plattform aus der Praxis der Migration und Mediengestaltung herausgezogen, so dass sich die HOOU.de-Plattform in einem iterativen, agilen Vorgehen entwickeln wird.

Welche Entwicklungen können Sie seit der Einführung der HOOU hinsichtlich der Nutzung durch Studierende und die interessierte Öffentlichkeit beobachten? Welche Angebote werden genutzt bzw. sind besonders gefragt?

Alle bisher auf der HOOU eingestellten Angebote kann man sofort auf der HOOU.de-Plattform ausprobieren. Die meisten Angebote sind zuerst im Rahmen von herkömmlichen Lehrveranstaltungen eingesetzt und erprobt und nun zusätzlich, parallel oder nachgelagert über die HOOU.de-Plattform geöffnet worden. Derzeit wird an einem Bewertungssystem für die Nutzenden gearbeitet, damit besonders gefragte Angebote hervorgehoben aufgeführt werden, wie man es auch sonst bei der Nutzung von Online-Angeboten kennt. Eine weitere Idee ist ein Empfehlungssystem, das individuell entlang bisheriger Interessen mögliche Lernangebote vorschlägt im Sinne von „Lernende, die sich für das Lernangebot X interessieren oder mitgemacht haben, haben auch das Lernangebot Y durchgeführt“. Besonderer Beliebtheit erfreut sich das „eManual alte Geschichte“, welches sowohl in der breiten Öffentlichkeit, als auch in der Fachcommunity und von Schulen zur Unterrichtsgestaltung verwendet wird. In der derzeitigen Projektphase werden einzelne Lernangebote vorwiegend in der Hochschullehre miteingesetzt und werden in Kürze auf der HOOU.de-Plattform bereitgestellt. Seitens der Universität Hamburg werden beispielsweise gerade zusammen mit den Lehrenden und Studierenden neue HOOU-Lernangebote sowohl zur Gesundheitsförderung als auch zu Augmented Reality entwickelt und demnächst auf der HOOU.de-Plattform eingestellt (vgl. exemplarisch die aktuell in der Entwicklung befindlichen Projekte der UHH@HOOU für die HOOU.de-Plattform unter https://www.hoou.uni-hamburg.de/hoou-projekte-uhh.

Digitalisierung ist für die Öffnung von Hochschulen eine Herausforderung auf vielen Ebenen. Welchen Beitrag leistet die HOOU zur Öffnung der Hochschule bzw. zur Mitgestaltung von Digitalisierung an Hochschulen?

Die HOOU leistet sicher in erster Linie einen Beitrag zur Öffnung der Hochschule bzw. zur Mitgestaltung von Digitalisierung in der Lehre, indem sie didaktisch, technisch und kulturell von Beginn an auf ein Konzept der Lernendenorientierung setzt und damit versucht, in allen Bereichen konsequent abzubilden und zu ermöglichen. Ebenso nimmt die HOOU selbst die Aufgabe für sich an, bekannte Herausforderungen anzugehen und über die gemachten Erfahrungen immer wieder öffentlich zu berichten, um auch andere Initiativen zu ermutigen, aber auch am Wissen und Erfahrungsschatz teilhaben zu lassen, damit nicht jede Erfahrung doppelt gemacht wird. Hier ist z. B. der Gedanke einer gelingenden Hochschulkooperation zu nennen, die dennoch Raum für die Eigenheiten der Hochschultypen lässt, das stetige Engagement für einen Kulturwandel und die Auseinandersetzung und (praktischen) Umgangsweisen mit der technischen, didaktischen und vor allem rechtlichen Realisierungen des Anspruchs, offene und frei zugängliche Bildungsinhalte als Lernangebote zur Verfügung zu stellen – also der Idee von Open Education in Bezug auf Open Educational Ressources (OER) sowie einer Open Educational Practice (OEP) zu folgen.

Ein Beispiel für die Kultivierung einer OEP und Awareness für Openness an der Universität Hamburg stellt das seit 2017 etablierte projektübergreifende „openLab“ dar, das sich vor allem aus der OER-Werkstatt im Rahmen des BMBF-Projekts SynLLOER sowie dem MediaLab der HOOU@UHH heraus entwickelt hat. Es bietet einen ersten zentralen Anlaufpunkt für den persönlichen Austausch sowie den virtuellen Support mit und über OER (siehe http://openlab.blogs.uni-hamburg.de/). Es soll stetig im Sinne seiner Grundidee (siehe Beitrag zum openLab) weitergedacht und weitergemacht werden, beispielsweise in Richtung eines „mobile openLabs“ oder durch Etablierung von Veranstaltung mit dem Charakter eines Digital Salons. Durch die Vernetzung und den Austausch gerade mit anderen Projekten, die im Bereich Open Education mit OER und OEP aktiv sind, lässt sich die Idee einer Mitgestaltung von Digitalisierung an den Hochschulen durchaus auch für Lehrende in der HOOU ein Stück weit (mit)erleben.

