Wirksamkeit des Bund-Länder-Wettbewerbs über die Projektförderung hinaus

Ein Beitrag von Sigrun Nickel und Anna-Lena Thiele, wissenschaftliche Begleitung, 22.04.2020

1. Einleitung

In welchem Ausmaß und durch welche Maßnahmen gelingt es Projekten, ihre im Rahmen des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ erzielten Ergebnisse über den Förderzeitraum hinaus institutionell zu verankern? Zu dieser Frage hat die wissenschaftliche Begleitung nun eine empirische Studie vorgelegt, bei der die seit September 2017 abgeschlossenen 26 Projekte der 1. Wettbewerbsrunde (WR) untersucht wurden. Die Resultate fallen überwiegend positiv aus. So haben rund Zweidrittel der im Rahmen des Wettbewerbs entwickelten weiterbildenden Studiengänge und Zertifikatsangebote anderthalb Jahre nach Ende der Projektförderung weiterhin Bestand. Auch die veränderten institutionellen Rahmenbedingungen zeigen nach wie vor eine hohe Evidenz. Dennoch sind auch rückläufige Tendenzen zu beobachten. So erreichte fast ein Drittel der wissenschaftlichen Weiterbildungsangebote keine Implementierung nach Ende der Projektförderung oder die Angebote musste nach kurzer Laufzeit wieder aufgegeben werden.

Der Hauptauftrag der insgesamt 77 Förderprojekte des Bund-Länder-Wettbewerbs besteht in der Entwicklung und Erprobung innovativer wissenschaftlicher Weiterbildungsangebote[1] sowie deren möglichst dauerhafte Überführung in den Regelbetrieb. Dazu bedarf es nicht nur eines zielgruppenadäquaten Angebotsportfolios, sondern auch adäquater institutioneller Rahmenbedingungen. Die Förderung der Projekte erfolgt in zwei WR mit unterschiedlichen Laufzeiten. Während die Projekte der 2. WR noch bis Juni 2020 finanziell unterstützt werden, sind die Projekte der 1. WR bereits seit Herbst 2017 abgeschlossen. Vor diesem Hintergrund bot sich der wissenschaftlichen Begleitung die Gelegenheit, rund anderthalb Jahre nach Ende der 1. WR bei den ehemaligen Projekteiter*innen und -koordinator*innen nachzufragen, welche der im Zuge des Bund-Länder-Wettbewerb entwickelten wissenschaftlichen Weiterbildungsangebote weiterhin existent und welche Wirkungen auf institutioneller Ebene zu diesem Zeitpunkt noch evident waren. Zudem wurden die Befragten gebeten, aus ihrer heutigen Sicht Empfehlungen für die erfolgreiche Etablierung der wissenschaftlichen Weiterbildung in Hochschulen zu geben.      

2. Hohe Beständigkeit der entwickelten Angebote

Die Ergebnisse der empirischen Erhebung sind in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Außer der Tatsache, dass 71,5 Prozent der insgesamt 351 während der Projektlaufzeit entwickelten Angebote dauerhaft verankert werden konnten, sticht vor allem die Feststellung heraus, dass die Aktivitäten einiger Projekte auch noch nach dem Ende der finanziellen Unterstützung durch den Bund-Länder-Wettbewerb weitergegangen sind. So ist die Zahl der im Regelbetrieb laufenden berufsbegleitenden Studiengänge und Zertifikatsangebote, die im Zuge der Förderung konzipiert worden waren, zwischen Oktober 2017 und Mai 2019 noch einmal von 210 auf 251 angewachsen (vgl. Abbildung 1). Im Abstand von anderthalb Jahren ist es in dieser Hinsicht also noch einmal zu einer Steigerung um rund 20 Prozent gekommen. Hier macht sich möglicherweise bezahlt, dass in der Entwicklungsphase der Angebote oft Zielgruppen- und Bedarfsanalysen zum Einsatz kamen, mit deren Hilfe eine möglichst hohe Passgenauigkeit und Akzeptanz erreicht werden sollte.

Angebotsimplementierung in den ehemaligen Projekten der 1. WR


Abbildung: Angebotsimplementierung in den ehemaligen Projekten der 1. WR

Quelle: Online-Befragung CHE Centrum für Hochschulentwicklung 2019
N = 351; Angaben in absoluten Zahlen und Prozent
Frageformulierungen: „Wurde das Angebot in der Zwischenzeit in den Regelbetrieb überführt?“ und „Wird das Angebot weiterhin im Regelbetrieb angeboten?“


Zusätzlich zu den 251 implementierten Angeboten wurden 100 berufsbegleitende Studiengänge und Zertifikatskurse/-programme erfasst, die nach Projektende nicht mehr in den Regelbetrieb überführt (76) oder nach einer zunächst erfolgten Implementierung später wieder aufgegeben (24) wurden. Einer der Hauptgründe für das Scheitern ist eine zu geringe Nachfrage bzw. zu wenig Teilnehmende mit der Folge, dass die erforderliche Kostendeckung nicht gewährleistet werden kann.