Wie zentral sind open educational ressources für die HOOU? Entwickelt die HOOU dahingehend die zentralen Strategien für alle Hamburger Hochschulen oder erstmal nur für sich?

Der Anspruch, offene Bildungsmaterialien in der HOOU möglichst im Sinne „echter OER“ zu entwickeln, entspricht der HOOU-Leitidee und sollte den Regelfall darstellen. Die beteiligten Hamburger Hochschulen erhalten gesondert HOOU-Fördergelder, damit OER in den Hochschulen entwickelt, erprobt und evaluiert werden.

In der HOOU sprechen wir von umfassenderen „HOOU-Lernangeboten“, die sich aus „HOOU-Materialien“ aggregieren. Materialien sollen möglichst im Sinne einer „echten OER“ entwickelt werden, wie sie in der Fachcommunity derzeit beispielsweise mit der Definition der UNESCO-Kommission verbunden wird. Dennoch zeigt sich in der Praxis, dass gerade auch dem in der OER-Community viel diskutierten Problem der Frage der kommerziellen Nutzung freier Inhalte auch in diesem Kontext eine wichtige Bedeutung für die Akzeptanz beizumessen ist und kontrovers diskutiert wird. In der HOOU gibt es dazu eine stetige Diskussion zum OER-Verständnis der Materialien und HOOU-Lernangeboten, deren Zwischenstand hier zu lesen ist.

Es gibt eine Strategie „Digitale Stadt“ der Freien und Hansestadt Hamburg, in der die HOOU für den Bildungsbereich im Rahmen einer Drucksache für die Bürgerschaft in 2015 benannt ist (siehe Dokument „Digitales Lehren und Lernen an den staatlichen Hamburger Hochschulen“). Dieser Gesamtansatz dient den Hochschulen als Referenz für ihre je eigenen Digitalisierungsstrategien.

Inwieweit ist die HOOU in (hochschul)politische Debatten des Landes Hamburg bezüglich Digitalisierungsstrategien eingebunden?

Die HOOU wird von einer Lenkungsgruppe strategisch gesteuert, die neben VertreterInnen aus den Hochschulen und dem MMKH auch VertreterInnen der BWFG und der Senatskanzlei hat. Dieser enge Austausch und darüber hinaus, teilweise in Personalunion in den sogenannten Schwesterprojekten „Hamburg Open Science“ oder das Informatik-Kooperationsprojekt „ahoi.digital“, ermöglicht eine relativ enge Einbindung in Debatten zu Strategien zur Digitalisierung in der FHH.

Wie gestaltet sich die Kooperation zwischen der HOOU und dem Multimedia Kontor Hamburg (MMKH)?

Das MMKH ist gleichberechtigter Partner im Netzwerk und unterstützt die Hochschulen in zentralen Aufgaben wie der Kommunikation, Support und beheimatet derzeit das zentrale Entwicklungsteam der Plattform.

Ein Ausblick: Wie geht es weiter mit der HOOU? Welche (Weiter)Entwicklungen sind geplant?   

Die HOOU ist als langfristiges Projektvorhaben ausgelegt und will weiterhin auch ein Experimentierfeld für zukünftige Lernformen darstellen. Daneben sind gerade in diesem Jahr aber auch ganz fundierte Entscheidungen hinsichtlich einer Institutionalisierung zu treffen, hinsichtlich der weiteren Finanzierungsmodi, hinsichtlich der Qualitätssicherung und vor allem hinsichtlich der Modalitäten für die Öffnung für PartnerInnen über die sechs staatlichen Hochschulen Hamburgs einschließlich dem UKE hinaus. Denn die HOOU soll sich zukünftig nicht nur auf Hamburg beschränken. Offenheit kennt keine geografischen Grenzen.         

Prof. Dr. Kerstin Mayrberger

Über Prof. Dr. Kerstin Mayrberger

Prof. Dr. Kerstin Mayrberger ist Mitglied in der hochschulübergreifenden Lenkungsgruppe der Hamburg Open Online University (HOOU) und an der Universität Hamburg, wissenschaftliche Leitung der HOOU@UHH und des Universitätskolleg.DIGITAL sowie Digitalisierungsbeauftragte der Universität Hamburg für Lehren und Lernen und Professorin mit Schwerpunkt Mediendidaktik.

E-Mail: kerstin.mayrberger@uni-hamburg.de
WEB: http://uhh.de/xo318
Twitter: @mayrberger