3. Nachhaltige Veränderung institutioneller Rahmenbedingungen

Weitgehend positiv eingeschätzt werden die rund anderthalb Jahre nach Förderende in der eigenen Hochschule immer noch evidenten institutionellen Wirkungen durch die Wettbewerbsteilnahme. So ist aus Sicht der ehemaligen Projektleiter*innen und -koordinator*innen beispielsweise die Sensibilität der Lehrkörpermitglieder für die Themen „lebenslanges Lernen“ und „wissenschaftliche Weiterbildung“ nachhaltig gestiegen, auch wenn sie diese Bereiche noch immer unbedingt zu ihren originären Aufgaben zählen. Besonders produktiv hat sich die Wettbewerbsteilnahme offenbar auf die Quantität und Qualität der externen Kooperationen ausgewirkt. Nicht nur deren Zahl ist nachhaltig gestiegen, auch die Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen ist intensiver geworden. Insgesamt wird diesem Bereich eine deutliche Verbesserung attestiert.

Dennoch sehen die Befragten weiterhin auch etliche Probleme im Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung. Als besonders relevant kristallisieren sich zwei Felder heraus: Die Finanzierung der Angebote bzw. die Finanzierungsstrukturen der wissenschaftlichen Weiterbildung allgemein sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen auf Ebene der Bundesländer und des EU- bzw. Bundesrechts, innerhalb derer die Projekte und die wissenschaftliche Weiterbildung operieren.

Nach Ende der Förderung im Wettbewerb wird insbesondere die Verstetigung der Finanzierung der entstandenen Angebote als unzureichend empfunden. Die wissenschaftliche Weiterbildung, so die Forderung der Befragten, sollte stärker im originären Hochschulhaushalt berücksichtigt werden, um langfristige Wirkungen entfalten zu können. Dabei wird angenommen, dass sie sich aus hochschuleigenen Mitteln bzw. Gebühren- und Entgelteinnahmen finanzieren lassen. Teilweise wird deshalb eine Abkehr von der bestehenden Vollkostenfinanzierung angeregt, die bislang in den Gebühren- und Entgeltordnungen der Landeshochschulgesetze festgeschrieben ist. Dies würde eine Novellierung der bisherigen Finanzierungsstrukturen bedeuten. Als besonders dringlich empfinden die Befragten auch eine verstetigte Grundfinanzierung für die Entfristung bzw. unbefristete Einstellung von Personal in den Weiterbildungseinrichtungen.

Eng verwoben mit diesem Problembereich sind die bestehenden rechtlichen Reglungen. Diese spielen insbesondere für die Finanzierungsstrukturen eine entscheidende Rolle. So bereiten den Projekten die bestehenden Beihilferechtsbestimmungen Schwierigkeiten, die die staatliche Förderung von wirtschaftlicher Tätigkeit (wie der wissenschaftlichen Weiterbildung) als unzulässig einstufen. Die staatliche Förderung von wissenschaftlichen Weiterbildungsangeboten über die Projektfinanzierung hinaus ist damit problematisch. Weitere Problembereiche sind die Unterschiede in den rechtlichen Vorgaben der einzelnen Bundesländer.

4.  Faktoren für die erfolgreiche Etablierung wissenschaftlicher Weiterbildung in Hochschulen

Von den ehemaligen Projektleiter*innen und -koordinator*innen wurden Gelingensbedingungen in den nachfolgenden vier Bereichen genannt:

Kooperationen mit internen und externen Akteur*innen eingehen

Engagement und Support von Personen innerhalb der Hochschule sind von zentraler Bedeutung bei der Etablierung der wissenschaftlichen Weiterbildung in Hochschulen. Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist hier aus Sicht der Befragten die Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützungsbereitschaft der Hochschulleitung, dem Dekanat, der Verwaltung, der Fakultät, dem Senat und den Lehrenden. Darüber hinaus sollten Professor*innen frühzeitig einbezogen werden und Vereinbarungen zu deren Beteiligung schriftlich festgelegt werden. Gleichzeitig kann die Bildung von fakultätsübergreifenden Allianzen hilfreich sein, beispielsweise im Hinblick auf die strategische Verortung bzw. die Nachhaltigkeit geeigneter Unterstützungsstrukturen und -maßnahmen. Neben der Kooperation mit internen Akteur*innen ist die Zusammenarbeit mit externen Partner*innen hilfreich. Hierbei kann es sich um lose Kontakte zu Expert*innen handeln oder um formale Zusammenschlüsse durch die Gründung von Netzwerken. Für eine gute Zusammenarbeit ist sowohl bei der internen als auch bei der externen Kooperation eine intensive Kommunikation unabdingbar.

Angebotsentwicklung bedarfs- und nachfrageorientiert gestalten

Vor der Angebotsentwicklung sollten Markt-, Bedarfs- und/oder Zielgruppenanalysen durchgeführt werden. Der Bedarf des Arbeitsmarkts kann beispielsweise gemeinsam mit interessierten Unternehmen eruiert werden, um möglichst passgenaue Angebote entwickeln zu können. Weiterhin sollte aus Sicht der Befragten geprüft werden, ob es genügend potenzielle Teilnehmende gibt. Darüber hinaus sollte eine stringente Orientierung an den Bedürfnissen der Zielgruppe(n) erfolgen und immer aus der Sicht der „Kund*innen“ gedacht werden. Die Studierbarkeit, die Passfähigkeit der Formate (Präsenz- vs. Onlinelehre) und eine intensive Lernbegleitung und -beratung gilt es ebenfalls mitzudenken. Hierzu kann auch die anvisierte Teilnehmendenschaft bei der Angebotsentwicklung einbezogen werden, beispielsweise in Form einer dialogorientierten Zielgruppenanalyse. Hilfreich ist es zudem, wenn sich die Angebotsentwicklung an vorhandenen Erfolgsmodellen orientiert und/oder gemeinsam mit „starken externen Partner*innen“ bzw. Stakeholdern erfolgt. Im Sinne der Nachhaltigkeit der Angebote wird empfohlen, möglichst eng an bestehenden Studiengängen zu bleiben. Weiterhin sollten genügend finanzielle und personelle Ressourcen für den Aufwand der Lehrmaterial-Erstellung und der Bereitstellung einer geeigneten Infrastruktur, beispielsweise für das Distance-Learning, einkalkuliert werden. Diese werden nach Erfahrung der Befragten oftmals unterschätzt werden. Außerdem wird die Betreuung der Studierenden und der Lehrenden als aufwendig und pflegeintensiv eingeschätzt und sollte ebenfalls in die Kalkulation einfließen.

Nachhaltige Implementierung frühzeitig planen

Ein langfristiges und auf Dauerhaftigkeit angelegtes Konzept zur Verstetigung wissenschaftlicher Weiterbildungsangebote sollte bereits vor deren Entwicklung vorliegen. Bei hochschulübergreifenden Verbundprojekten sollten die Bedingungen von Beginn an mit allen beteiligten Institutionen geklärt bzw. abgestimmt sein. Die Finanzierung der Angebote nach Ende der Förderung ist hierbei von zentraler Bedeutung und aus Sicht der Befragten „sehr, sehr mühsam“. Zum einen ist eine genaue Kalkulation notwendig, wie das Angebot kostendeckend eingeführt bzw. betrieben werden kann. Zum anderen sollte frühzeitig geklärt werden, ob bzw. inwiefern das Personal nach Projektende weiter beschäftigt werden kann, um die Kompetenzen und das Wissen an der Hochschule zu halten. Wenn das bis dahin erfahrene Personal nach Projektende wegfällt, kann aus Sicht der Befragten bei jeder wissenschaftlichen Weiterbildung von vorne angefangen oder diese erst gar nicht verwirklicht werden.

Vorhandene Strukturen prüfen und gegebenenfalls erneuern

Zur Sicherung der Nachhaltigkeit der Angebote sollten die in den Hochschulen vorhandenen Strukturen frühzeitig in den Blick genommen werden. Als besonders geeignet für eine dauerhafte Verankerung der wissenschaftlichen Weiterbildung werden von den Befragten fakultätsübergreifende oder gegebenenfalls auch hochschulübergreifende Strukturen – wie z. B. zentrale Organisationseinheiten oder die Ausgründung in eine GmbH – gesehen. Sofern diese an der Hochschule vorhanden sind, kann bereits eine umfassende Beratung und Begleitung beim Entwicklungsprozess erfolgen. Vorteile werden insbesondere darin gesehen, dass zentrale Organisationseinheiten oder Ausgründungen eigenständig arbeiten, wirtschaftlich denken und handeln und in der Regel langfristig bestehen. Dagegen sind Hochschulen ohne spezifische Weiterbildungseinrichtung aus Sicht der Befragten mit den Mechanismen wirtschaftlicher Tätigkeit organisatorisch überfordert, weil es insbesondere in der Verwaltung und Führung kein Personal gibt, das betriebswirtschaftlich denkt, handelt und arbeitet. Dadurch ergeben sich Probleme sowohl bei der finanziellen Abwicklung und auch bei der Werbung für die Angebote.

Die vorgestellten Ergebnisse sind ein Auszug aus der Studie „Wirkungen über die Projektförderung hinaus: Analyse einer Ex-post-Befragung der 1. Wettbewerbsrunde“, die als thematischer Bericht der wissenschaftlichen Begleitung erschienen ist. Die Publikation ist unter folgendem Link abrufbar: http://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0111-pedocs-184840

Für Rückfragen:

Dr. Sigrun Nickel, Mitglied im Leitungsteam der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“, E-Mail: sigrun.nickel@che

Anna-Lena Thiele, Mitarbeiterin der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“, E-Mail: anna-lena.thiele@che.de



[1] Mit dem Begriff „wissenschaftliche Weiterbildungsangebote“ oder kurz „Angebote“ werden in dieser Untersuchung unterschiedliche Formate der wissenschaftlichen Weiterbildung bezeichnet: berufsbegleitende und duale Studiengänge, Zertifikatsprogramme und -kurse, Certificates of Advanced Studies (CAS), Diplomas of Advanced Studies (DAS) sowie Vorbereitungskurse/Brückenkurse/Propädeutika. Davon abweichende Formate werden separat ausgewiesen.